Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Waschsalon
(Falko Hennig) Sitze in meiner Unterhose im Waschsalon und schaue meiner Wäsche beim Gewaschenwerden zu. Das ist ziemlich langweilig. Beschließe mich demnächst endlich mal aufregender anzuziehen. Wenn meine Kleidung interessanter ist, wirds bestimmt auch spannender, ihr beim Gewaschenwerden zuzugucken.
Geißel Globalisierung I
(Jürgen Witte) Im Mexiko gab es eine Mißernte. Irgend so ein Kaktus, wo der Tequila draus gemacht wird. Jetzt kann sich der normale Mexikaner seinen Tequila nicht mehr leisten, weil der so teuer geworden ist. Bei uns ist das Zeug wieder mal Mode. Wir können es uns ja leisten, trotz schwachem Euro. Wenn jetzt alle Europäer keinen Tequila trinken würden, für ein, zwei Jahre, dann tät der Mexikaner sich sicher freuen. Aber erklär das mal diesen modischen Menschen, die jetzt dem Mexikaner sogar sein billiges, scharf-süßes Essen wegessen. Mal sehen, wie sich das zukünftig auf die Tapas- und Guacamole-Preise in Mexiko auswirkt.
Schlimmer Alltag 1
(Andreas Scheffler) Weil das verdammte Ding klemmt, knallst du die Wohnungstür heftig hinter dir zu, daß es nur so kracht. Die Katze hat ihren Schwanz dazwischen.
Schlimmer Alltag 2
(Andreas Scheffler) Am Morgen nach der Party. Du wachst langsam auf, hast einen unheimlichen Brand, ertastest neben deinem Bett eine Dose, trinkst einen großen Schluck und spürst plötzlich in deinem Mund eine Zigarettenkippe.
Schlimmer Alltag 3
(Andreas Scheffler) Während einer längeren U-Bahn-Fahrt trinkst Du schon zu früher Stunde eine Dose Bier und setzt gerade das kleine Fläschchen Kümmerling an den Hals, da steigen an völlig ungewohnter Station deine Schwiegereltern zu.
Schlimmer Alltag 4
(Andreas Scheffler) Neben dem Gartentor hängt ein Schild Warnung vor dem Hunde. Das Gartentor ist offen.
Geißel Globalisierung II
(Jürgen Witte) Wenig bekannt ist ja, daß indische Computerspezialisten hauptsächlich deshalb nach Deutschland geholt werden, um damit den Wegzug deutscher Computerspezialisten, die ihren blöden Job leid waren, und sich als Aussteiger nach Osho, Goa und anderen Teilen Indiens verkrümelt haben, zu kompensieren.
Im Baumarkt
(Falko Hennig) »Hee Sie, hallo, wo kommt denn hier das Sägeblatt in die Stichsäge?«
»Können Sie mit ner Stichsäge umgehen?«
»Aber hallo, klar. Ich bin auf nem Bauernhof groß geworden, da war immer zu tun, ich bin nicht so ein unwissender, handwerklich ungeschickter Stadtmensch, wie sie vielleicht denken; so ein dummer Student vielleicht, was? Ich sag Ihnen was, ich hab mein Studium abgebrochen und bin zur Post gegangen, was sagen Sie nun? Ob ich mit ner Stichsäge umgehen kann, man munkelt, ich hätte die Stichsäge erfunden, Horst, die Stichsäge, Evers hat man mich genannt. Also, wo kommt denn jetzt dieses Sägeblatt rein?«
»In den Schwingschleifer kommt normalerweise gar kein Sägeblatt. Und, ich gebe zu, ich dachte im ersten Moment, sie seien handwerklich ungeschickt, aber ich hab sie von Anfang an für einen Postler gehalten.«
Resümee
(Ahne) Zwei ältere Männer sitzen am Stammtisch. Es geht um Politik. Daß immer alles schlimmer wird womöglich. Der eine schüttelt den Kopf.
»Was soll denn noch kommen? Ich hab doch jetzt schon alles jehabt. Uff de Jeburtsurkunde ´n Hakenkreuz, denn hier Hammer, Zirkel, Ährenkranz und nu wieda ´n Adler. Wat soll da noch kommen?«
Sein Gegenüber nachdenklich: »Na vielleicht ne Eule von den Grünen?«
Beide müssen sie lachen. Ersterer: »Ja, haha, soweit kommts noch - ne Eule!«
Geißel Globalisierung III
(Jürgen Witte) Viele Menschen besitzen im Darm ein Enzym, das es ihnen ermöglicht Kuhmilch, Rahm, Quark, und Emmentaler- oder Gouda-Käse zu verdauen. Andere Menschen aber, zum Beispiel die im Süden Europas, die haben dieses Enzym oftmals nicht. Die essen Schafskäse oder Ziegenkäse und das schmeckt schließlich auch. Jetzt hat eine rührige Käserei in Schleswig-Holstein seit einigen Jahren sehr viel Erfolg mit einem Schafskäse, der zum großen Teil aus Kuhmilch gemacht wird. Dieser Käse wird bis Sizilien und Griechenland exportiert und von Feinschmeckern hochgelobt. Schmecken tut er wohl, aber der Italiener und der Grieche kriegt ein Bauchweh davon, und meistens weiß er nicht mal warum.
Ein Krokodil im Zoo
(Bov Bjerg) Grinsend liegt der breite Schädel flach auf dem Beton. Rutscht mir doch den Buckel runter. Ich hab die Saurier noch gesehen, so what? Gelassenheit durch Bestand in der Evolution. Doch der Preis ist hoch. Wäre der Türsteher vom Club Erde nicht so liberal, hätte das Tier wohl längst schon keine Chance mehr, hier hereinzukommen. Sein Outfit geht nicht mal mehr als 80er Jahre durch. Und besonders gut tanzen kann es auch nicht.
Wie ich kürzlich viel über die Psyche und die Natur des Menschen erfahren habe
(Falko Hennig) Man kann das Gefühl kaum beschreiben, wie es ist, wenn man jahrelang im Parterre oder im ersten Stock gewohnt hat und jedesmal beim Schritt über die Türschwelle dachte: »Oh mensch, so´n bißchen Tageslicht in der Wohnung wär schon schön. Muß ja nich viel sein, nur so zum tagsüber das elektrische Licht ausmachen und trotzdem noch das meiste sehen können. Das wär doch was. Ja. Möcht ich auch mal!« Wenn man tagsüber im Dunkeln gegen den Garderobenständer rennt, wie jeden Tag und sich zum 769sten Mal denkt: »Mann, jetz stell ich den Garderobenständer aber mal hinter den Lichtschalter. Sofort. Also gleich morgen. Oder ich zieh um. Also eins von beiden.«
Und dann dieses Gefühl, wenn man tatsächlich umgezogen ist, in einen dritten Stock, sonnendurchflutet und endlich auf der Türschwelle denken kann: »Boarh, diese Treppen bringen mich um!«, um danach vor Erschöpfung in den Garderobenständer zu fallen. Was, das nebenbei, ein ganz anderes, schon angenehmeres Fallen an sich ist, das stimmt schon.
Dieses Gefühl sagt einem mehr über die Psyche und die Natur des Menschen, als es hundert Tage im Big Brother-Haus je könnten.
Warum nicht Rotwein?
(Andreas Scheffler) Als ich abends nach Hause komme, muß ich sehen, daß Sabine einen Überraschungsbesuch einer ihrer Freundinen mit zwei Kindern hat. Die Kinder sind extrem aufgedreht und kloppen sich lautstark. Ich versuche, jedem von ihnen ein großes Glas Rotwein aufzuschwatzen, damit sie einschlafen, aber sie glauben nicht, daß das nur Traubensaft sei. Die Mutter, zu denen die Gören geflohen sind, greift sie und hält sie in mütterlicher Schutzhaltung, als wäre ich ein Belgier. »Du kannst doch den Kindern keinen Alkohol geben«, sagt sie empört, als hätte ich die Kleinen gerade aufgefordert, mal zu gucken, was denn der Onkel da hat.
Ich erkläre, mir hätte das damals auch nicht geschadet, greife mir meine Ohrenstöpsel und gehe ins Bett.
Geißel Globalisierung IV
(Jürgen Witte) Das fremde Länder uns wirklich fremd sind, das ist längst eine Illusion. Ein Vater steht am Flughafen Tegel und erwartet seine Frau und die Kinder aus dem Urlaub auf Kreta zurück. Seine Söhne stürmen, kaum haben sie ihn erspäht, auf ihn zu, umarmen ihn, und erzählen stolz von ihren neuen bunten Pokémon-Leibchen, ihren roten Pokémon-Mützen und einer großen gelben Pokémon-Plüschfigur.
»Ach«, sagt der Vater, »da gibt es das also auch?«
Am Arkonaplatz
(Andreas Scheffler) »Ey, du schwule Sau!« Der junge Mann, der dies im Vorübergehen zu mir sagte, machte den Eindruck, einer inzestuösen Beziehung entsprungen zu sein. Eng beieinander stehende Augen, schlabberige Klamotten, große Hände, kleine Ohren und eine schief auf dem Kopf thronende Baseballmütze. Er sah einfach dumm aus. Wie um mich zu bestätigen, murmelte er: »Eins, zwei, fünf, zwölf...« - »Halt´s Maul, Idiot«, sagte ich. - »Wieso nennst du mich Idiot?« - »Warum nennst du mich schwule Sau?« - »Weil du wie eine aussiehst.« - »Und du siehst wie ein Idiot aus.« - »Wirklich?« - »Ja, und dein Problem ist, daß du ein Idiot bist, ich aber nicht schwul. Und ich wäre viel lieber schwul als ein Idiot, das kann ich dir aber sagen. Tut mir leid für dich. Und tschüß.« Jetzt hatte er einiges zum Nachdenken, und ich ging meines Weges. Solche Begegnungen finden im wirklichen Leben leider nicht statt. Alles nur geträumt.
zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07