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Jürgen Witte: Auf der Suche nach einem passenden Bild fürs Landleben, wie es sich heute darstellt

Ich war in Bayern. Ich war dort, wo die Menschen noch ein unverkrampftes Verhältnis zu ihren Ausscheidungen haben. Ich war auf dem Land, wo kurz jenseits des Dorfrands regelmäßig unvermittelt eine Straße ins scheinbare Nichts abgeht. Eine Straße, ein Richtungspfeil: Zur Kläranlage. Wo du auch hinkommst in Bayern, das immer gleiche Hinweis-Schild zur Kläranlage. Manchmal auch ein ähnliches Schild, das den Weg zum abgelegenen Sportplatz oder zur Schießanlage weist, oder zum Gewerbegebiet, aber solche sind im strukturschwachen fränkischen Steinwald eindeutig in der Minderheit.

Ha, schon wieder, kaum haben wir das Ortsschild von Pullenreuth hinter uns gelassen - vier Kilometer bis Lochau - da geht’s rechts ab zur Kläranlage. Man ist hier noch stolz auf seine Kanalisation. Seht alle her, da geht es hin unser Waschwasser, hier landet unsere Kacke. So ist es auf dem Land, wo die Menschen noch ein natürliches Verhältnis zu ihren Ausscheidungen haben.

Es ist Spätsommer, die meisten Felder sind schon abgeerntet, und die über Monate in Silos gesammtelte Gülle, die angefallenen Berge Mist werden nun großzügig über die stoppligen Felder verteilt. Das Land ist benebelt von den Ausdünstungen intensiver Landwirtschaft. Was sollen diese Hinweisschilder zu irgendwelchen abgelegenen Kläranlagen. Hier stinkts überall. Der ganze Boden rundum ist eine einzige riesige überlastete Kläranlage. Und immer wieder Stellen, wo längst nichts mehr wächst. An den Einfahrten zu den Feldern, dort wo versehentlich über die Jahre hinweg viel zu viel von der guten Gülle gelandet ist.

Wir als Durchreisende und Suchende benutzen gerne kleine Wege und scheinbar ins Nichts führende Pfade, Entdeckerlust treibt uns. Aber nie wieder, das haben wir gelernt, nie wieder folgen wir den Pfeilen zu den Kläranlagen. Diese, zumeist gut ausgebauten Straßen, manche ziert gar beiderseits ein neumodischer Trottoir, wie man ihn auf dem Lande selbst in den Dörfern nicht immer findet, führen tatsächlich immer und einzig zur Kläranlage. Und dann ist Schluß.

Ein kleines Fleckchen Betonfortschritt mit nagelneuer Umzäunung abseits der geraniengestützten dörflichen Idylle. Unvermittelt in die Landschaft gesetzt wie eine Mittelstreckenraketenabschußrampe. Aber gut ausgeschildert. Kein Wäldchen oder Weiher in Sicht, nichts was dem Reisenden als Attraktion angedient werden kann. Kläranlangen stehen selbst in der schönsten Landschaft immer am häßlichst möglichen Platz. Welche Weitsicht und was ein Einfühlungsvermögen. Das hätte man den Nebenerwerbspolitikern, die hier in den Dörfern das Sagen haben gar nicht zugetraut.

Zeichnung von Anna Zimmermann

Weg treibt’s den Urlauber vom Fortschritt, den kennt er zu Genüge, er sucht naturbelassene Attraktionen. Am besten jene, die noch nicht durch nahegelegene Parkplätze, Zubringerdienste mit gummibereiften Pferdewagen und Nebenerwerbsandenkenhändler mit zugehörigem Bratwurstfachhandel eindeutig als ortstypische Attraktion am Straßenrand erkennbar sind. Wo ein Wasserfall ist, da ist heute ein Zwergenland nicht weit. Und ein auffällig hoher Berg mit Aussichtspunkt bietet allemal noch Platz für zwei exakt preis- und angebotsgleiche Terrassenrestaurants und eine idyllisch ratternde Sommerrodelbahn.

Aber auch wer die vollerschlossenen Feriengebiete meidet, sich mit nicht ganz so hohen Bergen und stiller plätschernden Wasserläufen zufrieden gibt - dabei fährt man auch schon mal einem Hinweis zum Steinbruch nach und landet auf der regionalen Bauschuttdeponie - er entkommt dem Fortschritt niemals.

Die Gasthöfe abseits der Bundesstraßen und außerhalb der professionell gemanagten Ferienziele sind mangels echter Touristen, und seien sie noch so lauschig gelegen, zum Geheimtip für Fernfahrer oder zur preiswerten Pension für moderne Wandermonteure mutiert. Die lokalen Landwirte sind, angestachelt von Tractor-Pulling Events auf Satellitensportkanälen längst auf überbreite und haushohe Monstertraktoren umgestiegen, die, was ihrer Lärmentwicklung bei Vollgas angeht, eine F 16 im Tiefflug wohl zu übertreffen wissen. Ja auch die Bauern habens immer eiliger. Kaum einer noch, der sein Gras mäht, es wendet und wendet, bis die Sonne das Grünzeug in trockenes Heu verwandelt hat, das sich in den Scheunen wohl verwahren läßt. Überall auf den Wiesen liegen wahllos verstreut geblähte, schmutzigweiße Plastikungetüme, rund wie ein Traktorhinterrad, und drei bis vier mal so dick. Der Silagerundballen, von der Form her gemahnt er an das fast vergessene orientalischen Sitzkissen, die Fußablage der vor-Fernsehsesselzeit. Beige und graue Silagerundballen allenthalben. Immer in Gruppen zu drei oder mehr versammelt. Häßliche Gärreaktoren in denen sich gemähtes Gras von der Sonnenhitze angeregt eiligst in verfütterbare Mampfpampe für Mastkälber und Milchvieh verwandelt.

Oder ist es Konzeptkunst? Landart? Braucht der moderne Mensch die Scheußlichkeit dieser Kunststoff-Fremdkörper auf den Wiesen, um die Ästhetik einer Wiese als solche erst zu vermissen und also wieder erleben zu können?

Monstertraktoren, Kläranlagen und Silagerundballen, irgendwie ist es, wenn man dazwischen hindurchschaut, doch sehr schön auf dem Land.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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