Volker Strübing: Immer geh´s den Anderen besser!
Mein Abendbrot bestand aus zwei Scheiben Toast mit Nutella. Ohne Butter. Wie so vieles andere hatte ich es nicht geschafft, Einkaufen zu gehen. Es war einundzwanzig Uhr. Die letzten Strahlen der Sonne tauchten die Dachterrasse am Haus gegenüber in goldenes Licht und ließen ein Weinglas kurz aufblitzen, als der junge Mann, der dort saß, es an seinen Mund führte.
Der hat´s geschafft, dachte ich. Um so eine Wohnung mieten zu können, darf man nicht bei den grundlegenden Dingen versagen. Bestimmt hatte er heute schon irre viel getan und genoß den wohlverdienten Feierabend und das beruhigende Gefühl, sein Leben im Griff zu haben. Eine Frau trat aus der Wohnung an ihn heran, sagte etwas und beugte sich dann zu ihm herunter, um ihm einen Kuß zu geben. Dann verschwand sie wieder. Auf dem Tisch, neben dem Weinglas, klingelte ein Taschentelefon. Der Mann nahm es, und ich sah ihn lachend telefonieren. Wahrscheinlich hat er total viele Freunde. Mich hatte zuletzt vor drei Tagen jemand angerufen, ein Mitarbeiter eines Meinungsforschungsinstitutes, der eine Umfrage zu Frauenzeitschriften durchführte und nur mit weiblichen Haushaltsmitgliedern sprechen wollte. Gegenüber erschien ein attraktives weibliches Haushaltsmitglied, umarmte den jungen Mann von hinten und gab ihm einen zärtlichen Kuss auf den Nacken. Das mußte ein tolles Gefühl sein. Aber, war der junge Mann deshalb wirklich glücklicher als ich?
Ja, wahrscheinlich war er das. Ich dachte kurz daran, mich aufzuhängen, konnte mich aber nicht einmal dazu durchringen. Selbstmord ist immer eine Option, aber um sie wahrzunehmen hat man ja das ganze Leben lang Zeit. Andererseits - zum Zögern ist das Leben viel zu kurz.

Ich würd ja sofort, redete ich mich schließlich heraus, aber ich kann doch der Welt nicht diesen Haufen Dreck und Schuldenhinterlassen! Aber gleich morgen, da bringe ich alles in Ordnung, die Wohnung, mein Konto, meine sozialen Beziehungen, überhaupt mein ganzes Leben und dann hänge ich mich auf. Mit gutem Gewissen. Versprochen!
Mir war natürlich klar, daß mein guter Vorsatz morgen früh sofort in Wanken kommen mußte, wenn ich die Mülltüten sehe, die sich überall in der Wohnung stapeln, oder den Kühlschrank, den ich vor zwei Monaten das letzte Mal geöffnet und dann mit einem Zettel Achtung! Erst Desinfektionsmittel besorgen! beklebt hatte. Die Unfähigkeit, meine Angelegenheiten ins Reine zu bringen, ist paradoxerweise so eine Überlebensgarantie für mich.
Ich öffnete eine Flasche Billigwein und setzte ich mich wieder ans Fenster. Gegenüber hatte sich nun auch die Frau niedergelassen und mir war, als hörte ich das leise Klackern von Eiswürfeln, als sie ihren Drink umrührte. Das muß das Paradies sein: Nach einem ausgefüllten Tag zu zweit den Sonnenuntergang genießen. Mit einem Drink und Eiswürfeln aus einem blitzesauberen Kühlschrank. Ich hatte den ganzen Tag allein in der Wohnung gehockt und gar nichts gemacht, außer mich maßlos darüber zu ärgern, daß ich den ganzen Tag allein in der Wohnung verbringe und gar nichts mache.
Der Mann beugte sich zu seiner Freundin und gab ihr einen Kuß. Es war nicht zum Aushalten.
Zum Glück war die Fernbedienung zur Hand. Ich drehte der quälenden Szene den Rücken zu und schaltete die Kanäle am Fernseher durch. Vielleicht zeigten sie ja irgendwo Leute, denen es noch schlechter ging als mir.
Auf VOX gab es eine Hungersnot, auf RTL eine Frau mit einer sehr, sehr seltenen und besonders ekligen Krankheit und auf CNN Flüchtlingslager. Na bitte!

Aber helfen tat es nicht. Im Gegenteil. Wenn meine Probleme so vergleichsweise nichtig sind, dann hatte ich erst recht Grund, daran zu verzweifeln, daß ich schon an derartigen Lappalien verzweifelte.
Ich stellte um, aber als mir auf RTL 2 so eine doofe Magazin-Moderatorin den Rat gab, ich solle doch, wenns grad nicht so läuft, mit meiner Freundin Fesselungsspiele ausprobieren, hatte ich die Nase voll.
Ob sich das Pärchen von gegenüber manchmal fesselt? Wenn, dann sicher nicht, weil´s grad nicht lief, sondern einfach so, weil sie sich vertrauen und neugierig und aktiv waren.
Sie saß inzwischen auf seinem Schoß. Die beiden hatten sich gesucht und gefunden, da war ich mir sicher. Ich beneidete sie. Ich hatte meine große Liebe zwar auch schon mal gefunden, sie dann aber irgendwie wieder verbummelt.
Ich beschloß, mich in der Badewanne von meinem Tagwerk zu erholen, stellte im Bad jedoch fest, daß darin noch die Sachen vor sich hinschimmelten, mit denen ich vier Tagen zuvor die ausgelaufene Waschmaschine aufgewischt hatte. Also setzte ich mich auf die Toilette und stierte sinnlos vor mich hin.
Was war nur mit mir los? Eigentlich hatte ich doch gar keine Sorgen. Ich lief nicht Gefahr zu verhungern, auch wenn ich fast nie etwas zu Essen im Haus hatte - ich hatte ein Dach über dem Kopf, ich war nicht todkrank, und ich würde mich irgendwann vielleicht auch wieder verlieben. Wenn man nicht weiß, was mit einem los ist, kann man so schwer etwas dagegen machen.
Fast beneidete ich die Hungernden aus dem Fernsehen. Die hatten ein richtiges Problem. Wenn man verhungert ist die Lösung so einfach: Man ißt etwas! Aber was sollte ich tun? Wenn ich Tube hätte anrufen können und sagen: »Du, Tube, ich wiege nur noch 20 Kilo!«, hätte er zwar vermutlich auch bedauernd festgestellt, daß er nichts Eßbares mehr zu Hause hat, aber zumindest hätte ich ihm sehr leid getan. So mußte ich mich sogar um das Mitleid selber kümmern - immerhin eine der wenigen Sachen, die ich ganz gut auf die Reihe kriegte.
Ich verließ das Klo und ging zurück zum Fenster. Tja, dachte ich, ein richtiges Problem müßte ich haben, so eins zum Rumerzählen, Eindruckschinden und Mitleidschnorren. So wie das Pärchen gegenüber, zum Beispiel, denn mittlerweile stand das Dachgeschoß in Flammen und die beiden kreischten wie die Blöden um Hilfe. Sie waren einfach vom Schicksal begünstigt! Ich formte meine Hände zu einem Trichter und brüllte ein paar hoffentlich tröstende Worte hinüber: »Eure Sorgen möcht ich haben!«

Dann wollte ich eigentlich die Feuerwehr anrufen, wollte aber nicht noch mal aufstehen und zum Telefon latschen. Bestimmt hatte schon jemand angerufen. Ich hab dann bloß noch wegen des Geschreis die Fenster zugemacht und das blöde Magazin zu Ende geguckt.