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Tube: Ausgewählte Dialoge zwischen meiner Mutter und mir

Und Sie lebt doch!

Ich bewundere meine Mutter. Ich bin stolz auf sie. Ich bin wahnsinnig stolz darauf, daß es ihr gelingt, trotz verblüffender Weltfremdheit, in dieser Welt zu überleben.

Insbesondere hat sie ein gewisses Problem mit Technik, was die folgenden Dialoge belegen werden.

Früher, als noch DDR war, staunte meine Mutter immer darüber, daß ich ohne weiteres die verschiedene Autotypen auseinanderhalten konnte, was ihr überhaupt nicht gelang, obwohl die Vielfalt im sozialistischen System nichtsonderlich hoch war.

Einmal, als wir mit einem Taxi von Buch nach Kaulsdorf fuhren, fragte sie mich: »Und? In was für einem Auto fahren wir jetzt? Trabant oder Wartburg?«

Ich antwortete wahrheitsgemäß: »Wolga.«

Heute, nach der Wende, wo es mehr als Trabbi, Wartburg, Wolga, Dachia, Lada, Skoda oder Saporoschez gibt, hält sie meinen Sohn, also ihren Enkel, für ein Übergenie, weil der schon mit vier Jahren sämtliche Autos am Straßenrand beim Namen nennen kann.

Doch es gibt noch mehr als Autos.

Als sie mich einmal zu Hause besuchte und meinen Laptop auf dem Tisch stehen sah, fragte sie: »Ist das jetzt hier so ein Internet?«

»Nein, das ist ein Föhn.«

»Quatsch. Du veräppelst mich doch.«

»Ja.«

»Also ist das doch Internet.«

»Nein, das ist ein Campingcomputer.«

»Ach. Willst du Zelten fahren?«

»Nein.«

Ein anderes mal, als ich sie besucht hatte, und zum Aufbruch die Beleuchtung des Fahrrades aus dem Rucksack kramte, fragte sie:»Was ist denn das?«

»Das sind Lampen fürs Fahrrad.«

»Ach. Und wie geht das? Mußt du die dann immer so in der Hand halten, beim Fahren?«

»Nein. Schau her! Hier sind solche Klemmen dran. Damit kann ich mir die Lichter wie Spangen in die Haare stecken.«

»Quatsch. Du veräppelst mich doch jetzt. Das geht doch mit deiner Skinheadfrisur gar nicht.«

»Stimmt.«

»Also mußt du die Lampen doch in der Hand halten.«

»Wie du meinst. Die Rote halte ich hinter meinen Rücken und die Weiße vor meinen Bauch. Und dann fahre ich die ganze Zeit freihändig.«

»Ist das nicht ein bißchen gefährlich?«

»Geht so.«

»Willst du nicht lieber mit der S-Bahn nach Hause fahren. Ich bezahl die Fahrkarte.«

»Ach laß nur. Mach dir mal keine Sorgen. Ich schaff das schon.«

»Aber ruf wenigstens an, wenn du angekommen bist!«

»Ja, ja.«

Irgendwann hatte meine Mutter das Fahrrad ihrer Schwester geerbt, ein gewöhnliches Damenfahrrad mit Dreigangnabenschaltung, und sie bat mich, ihr doch mal die Gangschaltung zu erklären.

»Da gibt´s eigentlich nichts zu erklären. Man dreht an dem Hebel und dann kommt ein anderer Gang.«

»Und wann muß ich den Gang umschalten?«

»Na zum Beispiel, wenn es bergauf geht.«

»Wie, und was muß ich dann einstellen?«

»Na so, daß es sich am einfachsten tritt.«

»Und wo tritt es sich am einfachsten?«

»Weiß ich nicht. Mußt du ausprobieren.«

»Ach, ich will das doch nicht ausprobieren. Erklär mir das doch mal!«

»Man kann das eigentlich nur ausprobieren. Aber, ich glaube, am einfachsten ist es, wenn du den Hebel in die Mitte stellst und niemals dran drehst. Das funktioniert auch.«

»Du veräppelst mich doch jetzt.«

»Nö. Tue ich nicht.«

Bis zum heutigen Tag übrigens, hat sie das Fahrrad noch nicht benutzt.

Als meine Mutter mich das erste Mal in meiner neuen Wohnung besuchte, war natürlich ein Rundgang durch alle Räume angesagt. Als ich die Tür zum kleinen Zimmer aufmachte und sie die Umzugspappkisten dort kreuz und quer hineingeschmissen sah, bemerkte sie: »Das sieht aber unordentlich aus. Da fühlst du dich doch gar nicht wohl mit.«

Zeichnung von k.p.m.wulff

»Wieso? Ich benutze dieses Zimmer ja überhaupt nicht. Da gehe ich nie rein. Die Tür ist eigentlich immer zu.«

»Aber willst du die Kisten nicht trotzdem mal ordentlich hinstellen? Wenigsten vernünftig übereinander stapeln, damit du dich wohlfühlst?«

»Aber ich fühle mich auch so wohl. Und ich sehe die Kisten wirklich nie. Die Tür ist sonst immer zu.«

»Wozu hast du denn dann so eine große Wohnung mit zwei Zimmern, wenn du das eine nicht benutzt? Zieh doch um, in eine Einzimmerwohnung.«

»Und wo soll ich dann die Kisten hin tun?«

»Na zum Beispiel in den Keller.«

»Ach, da verschimmeln die doch bloß.«

»Na paß mal ja auf, daß nicht hier, wo die Kartons so durcheinander geschmissen rumliegen nicht am Ende noch lauter Ungeziefer darunter vorgekrochen kommt.«

»Ach was. Ungeziefer läuft doch überall rum. Und ich glaube nicht, daß zum Beispiel Kakerlaken sich dafür interessieren, ob die Kistenordentlich gestapelt sind oder nicht.«

»Natürlich interessiert die das. Mach da mal ordentlich.«

»Ja, ja.«

Irgendwann hatte ich bei einem Besuch bei meinen Elternein BIC-Feuerzeug in der Wohnung liegen lassen. Als ich das nächste Mal vorbeikam, sagte meine Mutter: »Guck mal. Du hast das Feuerzeug hier letztens liegen lassen. Kann ich es wegschmeißen. Das geht nämlich nicht mehr.« Und sie demonstrierte mir das, indem sie das Hebelchen für Gasausströmen runterdrückte.

»Zeig mal!«, sagte ich und entflammt das Feuerzeug, in dem ich mit dem Daumen das Rädchen drehte und ihn danach auf dem Hebelchen für Gasausströmen liegen ließ.

Zeichnung von k.p.m.wulff

»Ach! Wie hast du denn das gemacht?«

»Na, so hier«, Schnips, und ich führte es noch einmal vor.

Sie probierte es, aber es gelang ihr nicht. Ich schenkte ihr das Feuerzeug, damit sie noch ein wenig üben konnte.

Seit dem frage ich sie immer, wenn ich sie sehe, ob sie denn schon Feuerzeuge entfachen könne, bekomme zur Antwort, nein, das könne sie nicht, es gäbe aber auch Streichhölzer.

Ja. Ich bin stolz auf meine Mutter. Ich bewundere sie dafür, wie sie es schafft, mit so wenig Begabung trotzdem durchs Leben zu kommen.

Copyright: Tube

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
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