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Andreas Scheffler: Das Fest der Brüskierungen

Nach mehreren Jägermeistern mit Tante Frieda, die mittlerweile auch schon ihre 87 Jahre auf dem Buckel hat; nach ihrer Aussage, was man habe, sei nicht so wichtig, Hauptsache, man bleibe gesund und nach ihre man schließenden lebhaften Ausruf: "Für uns geht die Sonne nicht unter!", bin ich zu der Auffassung gelangt, daß die nun folgenden Ereignisse der Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden sollten.

Es begann wie in jedem Jahr am 26. Dezember. Die Familie versammelt sich zum Weihnachtsfest bei meinen Eltern. Sabine und ich, meine zwei älteren Brüder, Stefan und Jochen, mit ihren Frauen, ein Paar hat seine beiden kleinen Kinder dabei, der Sonnenschein ihrer Großeltern. Nach dem Kaffeetrinken schreitet man zur Bescherung. Die Eltern werden mit einem großen Geschenk beglückt, denn die Kinder haben zusammengelegt. Die Eltern ihrerseits überreichen Briefumschläge mit Bargeld; die beiden Kleinen bekommen jede Menge Spielsachen. Dann beschenken sich die Geschwister. Bruder Stefan verdient mehr Geld als die anderen, das auch wohl zu Recht, aber entsprechend fallen nun mal seine Geschenke aus. Unsereins kann da nicht mitstinken und fühlt sich brüskiert. Der soziale Status läßt sich auch am materiellen Wert der Geschenke ablesen. - So sollte es dieses Jahr nicht sein. Wir Geschwister hatten verabredet, uns an diesem Weihnachten gegenseitig nichts zu schenken.

Alles ging los wie gewohnt. Kaffeetrinken, Gabe an die Eltern, Briefumschläge, Geschenke für die Kleinen. Alles Einwickelpapier wurde im Kamin verfeuert. Anschließend gemütliches Beisammensitzen. Mit einem Mal rief Jochen: "Was ist denn das da?!" Auf einem Beistelltischchen standen zwei mal zwei große bunte bedruckte Pappröhren und zwei in Geschenkpapier eingewicklete Dinge. Stefan räusperte sich: "Das ist für Euch." - "Was?!" - "Wir hatten doch ..." - "Das sind gar keine Geschenke. Packt doch erstmal aus." Mit finsterer Miene gingen wir auf die Nicht-Geschenke zu. "Ich bin gar nicht brüskiert", grummelte Jochen. "Kein Stück brüskiert", ergänzte ich. Zum Vorschein kamen je zwei designte Biertulpen und für jeden ein luxuriöser Wandkalender. Einmal Toskana, einmal Neuseeland. "Tcha, was soll man dazu sagen ... besten Dank." Bei mir stellte sich leichtes Magendrücken ein. "Das sind bloß Werbegeschenke aus der Firma", erklärte Stefanschnell, doch es nützte nichts. Vater bot einen Jägermeister an, und ich sagte nicht nein.

Die nun folgenden Begebenheiten mußte ich am folgenden Tag rekapitulieren. Es spielte sich etwa so ab:

Zeichnung von k.p.m.wulff

Jochen nahm Blickkontakt mit seiner Frau auf und sagte: "Claudia, holst du dann mal ..." Claudia verschwand für kurze Zeit und kam dann mit zwei Paketen zurück. Bevor Stefan und ich protestieren konnten, hatten wir jeder eine Brüskierung in der Hand. Für ihn und Frauke gab es einen Schnellkochtopf, Sabine und ich bekamen ein sechsteiliges Fischbesteck von WMF. "Danke." Ich fühlte mich gedemütigt, trank noch einen Jägermeister und begann zu schwitzen."Ich gehe dann mal eben nach oben", sagte ich und holte meine Pakete aus dem Gästezimmer. Einen riesigen CD-Ständer und die Gesamtausgabe von Robert Louis Stevenson. Nun schwitzten auch die Geschwister. Ich grinste, Jochen nahm ein Rennie und Stefan rief, daß das ja wohl die Höhe sei, gerade wenn man mein Einkommen bedenke. Mein Blick verfinsterte sich und war nahe an der Fähigkeit zu töten. "Man schenkt sich immer viel zu viel", meinte Vater. "Ja, ja, ja", stöhnte Jochen fahrig, sprang plötzlich auf und zerrte Mutter in die Küche. Er drängte sie, ihm mehrere Flaschen Wein zu verkaufen und verschenkte diese an die anderen. - Eine Verzweiflungstat. Sofort darauf stürzte Stefan aus dem Zimmer zu seinem Auto, kam mit mehreren CDs zurück und verteilte diese. Mir entglitt die Realität. Ich lief hinauf in Sabines und mein Zimmer und kam mit Oskar Lafontaines "Das Herz schlägt links", das ich mir zum Lesen mitgebracht hatte sowie einem Paar von Sabines Ohrringen zurück. Resignation machte sich breit. Alle tranken stumm Bier, Wein und Jägermeister in sich hinein. Vater sagte: "Ihr habt sie ja wohl nicht mehr alle." Mutter weinte still vor sich hin: "Das meint Ihr doch wohl nicht ernst." - "Todernst!", brüllte ich. "Noch nie habe ich etwas so ernst gemeint!", schrie Jochen. Stefan dagegen stand ruhig auf mit umwölktem Hirn und übergab Jochen seine Autoschlüssel. "Wir haben ja noch eins", flüsterte er. Mir überreichte er seine Euroscheckkarte und einen Zettel mit der Geheimnummer. "Nimm dir was du brauchst. Sollst auch nicht leben wie ´n Hund."

Erschöpft sanken wir alle in unsere Sessel zurück. Jochen und ich starrten mit erloschenen Augen ins Leere, Stefan thronte entspannt in seinem Möbel, die Arme auf den Sessellehnen, und lächelte. Er hatte wieder gewonnen.

Und mir war ein weiteres Mal klar geworden, daß die ungleichgewichtige Verteilung von Barvermögen, Mobilien und Immobilien zu nichts Gutem führt.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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