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Jürgen Witte: The Killer

»Hey Mann, was bist denn du für einer!« Der Kerl war mir schon um einige Ecken gefolgt, es war dunkel, unsere Schritte knirschten synchron im frischgefallenen Schnee und kaum sonst einer war mehr auf der Straße. Also hielt ich es für das beste, den Typen zur Rede zu stellen.

Ich suchte mir eine strategisch günstige gelegene Hecke zum Pissen, und auch er fing sofort, kaum zehn Meter entfernt, damit an, ans einem Hosenschlitz zu nesteln.

Zeichnung von k.p.m.wulff

»Hey Mann, was bist denn du für einer?« Nicht der beste Spruch um eine langjährige Männerfreundschaft zu beginnen, aber für diese kurze nächtliche Begegnung sollte es doch reichen. Außerdem hielt er mittlerweile seinen Schwanz in der einen Hand. Es hätte schon sehr lächerlich aus gesehen, wenn er jetzt mit der anderen zum Messer greift und mit klammem, heraushängendem, noch tröpfelndem Pimmel auf mich losgegangen wäre. Er schreit so was wie: Her mit der Brieftasche und es suppt dabei aufs eine Hose. »Was biste denn nu? Räuber oder Exhibitionist?« Werweiß, vielleicht hätte ich bei einem solchen Angriff sogar einen Lachanfall bekommen. Ich stellte ihm meine Frage noch mal.

»Ich bin ein Killer«, sagte er ruhig, ohne seinen Kopf zu heben, völlig versunken ins beginnende Wasserlassen. Dann seufzte er erleichtert, wie Männer seufzen, deren angespannte Blase sich gerade leert.

»Ein Killer? So mit Leute umbringen und so?«

»Genau so.«

»Kann man denn davon leben?«

Er zuckte leicht mit den Schultern. »Schlechte Zeiten, alles geht den Bach runter, keiner mehr da, der gute Arbeit auch gut bezahlt!«

Das kannte ich schon. Freiberufler, die meckern immer, egal wie gut es ihnen gerade geht.

»Darf ich mal raten? Die Steuern fressen dich auf!«

»Steuern, Miete, private Krankenversicherung, Alimente...«

Alimente? Rumrennen, Leute umbringen und irgendwelchen Frauen irgendwelche Kinder anhängen, Leben nehmen, Leben geben. Der Kerl wußte wirklich nicht, was er vom Leben will, soviel war schon mal klar.

»Ich finde ja, Killer sollten keine Kinder haben!«,sagte ich. »Das gehört sich nicht, für einen richtigen Outlaw.«

»Tscha, ist halt dumm gelaufen«, sagte er. »Und sie weiß eben, daß ich ganz gut verdiene!«

Also doch. Trotzdem, der Kerl fing schon an mir leid zu tun. Vielleicht sollte ich ihn zu einem Bier einladen. Über Frauen reden, übers Ficken, und Geilheit und so. Männergespräche eben. Und dann würde er irgendwann das Bild seines Sprößlings herausziehen und es mir mit Tränen in den Augen unter die Nase reiben. Nein, dachte ich, ich sollte den gemütlichen Abend doch lieber etwas abkürzen.

»Apropos Killer? Warum bist du mir eigentlichgefolgt?«

»War ne Verwechslung!«

»Wie, Verwechslung?«

»Na ja, tut mir echt leid, ich war da in dem Laden da, hab meine Prämie kassiert, war ein bißchen am Feiern, und da sehe ich dich plötzlich rumstehen. Das ist doch ... denke ich mir, und beschließe ganz spontan heute noch eine Überstunde zu machen.«

»Aha!«

»Aber du bist es ja gar nicht, also: Nichts für ungut, nicht?«

»Du meinst hier in der Stadt rennt einer rum, der sieht aus wie ich, und den sollst du killen?«

»Hmm.«

Er verstaute seinen Pillermann, zog den Reißverschluß am Schlitz zu und rückte seinen Hosenbund zurecht.

»Na dann!« sagte er noch als er sich umdrehte, seine Sonnenbrille zurechtschob und dann zügig die Straße überquerte »Man sieht sich!«

Zeichnung von k.p.m.wulff

»Wirst du mich auch wiedererkennen?«, rief ich ihm nach.

»Dich oder den anderen! Weißt du, ihr beiden seht euch wirklich verdammt ähnlich!« Das Knirschen seiner Schritte im Schnee verlor sich im Lärmen eines herannahenden Streuwagens dessen gelborange flackerndes Lichtsignal von den Fenstern der Häuser zurückgeworfen wurde. Überall um mich herum schien es zu Funkeln und zu Blitzen.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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