Jochen Schmidt: Wie ich mal meine Schwiegermutter in Spe zum ersten Mal sah
Meine Schwiegermutter in spe sprach außer Bulgarisch nur Russisch, deshalb hatte ich sie mir aber nicht ausgesucht, sondern ihre Tochter war eigentlich der Hauptbeweggrund gewesen. Ein reizendes Mädchen, ich dachte sofort: Die paßt zu mir. Aber vor den Erfolg hatten die Götter den Schweiß gesetzt, in diesem Fall den ersten Familienabend. Die Familie hatte nämlich eine Art Sturmbahn für mich organisiert, die nur aus Eskaladierwänden bestand. Zuerst zeigte mir die Cousine, die mal in Ungarn gewesen war, Fotos von praktisch quasi allen Gebäuden aus Ungarn, die heute noch stehen, mit sich davor. Zum Beweis, daß sie nicht geschummelt hatte hielt sie große Bildbände mit denselben Gebäuden, ohne sich drauf, mir vor die Nase. Dann kam ein Videofilm mit dem Abiturball meiner Frau in spe. Zwei Stunden durfte ich zu Gast sein bei einem rauschenden Fest, von dem der Film manchmal sogar was zeigte.
Dann kam das größte Hindernis, das Abendessen. Meine Schwiegermutter in spe ließ mich nicht aus den Augen, und wenn ich nicht kaute, dachte sie, sie hätte mich beleidigt. Sie fragte mich dann auf Russisch, ob ich krank sei, ich antwortete auf Russisch, daß ich nicht mehr könne, und sie verstand kein Wort, oder tat so, oder beides. Ihre Gesichtsfalten hatte sie zur Feier des Tages mit Farbe ausgespachtelt und auf dem Kopf trug sie ein Storchennest, dazu besaß sie einen schweigsamen Mann und einen, bei jeder Bewegung ziemlich störenden Körper. Auf ihren Jugendfotos, die ich bald alle kannte, sah sie allerdings noch genauso aus wie meine Frau in spe. Ich sah mir meine Frau in spe daraufhin mit meinem siebten Sinn an. Würde sie sich auch ein Storchennest wachsen lassen? Und aß sie nicht ziemlich viel? Und war sie nicht dabei, einen ebenso schweigsamen Mann zu heiraten? Würde unsere Tochter auch genauso aussehen wie sie? Würde sich das verwöhnte Gör am Ende irgendwann so einen wie mich aufgabeln und zu uns nach Hause bringen, und ich müßte zusehen, wie er mir scheinheilig lächelnd die Haare vom Kopf frißt, meine Tochter bumst und erwartet, daß ich ihm auch noch mein Auto borge? Das könnte er sich abschminken, dieser hergelaufene Wikinger! Ich würde ihm schon das Wörtchen Benimm deklinieren, diesem Profitler der Tricksereien von Daimler Benz und Deutscher Bank. In Bulgarien weiß man noch, wie man sich zu wehren hat, da war schon so mancher Schlaumeier mit abgeschnittener Zunge in einer Felsspalte wieder aufgewacht, wenn überhaupt.
Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich mit meinem Schwiegervater in spe Traubenschnäpschen trank. Endlich hatten wir ein Thema gefunden, warum war ich nicht gleich darauf gekommen? Es gab so viele Bulgaren in der Bundesliga, wir hauchten uns ihre Namen zu und lächelten verschwörerisch. Allerdings sprach er nur Bulgarisch, weshalb wir nicht mehr als die Namen der Spieler hatten um uns zu unterhalten. Ich knallte mir die Birne zu, in der Hoffnung, er würde mir das hoch anrechnen und uns doch noch das Auto borgen. Ich lobte sogar die Verbrechertruppe um Hristo Stoitchkow, die damals 1994 in Amerika, naja. Alles nur, weil ich erleben wollte, was die Sachsenkohorten am schwarzen Meer für Augen machen würden, wenn einer der vermeintlich Ihren mit einer einheimischen Perle im Arm dort auftauchte. Diese notorischen Neidhammel.
Als meine Schwiegermutter in spe sah, daß ich nichts mehr essen wollte, dachte sie, ich hätte Hunger auf etwas, was sie noch nicht auf den Tisch gestellt hatte. Da war aber nichts mehr im Haus, was nicht längst vor mir stand. In dem Moment huschte die Katze durchs Zimmer. Ich hatte versucht, nicht hinzusehen, aber schon war einer der zahlreichen Cousins auf ein Zeichen der Mutter hin dem Tier hinterhergesprungen. Ich suchte noch nach einem passenden russischen Sprichwort, um auszudrücken, daß das jetzt nicht Not tat. Zu spät. Als Hors d’oeuvre sah das Kätzchen genauso aus wie die gebackenen Paprikastreifen. Aber war es wirklich Paprika gewesen? Und wo hatte Höflichkeit eigentlich ihre Grenzen? Ich warf einen Blick auf die Tochter, sie aß. Der Vater schnitt mir vor seinem geistigen Auge die Hoden ab, die Cousine redete, wie ich jetzt bemerkte, immer noch auf mich ein, und die Mutter sah mich an wie ein Geschenk des Himmels, für das man sogar mal seine Katze schlachtete, die Kaprizen des Gasts sind dem bulgarischen Gastgeber noch heilig. Ich mußte hier raus. Ich riß das Töchterchen von den Palatschinken los, in denen es seine Hände badete und rannte weg. Hinter uns das Klirren von tausend Messerklingen, von rechts, wo das schwarze Meer lag, kamen schon die ersten Sachsen angestürmt, diese notorischen Neidhammel, oben lag Rumänien, das war jetzt auch keine Alternative, also rannte ich mit meiner Frau in spe unterm Arm nach Ungarn, da kannte ich mich ja dank der Cousine bestens aus. Da ich mich beeilte kamen wir irgendwann an, in Berlin sozusagen. Meine Frau in spe hatte natürlich sofort abwechselnd Hunger und Heimweh. Leider aß sie kein Fleisch, und die Salate waren angeblich nicht so gut wie zu Hause, und überhaupt, wo hatte ich sie hinverschleppt, sollte das Deutschland sein? Wo waren denn die Sachsen? Naja, ich hab sie ziehen lassen, oder hätte ich ihr vielleicht die Zunge abschneiden sollen? Das heißt, jetzt wo ichs sage, wär vielleicht keine schlechte Idee gewesen. Hab ich in der Aufregung gar nicht dran gedacht.
