Hans Duschke: Man kommt zu nichts mehr
Ganz schön stressig dies neue Leben. Man kommt zu nichts mehr. Das wußte man vorher, doch wie sich´s anfühlt, konnte einem keiner sagen. Die Eltern im Umfeld geben sich zu erkennen.»Willkommen im Club«, sagen sie, lächeln dabei verschwörerisch, und es klingt ironisch. Es klingt nicht nach Club-Urlaub, eher nach Strafkolonie, wo aber alle immer gute Launehaben müssen. Na, mal sehen.
Die Prognosen, wie lange das jetzt noch so weitergehen soll, variieren: Drei Monate sagen die einen, ein Jahr die anderen; von zwei Jahren hat man schon gelesen, in einem der vielen Ratgeberbücher, mit denen wir aus allen Richtungen beworfen werden. Das Stillbuch (Das die Stille und das Stillen was miteinander zu tun haben), Die schönsten Geschichten für junge Eltern, die rororo-Reihe Mit Kindern Leben.
Diese Ratgeberbücher sind immer gleich und nur historisch unterschieden. Noch in den 60er Jahren wurden man ständig ermahnt und gewarnt. Solche Bücher sammle ich mittlerweile. In jedes dieser Mutter-und-Kind-Bücher mußte mindestens eine Doppelseite Farbfotos von ekligen Hautkrankheiten eingeklebt werden. Ansonsten alles schwarz-weiß. Nur die ekligen Hautkrankheiten in Farbe. Das waren die 50er und auch die 60er Jahre. Das ist meine Kindheit.
Heutzutage hat sich einiges geändert. Vor allem die Ratgeberbücher haben sich geändert. Ich werde auch eins schreiben. Ratgeberbücher sind einfach in der Herstellung und versprechen einen Riesengewinn. Man schaut ins Impressum, da stehts: 430. bis 460. Tausend und auf dem Rücktitel lächelt die Autorin von der Terrasse ihrer Villa im Tessin, die sie sich zusammen geschrieben hat. Ansonsten ist sie Hausfrau, Mutter, ganz natürlich geblieben und Mitglied der lokalen High-Society.
So hab ich mir meine Zukunft auch vorgestellt. Ein Ratgeberbuch also! Das geht so:
Vorwort: Ich kenne dein Problem genau.
I.: Ich habe beruflich und auch privat damit schon zu tun gehabt.
II.: Vertraue mir.
III.: Deine Ängste sind mir gut bekannt.
IV.: Ich bin Experte.
V.: Höre auf nur mich, nicht auf die anderen.
VI.: Dann wird alles gut.
VII.: Alles wird gut, wenn du dem natürlichen Weg folgst.
VIII.: Ich zeige dir den Weg.
IX.: Du bist völlig normal.
X.: Das haben schon ganz andere geschafft.
XI.: Immer mit der Ruhe.
XII.: Ich kann dir helfen.
XIII.: Always look on the bright side of life.
XIV.: Wenn´s was Ernstes ist, geh zum Arzt.
200 Seiten, viele Abbildungen, große, lesbare Schrift: Das sollte zu machen sein. Tagträumereien. Schlafmangelphantasien.
Wie lange soll das also so weitergehen? »18 Jahre, mindestens«, versuchen die Freunde einen Scherz, »wenn ihr sie nicht vorher ins Heim geben wollt.«
»Bis sie eine Ausbildung hat«, weiß einer.»Und das kann dauern.« Das wissen wir aus eigener Erfahrung. »Man lernt ja heutzutage praktisch niemals aus.« Ich ahne es: Wir haben sie jetzt für immer am Hals. »An der Brust«, präzisiert die Mutter. »Ich möchte nur einmal durchschlafen«, beginnt sie ihren delirierenden Monolog. »Das mit den 18 Jahren stört mich nicht. Ich muß auch nicht zur Disco ... irgend was ganz Wichtiges ... Aber mal durchschlafen! Mal länger als drei Stunden ...« Da ist sie auch schon wieder weggedöst. Die Frau hat Probleme.
Ich lausche. Alles ruhig. Dann quakt das Kind wieder. Die Verdauung ist ja so-so anstrengend. Die Kleine sieht nun - nach drei Wochen - ihrer Urgroßmutter väterlicherseits verblüffend ähnlich: Einer herrischen, zahnlosen Alten, hart gegen sich und andere, mit Doppelkinn und dem bösen Blick. Sie juchzt vor Vergnügen, wenn wir sie ununterbrochen bedienen. Ich sitze also da, mit den Händen und einem Teil des Kopfes versuche ich einen Text zu schreiben, mit der großen Zehe des linken Fußes wird die Wiege geschaukelt.
Sie grummelt und grollt. Beruhigend spreche ich auf das Kind ein: »Ich kenne dein Problem genau. Vertraue mir. Deine Ängste sind mir gut bekannt. Höre auf nur mich, nicht auf die anderen. Dann wird alles gut. Alles wird gut, wenn du dem natürlichen Weg folgst...« Jetzt ist sie eingeschlafen. Vorläufig. Und mir fallen auch die Augen zu.