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Matthias Herrmann: Sunny, Sylvie & Ich

Die Fenster ihres Zimmers am Rosenthaler Platz standen offen, und ich konnte die Orange geschlemmten Wände erkennen.

»Warum sitzt sie nicht im Fenster und wirft mit Olivenkernen nach mir?« fragte ich mich. Olivenkerne mit ihrem Speichel getränkt, die ich dann auffing, in dem ich wie ein Fisch vor ihrem Haus herumhechtete, um nach den abgelutschten Kernen zu schnappen, sie hinunterzuwürgen und davon eine Erektion zu bekommen. Doch heute gab’s keine Kerne, und ich rätselte darüber, was Sylvie gerade machte?

Das Tarot hatte mir Mut gemacht, denn bevor ich zu Sylvie fuhr, hatte ich mir den kleinen Lebensbaum nach Marlies Burghardt gelegt. Auf der rechten Position, die da lautet: »Das sollten Sie tun«, da war die Karte »Die Liebenden« aufgetaucht.

»Die Liebenden«, das war das, was ich wollte. Das war meine Hoffnung. Mein Traum. Seit 6 Wochen. Seit ich Sylvie kannte.

Das Treppenhaus war ebenso schwarz wie die Hausfassade, und als ich in den Hinterhof blickte, huschte gerade eine Ratte vom linken in den rechten Seitenflügel.

Vor ihrer Tür im ersten Stock lag die Ikea-Fußmatte aus Kokosfasern, die mit dem Motiv einer großen, gelben Zitrone bedruckt war. Ich hatte ihr den Abtreter zum Geburtstag geschenkt. Die Zitrone sollte das Frische symbolisieren, dass ich hoffte, in ihr Leben bringen zu können. Ich stellte mir vor, wie sie barfuß über die Zitrone lief und mir dann ihren Fuß ins Gesicht stellte: Fußschweiß und Zitronensaft liefen mir in die Kehle. Ah!

In der Nachbarwohnung befand sich übrigens eine Außenstelle des Bezirksamtes Mitte. Dort untersuchte die Amtsärztin vernachlässigte Kinder, deren Schluchzen man manchmal in Sylvies Zimmer durch die Wand hören konnte. Sylvie sagte dann immer: »Ich hatte eine glückliche Kindheit auf dem Land.«

Aus Sylvies Wohnung hörte ich jetzt Sabrina Settlur singen: »Du liebst mich nicht. Du liebst mich einfach nicht.« Ich hoffte, daß Sylvie dieses Lied für mich spielte. Ich hoffte, daß sie mir damit ein Zeichen geben wollte, daß sie mir sagen wollte: Gesteh mir Deine Liebe, denn ich trau mich nicht. Vielleicht war heute der Tag gekommen. Es ihr zu sagen. Ich klingelte. Sie öffnete und sagte sanft: »Hallo. Wie geht’s dir denn?«

Sie trug ihre Combat-Hose und das Muscle-Shirt, das ihre kräftigen Volleyballerinnenoberarme betonte. Ich sagte: »Du sitzt ja gar nicht im Fenster«, und hielt ihr die Rosmarinzweige entgegen, die ich für sie gepflückt hatte.

»Was ist denn das?« fragte sie.

»Rosmarin«, sagte ich und lief ich an ihr vorbei in die Wohnung, weil ich ihre Nähe nicht aushielt und der Duft ihres Körpers ... nun gut, tja, wow! Ich lief jedenfalls in die Wohnung, doch als ich gerade die Küche passieren wollte, saß' da einer. Am Küchentisch. Er hatte schwarze Haare und schwarze Haut. Und er war barfuß und zeigte seinen nackten Bauch.

»Das ist Sunny. Ein Freund von mir. Aus Chicago«, stellte Sylvie ihn vor.

Ich sagte: »Hallo!« und dachte an die Tarotkarten und daran, daß sie mich wohl verarscht hatten: »Die Liebenden! Pfff!«

Sunny hielt mir seine Hand hin. Ich nahm sie und schrie »Autsch!« denn Sunny quetschte meine Hand wie einst Seewolf Harmstorf die Kartoffel.

»Uuh! Au!« schrie ich.

»You hurt me! You broke my fingers!« schrie ich.

Was wollte er mir mit diesem eisernen Händedruck sagen? Ein rustikaler Freundschaftsbeweis? Oder: Verpiß Dich. Laß die Finger von der Braut. Sylvie versuchte die Situation zu retten: »Ach, daß wollte er nicht. Jetzt sei nicht so.«

Und er schrie: »I’m a straight up nigga, man!«

Und Sylvie stand neben ihm, und er nahm ihre Hand und streichelte sie. Ich setzte mich Sunny gegenüber an den Küchentisch und dachte: »Tarot, lügst du? Wo sind hier »Die Liebenden«? Kann das denn wahr sein? Warum muß ich das erleben? Warum?«

Inzwischen hatte Sylvie einen Mozarella-Tomaten-Salat zwischen uns auf den Tisch gestellt.

»Basil would be good«, sagte Sunny.

Ich fragte Sylvie, woher sie sich kennen.

»Sunny arbeitet ab und zu im Eimer als Tellerwäscher. Ich habe ihn auf einem Konzert kennengelernt. Sunny will mir helfen, »die Braut« dahin zu vermitteln.«

Sylvie sagte immer »die Braut«, wenn sie die Band »Die Braut haut in’s Auge« meinte. Sylvie mochte auch »die Sterne«, und ich fragte mich, warum sie so depressive Musik hörte, wo sie doch diese glückliche Kindheit in Paderborn verlebt hatte? Sylvie träumte davon, »die Braut« zu managen.

»Wenn es mit dem Referendariat nicht klappt, dann mache ich das.«

Ich fragte Sunny, ob er »die Braut« kennt? Er kannte sie nicht. Aber er hatte als Dejay in Chikago gearbeitet. Ich sagte: »Wow!« und er griff wieder nach Sylvies Hand und knetete sie. Und sein Bauch glänzte sehr schwarz. »Sunny war heute mit mir im Kaufhaus. Er hat mir beim Weckerkaufen geholfen.«

Ich hatte Sylvie meinen Wecker geliehen, und sie hatte ihn kaputt gemacht. Ich mußte den Weckdienst anrufen um nicht zu verschlafen.

»Du mußtest ja genau den gleichen Wecher haben... ! Es war ganz schön schwierig, den richtigen Wecker zu finden. Sunny hats auch nicht verstanden.«

Sunny grinste mich an, und Sylvie stellte den neuen Wecker vor mir auf den Küchentisch.

»Danke«, sagte ich und ließ ihn meiner Hosentasche verschwinden. Er sah ganz genauso aus, wie mein weißer Braun-Reisewecker, den ich ihr geliehen hatte.

»Ich hatte das Gefühl, das war eine Erziehungsmaßnahme«, sagte Sylvie. »Na, ja...« stotterte ich. Sollte ich ihr sagen, daß ich mittels des Wecker versucht hatte, in ihr Schlafzimmer vorzustoßen? Daß der Wecker sozusagen getränkt war von meiner Sehnsucht und Geilheit und Liebe. Und sie hatte ihn kaputtgemacht. Mit einem Schlag ihrer Volleyballerinnenfaust hatte sie ihn zerschmettert. Ich verfluchte meine Spießigkeit und überlegte, wie ich das Thema wechseln könnte. Ich fragte Sunny: »Und was machst du in Berlin?«

»Ich arbeite auf dem Catwalk!« sagte er. Ich blickte ihn fragend an.

»So nennen wir unsere Baustelle. Bei Sony. Am Potsdamer Platz. Wir verlegen da ganz oben die Kabel. Wenn wir fertig sind, gehts zur nächsten Baustelle. Egal wohin. Ich bin ein Spezialist. Vorher waren wir in Bahrain.«

Nun war mir klar, woher dieser Händedruck kam. Er war ein richtiger Bauarbeiter.

»Und ihr arbeitet ganz oben?«

»Klar, Mann. Du solltest mal mitkommen. Beim ersten Mal macht sich jeder in die Hosen. Du auch. Garantiert. Ich hab ein Foto von mir, das haben sie gemacht, als ich das erste Mal oben war. Wenn du genau hinschaust, siehst du den dunklen Pißfleck auf meiner Hose. Ich habe es meiner Mutter geschenkt, aber sie weiß nichts von dem Fleck und sie mag das Bild nicht.«

»Warum?« fragte ich.

»Mein Onkel arbeitete auch auf dem Catwalk. Eines Tages fiel er runter. Keine Chance. Er war sofort tot«, erzählte Sunny, und Sylvie streichelte mitfühlend seine Hand.

»Und wo lebt deine Familie?«

»In einem Drecksloch in Chikago, Mann! Es ist eben Krieg!«

»Krieg? Wo ist Krieg?«

»Überall!« sagte Sunny, »der Krieg ist auf der ganzen Welt!«

»Well«, sagte ich, »ich sehe keinen Krieg. Wir sitzen hier friedlich zusammen. Wo ist hier ein Krieg?«

»Mensch! Er ist Schwarzer!« raunte mir Sylvie zu und sagte dann lauter: »Hört doch auf!«

Doch Sunny sagte: »Nein! Lass! Wir reden weiter!«

Und Sylvie stand auf und rannte aus dem Zimmer, legte Tocotronic auf.

Sunny fuhr fort: »Der Krieg ging in den Sixties los. Da haben die Ärzte den jungen, schwarzen Müttern die Babys weggemacht! Allen. Das ist der Krieg!«

»Das glaube ich nicht!« sagte ich und dachte wieder an die Tarotkarte und was sie mir gesagt hatte. Was sollte ich tun? Bezog sich »Die Liebenden« vielleicht auch auf Sunny, auf die ganze Situation. Sollten wir drei uns in Liebe vereinen?

»Ich glaube, Du siehst nur einen Teil der Wirklichkeit«, sagte ich zu Sunny.

»Du meinst, ich habe eine Tunnelvision?«

Was sollte ich jetzt sagen? Würde er mir an die Gurgel gehen, wenn ich ihn bestätigte. Ich zögerte. Ich dachte an »Die Liebenden«.

»Könnte doch sein …«, sagte ich vorsichtig.

Sunny nickte nur und starrte vor sich hin, und Sylvie strich ihm tröstend über den Rücken.

»Zeit zu gehen«, dachte ich und sagte: »Okay! Ich muß los!«

Sunny blickte auf, sah mich an und griff nach meiner Hand. Ich sagte: »Take care«, und spannte sämtliche Fingermuskeln an.

»Your are a good man!« sagte er und schüttelte meine Hand, »it was nice meeting you!«

»Nice to meet you too«, sagte ich und blickte auf seine Füße, die barfuß waren. Sylvie brachte mich zur Tür.

»War doch Okay, oder?« fragte sie.

»Ja, ja. War schon Okay«, sagte ich und berührte kurz ihre Schulter.

Unten auf der Straße blickte ich noch mal zu ihrem Fenster hoch. Die Fenster standen immer noch offen, und ich hörte, wie die Sterne sangen: »Was hat dich bloß so ruiniert!«

Ich dachte an das Tarot und wie wir uns in Liebe vereint hatten. Sylvie, Sunny und ich. Jetzt war ich frei. Ich brauchte sie nicht mehr. Ich mochte ihn, obwohl er verrückt war.

»Warum können wir Männer nicht Freunde werden, wenn eine Frau zwischen uns ist?« dachte ich und fuhr los.

Punks saßen vor der Dönerbude und tranken Valpolicella aus 2-Liter-Flaschen. Der Manager des Burger King klemmte neue Poster in seine Plakatständer, auf denen es hieß, daß der Doppelwhopper diesen Sommer nur noch 2 Mark 99 kostete.

»You are a good man!«, hatte er gesagt, »you are a good man!«

Drei Tage später rief Sylvie mich an und erzählte, daß Sunny sie gestern im Hof fast vergewaltigt hätte, wenn sie nicht ihre Volleyballerinnenfaust geballt hätte.

Copyright: Matthias Herrmann

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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