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Horst Evers: Clever Reisen

»Also, die Bahn!!! Für mich sind das alles Verbrecher! Alle, wie sie da sind! Alle! Von wegen Bahn-Card, halber Preis, das ist doch nur eine raffinierte Werbelüge, um davon abzulenken, daß in Wirklichkeit alle, die keine Bahn-Card haben, eigentlich den doppelten Preis bezahlen! Aber nicht mit mir. Ich weiß mich zu wehren!«

Frederik war in seinem Element. Sein Element und liebstes Gesprächsthema war wie immer: Wie der clevere Frederik den fiesen Geschäftemachern und Halsabschneidern allüberall, durch seine überragende Intelligenz immer wieder ein Schnippchen schlägt.

»Wenn ich beispielsweise nach Hannover muß, kaufe ich immer nur eine Karte bis Wolfsburg und schlafe dann im Zug überraschend unmittelbar vor Wolfsburg ein. Wenn dann hinter Wolfsburg der Schaffner durch unser Abteil geht, schrecke ich auf und schreie Oje, oje, in Wolfsburg da mußte ich doch raus. Oje, oje. Der Schaffner tröstet mich, sagt, ich soll einfach von Hannover aus zurückfahren, drückt ein Auge zu, ich fahre von Wolfsburg bis Hannover umsonst und hab ganz schön Geld gespart. Paar Mark zwar nur, aber das läppert sich.«

Interessanter Plan. In zwei Tagen mußte auch ich nach Hannover. Frederiks Bahnplan schien erprobt, was sollte da schon schiefgehn. Und so cool und ausgefuchst wie Frederik war ich ja wohl schon lange. Am nächsten Tag kaufte ich mir eine Fahrkarte nach Wolfsburg.

Die ganze Nacht vor meiner Abfahrt tat ich kein Auge zu. Viel zu aufgeregt war ich aufgrund meines unmittelbar bevorstehenden großen Coups. In der U-Bahn auf dem Weg zum Bahnhof bewahrte ich mein Pokerface. Niemand in meinem Waggon hatte auch nur die geringste Ahnung, mit welch brillant kriminellem Genie sie da U-Bahn fuhren.

Lässig bestieg ich am Bahnhof Zoo den Zug und überreichte dem Schaffner meinen Fahrschein.

»Sie fahren bis Wolfsburg?«

»Ganz genau.«

»Das ist ja prima. Hee, komm mal her.«

Er winkte einen kleinen Jungen heran.

»Das Kind reist allein und muß auch nach Wolfsburg. Hier Junge, der nette Mann kümmert sich bestimmt um dich und paßt auf, daß du in Wolfsburg mit ihm aussteigst.«

Mein wasserdichter Plan bekam plötzlich undichte Stellen. Der Schaffner war zufrieden und zog von dannen. Das Kind begann zu plappern:

»Ich heiße Torben und du?«

»Sag ich nicht. Aber wenn du willst, kannst du mich ruhig: Der große, dumme Mann nennen.«

»Okay. Meine Eltern holen mich am Bahnhof ab. Was machst du in Wolfsburg?«

»Auf den Zug nach Hannover warten.«

»Aber dieser Zug fährt doch auch nach Hannover!«

»Ich weiß.«

»Bist du traurig.«

»Geht so.«

»Na, da ist es ja gut, das Schaffner mich zu dir gebracht hat. Da kann ich dich ja vielleicht ein bißchen aufheitern.«

»Hör zu, ich sag dir kurz vor Wolfsburg Bescheid, damit du da aussteigst; und du läßt mich hier im Zug schlafen. Okay?«

»Aber dann verpaßt du Wolfsburg.«

»Ich glaube nicht, daß ich da was verpasse.«

»Aber der Schaffner hat gesagt, du steigst mit mir in Wolfsburg aus, und paßt auf mich aus.«

»Das ist mir egal.«

»Gut, dann geh ich zum Schaffner und …«

»Du gehst nicht zum Schaffner!«

»Nur wenn du mit mir aussteigst?«

»Na gut, wir werden ja sehen, wer sich durchsetzt.«

Als wir in Wolfsburg aussteigen, sind keine Eltern am Bahnhof.

»Und? Wo sind jetzt deine Rabeneltern?«

»Ich weiß nicht, vielleicht warten sie am Bahnhof in Gifhorn.«

»Gifhorn?«

»Da wohnen wir. Bringst du mich dahin?«

»Den Teufel werd ich tun. Ich bring dich jetzt zur Bahnhofsaufsicht, da kannst du ein paar Stunden bleiben und wenn sich deine Eltern dann immer noch nicht gemeldet haben, kommst du in ein schönes Heim, wo du mit vielen Kindern spielen kannst.«

Der Kleine fängt an zu weinen. Die anderen Passanten bleiben stehen und beobachten uns.

»Immer sagst du, ich soll ins Heim, Papa.«

»Nenn mich nicht Papa.«

»Doch Papa. Dabei bin ich dir nur nachgefahren, damit du nicht wieder alles Geld vertrinkst und Mama die ganze Nacht weint.«

Die Passanten bilden einen Kreis um uns.

»Hör jetzt auf.«

»Nein, bitte hau mich nicht!«

Die Menschenmenge wird zu einer Zusammenrottung und beginnt tieftonig zu grummeln. Obwohl ich mich nicht wie der Klügere fühle gebe ich nach, drücke Torben so fest ich nur kann an mich und beginne zu weinen. Dazu brauch ich mich nicht mal zu verstellen.

Vom Fahrplan erfahre ich, daß der Regionalzug nach Gifhorn in 40 Minuten fährt. Naja, wo ich schon mal hier bin kann ich mir dann auch solange mit Torben Wolfsburg anschauen. Ich suche mir einen Passanten, der nicht bei der Menschenmenge dabei war und frage ihn nach dem Weg zur Stadt. Er starrt mich an. Ich frage nochmal. Er starrt mich immer noch an. Ein drittes Mal:

»In die Stadt, ist das lang zu laufen, oder ist das gleich hier am Bahnhof?«

»Nee, da vorm Bahnhof ist nur Wolfsburg, wenn Sie in die Stadt wollen, steigen Sie am Besten in den Zug nach Hannover.«

Auch unser Regionalzug fährt über Gifhorn nach Hannover. Na immerhin. Unser Zug hat nur 25 Minuten Verspätung, so daß wir gerade mal eine Stunde warten müssen. Das ist Glück.

Der Regionalzugschaffner ist für einen Norddeutschen überraschend redselig.

»Soso, von Wolfsburg kommen Sie?«

»Naja, genaugenommen von Berlin.«

Er grinst.

»Verstehe, kenn ich, solche ham wir oft. Und kurz vor Wolfsburg konnten Sie einfach nicht einschlafen, was?«

Soviel zu Frederiks brillanten, geheimen Supertrick. Klar, war auch viel Pech bei. Trotzdem bin ich mittlerweile skeptisch, ob ich auch seinen zweiten Supertrick, durch den einmaligen Erwerb einer gebrauchten Wachschutzuniform mit Schäferhundattrappe jahrelang BVG-Gebühren sparen, unbedingt ausprobieren sollte.

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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