Hinark Husen: Amok nach dem Einkauf
Heute gönne ich mir mal so richtig was Schönes, dachte ich mir, als ich nach Feierabend den Woolworth-Markt in der Karl-Marx-Straße betrat. Jetzt wird richtig schön eingekauft. Ich beschenk mich selbst und hole mir was, das man sich eben nicht alle Tage kauft. Wobei der Einkauf mit Klopapier begann und dann erst mal ins Stocken geriet. Am Stand mit den Taschenrechnern fiel mein Auge dann auf diese kleinen Pocketcomputer, in die man Telefonnummern, Adressen und Termine eingeben kann. Ein nettes Spielzeug. Danach noch etwas Praktisches. Dunkelblaue Biberbettwäsche mit kleinen gelben Sonnen drauf. Sehr schön, Mutti wäre stolz auf mich. Andere hätten sich eine CD oder ähnlichen Nippes gekauft, ich hab eh keine Ahnung von Musik und so fuhr ich gut gelaunt nach Hause.

Kurz vor Mitternacht, nach ein paar gemütlichen Bieren im Cafe Cralle packe ich den Taschencomputer zuhause aus und beginne mit der Programmierung. Zunächst einmal fordert mich das Display auf, die richtige Zeitzone, Datum und Uhrzeit einzugeben. Das Jahr haben sie immerhin schon drin. Man muß eine unglaubliche Tastenkombination drücken, bis man endlich irgendwas gespeichert hat. Aber ich bin ja nichtblöd!
Ich bin doch blöd. Denn auch nach dem zwanzigsten Versuch und unter Zuhilfenahme der englischen und italienischen Gebrauchsanweisung piepst das Teil nervig herum und im Display steht fett das Wort FEHLER mit einem noch dickeren Ausrufezeichen dahinter. Eine Stunde lang drücke ich alles an Tasten, was das kleine, fiese Teil hergibt, doch immer mit dem gleichen, impertinenten Schriftzug als Ergebnis: Fehler, Fehler, manchmal auch ERROR, wenn ich unbeabsichtigt den Sprachmodus verändert habe. Das Mistteil hält mich zum Narren und ich laufe Amok, greife zur Schere und steche damit wie ein Irrer auf die kleine, niedliche Tastatur! Dabei scheine ich die Weckfunktion aufgerufen zu haben, denn jetzt flackert das Wort ALARM im Display und das Teil piepst noch lauter. Das ist an sich ja ganz komisch, aber einem Amokläufer ist nicht zum Lachen zumute. Ich greife also zum Hammer und nachwenigen Sekunden erlischt die Anzeige und das Piepsen verstummt.

Ich bin völlig geschafft und will nur noch ins Bett und in der neuen Wäsche friedlich schlummern. Es riecht noch etwas nach Kaufhaus, na ja, besser als wenn es nach Biber röche und ich frage mich, warum dieser Stoff nur so heißt. Vielleicht hätt ich´s doch noch vorher durchwaschen sollen, viel schlimmer kann ´n Biber eigentlich auch nicht stinken. Also greife ich zu barocken Methoden: Ich besprenkle das Kopfkissen mit Minotaur von Paloma Picasso.
Am nächsten Morgen wache ich auf, strecke die Arme aus den Federn und muß leider feststellen, daß ich in der Nacht wohl verstorben bin. Irgendwie lustig, ich kann mich gar nicht erinnern, neben dem Computer auch noch mich selbst umgebracht zu haben. Aber bei meiner Hautfarbe gibt es an der Diagnose keinen Zweifel: Die Hände sind so komisch bläulich, wie man sich das bei Erfrierungsopfern vorstellt. Nun gut, ich habe nicht geheizt, aber deshalb gleich abkratzen? Vielleicht sollte ich das Nacktschlafen einstellen?
Ich schäle mich dann trotz dieser traurigen Diagnose aus dem Bett, frage mich, ob ich eigentlich auch tot zur Arbeit muß und erstarre: Ich bin blau vom Zeh bis zu den Schultern, blau wie eine Gauloises Blondes Schachtel am unteren Ende, und neben dem Bauchnabel einkleiner gelber Fleck, sieht aus wie ´ne kleine Sonne. Und jetzt dämmert es mir: Ich seh aus wie meine Bettwäsche. Das Zeug färbt ab wie diese 70er Jahre Matrizen. Wenn ich jetzt witzig drauf wäre, könnt ich mal nachsehen, ob meine Bettwäsche im Umkehrschluß aussieht wie ich, dann könnte ich sie anstelle meiner zur Arbeit schicken. Bin aber überhaupt nicht witzig drauf. Ich will zur Schere greifen und sinnlos aufs Bett einstechen, kann aber nur noch leise schluchzen.
Ich bin halt doch kein so richtiger Amokläufer. Wird mich je wieder plötzlicher Einkaufskoller befallen, kauf ich mir eine CD.