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Andreas Gläser: Ich war kein Sonderschüler

Ich habe jetzt keine Lust, was darüber zu erzählen, wie es zwischen meinem sechsten und achten Lebensjahr war, als ich in den Sommerferien für jeweils zwei Wochen ins Pionierferienlager verschickt wurde. In den ersten Schuljahren hatte ich gute Zensuren. Weshalb sollte ich Berlinverlassen? So schön war es am Glubbigsee, mitten im Wald, auch wieder nicht. Eigentlich habe ich nur noch in Erinnerung, daß ich damals noch nicht Fahrrad fahren konnte, weshalb ich an den Tagen, an denen diese Radtouren stattfanden, immer ins Lagerkrankenhaus eingewiesen wurde. Dabei konnte ich mich durchaus auch mal einen Tag alleine beschäftigen. Ich hätte einfach Fernsehen geguckt. Aber nein, sie redeten mir ein, ich hätte Heimweh und müßte deshalb die nächsten zwei Tage im Lagerkrankenhaus ihre Tabletten schlucken. Also lernte ich Fahrradfahren und errang während der Ferienolympiade im Dreierhopp eine Bronzemedaille. Damit qualifizierte ich mich für das Pionierferienlager Fritz Heckert in Plau am See. Irgendwie gab ein Zeltlager wie dieses auch mehr her.

Ich war nun 12 Jahre alt und verließ ganz gerne mal Berlin. Meine Zeugnisse waren inzwischen erbärmlich. Wie sollte ich damit in Berlin eine Freundin finden? Im Ferienlager wußte niemand von meinen Zensuren. Außerdem sah ich gar nicht mal so schlecht aus und konnte anziehen was ich wollte. Ich hatte Katharina im Auge. Sie trug lange schwarze Haare. Kurze blonde wären mir auch recht gewesen. Eigentlich war sie mir zu hart, mit ihren Rolling Stones und so. Um 22 Uhr war Nachtruhe angesagt - Zeit zum Aufbruch! Mario und ich schlichen zum Mädchenzelt. Wir krochen unter der Zeltwand hindurch. Von den vier Doppelstockbetten hatte ich auch gleich das Richtige erwischt. Sie war nicht überrascht.

»Hallo Katharina! Ick setz mich mal zu dir auf die Bettkante. Ick find dich gut. Laß mich mal kurz mit unter deine Bettdecke!«

Es ging Holterdipolter. Plötzlich rückte die Nachtwache an. Mario schlug Alarm. Wir flüchteten in unser Zelt. Immerhin waren wir jetzt unter der Haube. Wir tauschten unsere Erfahrungen aus. Uns beiden war es peinlich, unter einer nahezu fremden Bettdecke eine Erektion zu bekommen. Dagegen half auch keine schwierige Matheaufgabe.

Zeichnung von k.p.m.wulff

Es war die Zeit der unwillkürlichen Samenergüsse. Wir suchten regelmäßig das andere Zelt auf. Katharina wollte nicht küssen. Sie war noch nicht einmal ein Mädchen für eine Nacht. Ich durfte nur immer meinen Arm so rüber legen.

»Aber über der Bettdecke!«

Ein anderes Mädchen fand, daß das süß aussah. Sie setzte sich gerne zu uns auf die Bettkante. Ihr Name war Sabrina. Wir hatten während der Disko sogar schon zusammen getanzt. Aber leider nur nach Queen. We will rock you. Also so herum kniend und mit den Händen immer auf den Tanzboden klatschend. Der härteste Tanz, den wir uns vorstellen konnten. Unsere Gruppenleiter schwärmten durch das Diskozelt und forderten uns auf, endlich aufzustehen, weil diese dekadente Tanzerei verboten wäre. Wir wußten nicht, was dekadent war, aber verboten! klang nach weiter ärgern. Ob ich jemals mit Katharina getanzt habe, weiß ich gar nicht mehr.

Sabrina saß also wieder mal auf unserer Bettkante. Leider war sie schon vergeben, weil Dirk, ein blonder Junge aus unserer Gruppe, einmal vom Mädchenzelt einen Zettel bekam, auf dem viele Mädchennamen aufgelistet waren. Er sollte ankreuzen, mit welchem Mädchen er gehen wollte. Er machte sein Kreuz hinter Sabrinas Namen. Schade. Jetzt gingen Dirk und Sabrina miteinander. Er lag bei Manuela im Bett und Sabrina saß bei Katharina und mir auf der Bettkante. Plötzlich rückte die Nachtwache an. Sabrina sprang in ihr Bett. Ich verkroch mich unter Katharinas Decke. Der Nachtwächter setzte sich auf unsere Bettkante. Nun plauderten Katharina und er über den abgelaufenen Tag. Wahrscheinlich wußte er nicht genau, ob sich noch jemand darunter verkrochen hatte. Er traute sich wohl auch nicht, einfach unter Katharinas Bettdecke zu gucken. Ich rührte mich nicht. Die Hitze war kaum auszuhalten! Es war der Höhepunkt unserer Beziehung! Nach einigen Minuten ging der Nachtwächter.

Zeichnung von k.p.m.wulff

Überhaupt: Dieser ganze Streß mit Katharina! Wir konnten nichts miteinander anfangen. Da war es auch schon egal, daß ich am Wandertag im Konsum keine drei Mark für Ringe hatte. Was sollten wir machen? Also Geschlechtsverkehr war uns zu abgefahren und Ficken war nur was für Sonderschüler! Es war eine harte Zeit. Heutzutage wird sie allzu gerne romantisch verklärt.

Copyright: Andreas Gläser

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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