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Tube: Ich war einmal ein kleiner Gott

Zu jeder Antwort gehört eine Frage.

Kennt man zum Beispiel die Antwort, die da lautet: »4 Uhr 35«, ist auch die Frage klar, nämlich: »Seit wann wird zurückgeschossen?«

Doch manchmal geschieht es, daß irgendwo, ganz unvermittelt eine Antwort auftaucht, zu der die Frage fehlt. Zum Beispiel auf der Straße: Ich stehe auf der Straße, ein Mensch mit Telefon am Ohr kommt vorbei und sagt Ja.Einfach nur Ja. Zu was hat der Ja gesagt, hä? Doch die quälende Antwort - »Ja« - läßt er unbefragt im Winde rauschen und zieht weiter seines Weges.

Bei anderer Gelegenheit … Ich fröne dem Beischlaf, kann jedoch nicht, weil meine Partnerin zu laut schnarcht, und mit einem Mal spricht sie im Dusel: »Nein Dieter, nicht jetzt«, ohne die passende Frage zu erwähnen. Antworten, zu denen die Frage fehlt, können grausam sein, genauso grausam wie Fragen, wozu die Antwort fehlt und fast so grausam wie Fragen, wozu die Antwort fehlt und die Frage auch.

Es war an einem lauen Juniabend, ich blickte versonnen aus dem Fenster und stellte mir die Frage aller Fragen, die Frage wegen der die Menschheit schon so manche Schlacht gefochten hat: »Gibt es ein Wesen, das allwissend ist, das die Macht hat, das Geschehen auf diesem Planeten zu steuern, ein Wesen, das jede Frage beantworten kann wie zum Beispiel auch die folgende: Gibt es ein Wesen, das allwissend ist, das die Macht hat, das Geschehen auf diesem Planeten zu steuern?«

Ich stellte mir vor, ich hätte ein riesiges Pult mit Knöpfchen und Reglern auf dem Fensterbrett und könnte damit die Abläufe da unten auf der Straße lenken. Der hübschen Frau vom Eisstand zum Beispiel, hätte ich in den Kopf gedreht, daß sie voll auf mich abfährt, deshalb zu mir heraufgelaufen kommt und mich will. Aber leider hätte ich für sie keine Zeit, da ich das Schicksal der vielen anderen Gestalten noch beeinflussen müßte.

Ich sah die alte Schlibrowski, wie sie die Straße überquerte und einen LKW für sie bremste. Ein Knopfdruck von mir, und das Auto dahinter wäre am Nummernschild des Lasters zerschellt, die Schlibrowski hätte sich erschrocken, eine Herzattacke bekommen und wäre dahingesunken.

Ja! Es mußte dieses allmächtige Wesen geben, das irgendwo an lauter Knöpfchen und Reglern saß und die Welt regierte, denn es gäbe nichts langweiligeres für einen Gott, als eine heile Welt zu beherrschen, wo sich alle lieben, wo es keine Blinden, keine Morde, keine Katastrophen und keine Kriege gibt.

Wer irgendwann einmal SimSity gespielt hat, weiß, wovon ich rede. Hat man erst einmal die schönste Stadt geschaffen, wird es langweilig und man versucht die Spannung durch ein Monster hier oder ein Erdbeben da, aufrechtzuerhalten.

Die Schlibrowski kam nach Hause in ihre Wohnung, direkt gegenüber von mir. Ich sah, wie sie sich vor den Fernseher setzte und die volkstümliche Hitparade einschaltete.

Um Gottes Willen! Konnte ein allmächtiges Wesen denn so etwas zulassen? Nein! Niemals! - Auf keinen Fall! Und ich selbst leckte nun ein kleines Tröpfchen des süßen Honigs der göttlichen Macht, nahm die Fernbedienung meines Fernsehers, der mit der von der Schlibrowski kompatibel war, und schaltete bei ihr auf MTV. Die verblüffte Alte fingerte an ihrer Fernbedienung herum und schaltete zurück. - Ich auch, auf MTV. Die Schlibrowski stand auf und pochte gegen ihr Fernsehgerät. Ich schaltete zur Hitparade. Im Glauben, dies war eine Reparatur, bequemte sich die Frau zurück in ihren Sessel. Ich schaltete zu MTV. Die Schlibrowski wieder stand auf, holte die Fernbedienung, die sie auf dem Apparat vergessen hatte und zappte zurück. Ich auch, auf MTV, sie zurück, ich hin, sie zurück, ich hin, und sie - zurück.

Sie wagte es tatsächlich, dem Willen des Allmächtigen zu widerstehen. Sie glaubte doch nicht etwa wirklich, daß sie mit dieser unerhörten Zapperei ungestraft davonkäme. Nein! Damit hatte sie den Zorn des Herrschers auf sich gezogen. Ein donnerndes Gewitter sollte über sie herniederollen, die Rache des Herren mußte sie zu spüren kriegen, an den Füßen, in Mark und Bein wird sie nun erschüttert werden.

Schünemann, der unter der Schlibrowski wohnt, war nicht zu Hause, und ich schaltete seine Stereoanlage ein, zwei mal 160 Watt, bis zum Anschlag aufgedreht. Bei der Schlibrowski tanzte die Kaffeekanne, hüpfte herunter vom Tisch und zerschellte auf ihren Füßen. Ich schaltete bei ihr auf MTV und drehte den Schallpegel empor. Die Schlibrowski tanzte wild in ihrer Wohnung umher, holte schließlich eine Axt aus ihrem Schrank, lief eine Etage tiefer, machte die Wohnungstür von Schünemann kaputt und danach seine Stereoanlage. Schünemann kam gerade heim, guckte verdutzt, entriß der Alten die Axt, hastete ein Stockwerk nach oben und zertrümmerte einen Fernseher.

An dieser Stelle versiegte aus technischen Gründen meine Macht. Das Spiel des kleinen Gottes war vorüber. Ich konnte keinen Einfluß mehr auf den folgenden Kampf der beiden da drüben nehmen. Doch eines wußte ich jetzt: Jeder Krieg, jede grausame Tat, die die je Menschen gegeneinander verübten, geschah nur allein im Kampf gegen Gott, den Allmächtigen, den Steuerer, dessen Macht wir uns am Ende nur durch die totale Selbstzerstörung entziehen können.

»Laßt euch nicht runterkriegen! Macht weiter so! Irgendwann werden wir uns alle vom Joche der Allgewalt befreit haben«, entschlüpfte es mir spontan.

Ich blickte wieder nach unten auf die Straße, wo ein kleines Kind mit einem funkferngesteuerten Rennauto spielte. Auf der Motorhaube des Modells leuchtete die Startnummer 42. Und plötzlich machte das Fahrzeug einer überraschende Kurve nach links, dann nach recht, und wieder nach links, hoppelte vom Bürgersteig hinab auf die Straße und wurde von einem vorüberfahrenden LKW zerquetscht.

Das Kind weinte und fragte: »Warum?«

 

Copyright: Tube

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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