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Theo Fuchs: Selbstgespräche

»Heil Hitler, meine Herrn! Könnte ich wohl noch von einem dieser köstlichen Biskuits kosten?«

Neulich erzählte ich zu Hause, wie lustig wir in der Arbeit einen Kollegen finden, der dauernd Selbstgespräche führt. Vordem Kopierer wird dieser Herr immer besonders laut, er erklärt dann sich selbst haarklein, was die Maschine zu tun und zu lassen habe, und wie er sich anstellen müsse, damit das Ergebnis zu seiner Zufriedenheit ausfällt.

»Das machst du auch«, sagte meine Frau todernst, obwohl ich die Geschichte ausschließlich zu ihrer Unterhaltung erzählt hatte.

»Wie? Ich!?«

»Ja, du. Du redest manchmal wirre Sachen und merkst es gar nicht.«

Ich glaubte ihr nicht und forderte, wie immer, wenn sie irgendwelche wirren Behauptungen aufstellt, einen Beleg, ein Beispiel zum Beispiel. Sie haßt das, weil sie üblicherweise nie ein Beispiel parat hat. Diesmal aber schon.

»Neulich erst«, sagte sie, »beim Frühstück. Du kaust dein Müsli, den Blick stockstarr an die Wand gerichtet und murmelst: Reicht einfach nicht. Vierzehn, wie beim letzten Mal.«

»So ein Unsinn!«

»Stimmt.«

»Ich meine, ich tu so etwas doch nicht, das wäre je fürchterlich! Sag, daß es nicht wahr ist, oder?«

Sie sagte nichts mehr, und ich entsann mich: Mein Vater! Erhatte diese Marotte! Hatte sie auch, sozusagen. Beim Autofahren, meistens, und wenn er mit seiner Gute-Nacht-Zigarette im abendlichen Garten stand; »Wirtschaftswachstum«, sagte er oft und »Netto global betrachtet« und »Hm ja gut aber«. Fetzen aus wohl eher abstrusen Selbstgesprächen. Ein Symptom für den totalen Kontrollverlust über den Akt des Sprechens. Ein Fluch! Eine Erbkrankheit! Eine Art rhetorischen Bettnässens! Und ich selbst bin ebenfalls betroffen in eigener Person!

Ich beschloß, daß eine gründliche Analyse dessen, was ich laut mit mir selbst rede, der zu erfolgenden erfolgreichen Heilung vorangehen muß: Ich werde mich wohl von nun an beschatten lassen müssen.

Allzu schlimm kann meine Lage jedoch noch nicht sein, denn es gibt Fälle, die es wirklich übler erwischt hat: Heute, da steht neben mir in der U-Bahn ein älterer Geschäftsmann: Graues Haar, blauer Anzug, Schnurrbart, Lesebrille; er scheint hochkonzentriert die Vorschriften für den Fall eines Notfalls zu lesen. Plötzlich sagt er: "Na, dann fick ich sie eben nicht."

»Wie süß«, denke ich, »wenn man Selbstgespräche dieses Kalibers führt, sollte der Kavalier wissen, wann er zu schweigen hat.«

Copyright: Theo Fuchs

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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