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Ahne: Hauptsache man ist kein Nazi

Berlin am 2. Mai. Alles ist ruhig. Naja, nich ganz. Draußen auf der Straße krakeelen ein paar junge Mädchen. Sie sind in der Pubertät und außerdem Anarchos. Da kann man als Anarchos keine Rücksicht nehmen. Sonst wäre man ja kein Anarcho und außerdem in der Pubertät. Die Spießbürger lehnen sich aus ihren Fenstern, gucken hinunter und schütteln die Köpfe. Sie können die jungen Krawallelfen nicht verstehen. Aber das ist ja auch normal so.

Eben hat eine der Radikaloppositionellen eine Bierflasche auf dem Bürgersteig zerdroschen. Sie findet das cool, weil, wenn ihre Eltern das sehen würden, die würden bestimmt sagen, das macht man nicht. Und wahrscheinlich würden sie sie sogar auffordern die Scherben wegzukehren. Oh man, ey, als ob das das Wichtigste wäre? Hauptsache ist doch, daß man kein Nazi ist! Da sollen die Eltern echt mal froh sein. Immerhin könnte sie ja genauso gut ein Nazi sein und Ausländer verprügeln. Nee, aber dis macht sie nicht, da können die malruhig froh sein und da sollen die sich mal nicht so haben wegen einer Flasche.

Ich steh auch am Fenster und gucke auch hinunter. Aus Spaß schüttel ich sogar auch noch den Kopf. Ich tu so, aus Spaß natürlich, als ob auch ich ein Spießbürger wäre. Aber ganz klar, ich bin ja keiner. Ich hab auch mal ein Haus besetzt und finde Punk-Rock-Musik immer noch gut und manchmal tanze ich sogar ausgelassen in meinem Zimmer herum. Ganz alleine! Sowas macht ein Spießbürger nicht. Ein Spießbürger schaltet nach der Arbeit seinen Fernseher an, guckt die 100.000-Mark-Show und knabbert dazu Chips. Ein Spießbürger wählt SPD oder CDU und hat am Wochenende seine Eltern zu Besuch. Dann geht es um das neue Auto, um die Familie und um Krankheiten. Man schimpft auf den ganzen Dreck, die Schmierereien, oder daß man im Urlaub in der Türkei nie seine Ruhe hat. So kennt man sie, die Spießbürger.

Wie ich so am Fenster stehe und auf die Straße runtergucke und meine Arme so auf das Fensterbrett abstütze, da bemerke ich, daß so ein Fensterbrettkissen durchaus seine Vorteile hat, Da tun einem die Ellenbogen hinterher nicht so weh. Is sicher gemütlicher. Ich beneide ein wenig die Spießbürger gegenüber in ihren Fenstern, die natürlich alle ein Fensterbrettkissen besitzen. Das gehört zu Grundausstattung bei Spießbürgern. So wie Couchgarnitur, kleine Gipsfiguren oder das Schild: "Haxn abkratzn!". Da hab ich mich beidem Schild früher immer gefragt, was das heißen soll. Ich konnte mir unter "Haxn abkratzn" nichts vorstellen. Heute weiß ich natürlich, daß damit gemeint ist, man solle sich vor dem Betreten der Wohnung die Schuhsohlen am dafür vorgesehenen Fußabtreter reinigen. Ein verrückter Spießbürgerbrauch, vor Allem, weil man sich im Flur einer Spießbürgerwohnung sowieso seine Straßenschuhe ausziehen muß und in bequeme saloppe Hauslatschen schlüpfen soll.

In einer, na sagen wir mal ruhig, normalen Wohnung dagegen, behält man seine Straßenschuhe natürlich den ganzen Tag über an. Ist ja ohnehin dreckig. Manche gehen mit ihnen sogar ins Bett. Dann bemerkt man den Fußgeruch nicht so, der beim Ausziehen der Treter übel entweicht. Auch einen Schlafanzug oder einen Bademantel ziehen nur Spießbürger an. Wir gehen dagegen nackig ins Bett oder höchstens mit Schlüpfer und T-Shirt. Auch im Winter. Der Kühlschrank, der muß natürlich leer sein, gut eine vertrocknete Packung Kräuterquark, die längst das Verfallsdatum überschritten hat, oder auch irgendwas Undefinierbares in der einen Ecke darf sein. Oder, wenn ultralaute Parties anstehen, dann darfs auch etwas mehr sein. Ne große Schüssel Nudelsalat eventuell.

Der Spießbürger würde ausrasten, wenn er so einen Kühlschrank sehen würde, aber das ist ja auch so beabsichtigt. Der soll mal froh sein, daß wir sind, wie wir sind, und nicht zum Beispiel Nazis, die Ausländer zusammenschlagen. Nee, wir sind eben anders, und man soll uns unsere Freiheit gefälligst lassen. Sonst gibt´s Rabbatz! Die bereits rauchdürfenden Krakeelerinnen sind inzwischen weitergezogen. Wahrscheinlich ist noch irgendwo was los. Ich schließe behutsam das Fenster, schalte den Fernseher an, irgendwas Leichtes sollte es heute sein, und guck einer, da is ja sogar noch ne Tüte Chips.

Copyright: Ahne

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero

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