Bov Bjerg: Ich brauch im Urlaub weiss Gott keine Zeichentrickfilmkrokodile
Wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat, sollte man keine kurzen Hosen mehr tragen. Außer man ist Brite. Der Brite kann das. Wie er´s macht, man weiß es nicht, aber der Brite kann in Würde kurze Hosen tragen bis ins hohe Alter.
Wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat, sollte man auch seine Geschmacksknospen soweit erzogen haben, daß sie die schwereingeschränkte Verwendbarkeit von Rotwein, der unter anderthalb Euro kostet, selbsttätig erkennen können. Solchen Wein kann man eventuell verschütten, wenn man mal zuviel Salz hat, aber trinken sollte man ihn nicht.

Und schließlich: Wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat, sollte man nicht mehr zelten. Jedenfalls nicht mit Zweipersonenzelten. Bzw. Zweipersönchenzeltchen. Die Handhabung von Campingkochern und Iso-Matten (sog. Iso-Folter) sollte man ebenso den Spätgeborenen überlassen wie die weitere Datenerhebung und Theoriebildung im zeltöffnungstechnischen Spannungsfeld von Mücken und Ersticken. Und was bei alle dem das Schlimmste ist: Die Campingkultur ist einem rasanten Wandelunterworfen, und meiner einer braucht ein ganzes Weilchen, bis er es rafft, daß da draußen in der Sommernacht gar nicht die Zikaden zirpen, sondern die Mobiltelefone der Backfische.
Ich beklage mein Schicksal. Ich sammle die Weinflaschen von gestern Abend ein (billig gekauft, trotzdem getrunken, Fehler gewesen),stakse kurzhosig und mit zerstochenen Beinen über fremder Leute Zeltschnüre und beklage mein Schicksal: »Ich bin zu alt zum Zelten!«
»Hör endlich auf zu jammern!«
Na klar, das will keine Frau hören, daß ihr Typ für irgend etwas zu alt sein könnte. Da wird sie ganz unruhig. Sieht sich den Kerl schon windeln und füttern. Häusliche Pflege nach Paragraph Schnickschnack der Pflegeversicherung. Was hat sie denn? Gibt doch gutes Geld!
»Ich bin nicht mehr im Alter für Zelt!« variiere ich mein Lamento. Die Angespanntheit der Situation findet ihre jähe Entsprechung in der Angespanntheit meiner Grammatik. »Ich bin nicht mehr Zelt! Ich bin schon mindestens Wohnwagen!«
Im Campingplatzcafe hat ein verrückter Wissenschaftler eine Versuchsanordnung installiert. An kleinen Campingplatzcafehaustischchen sitzen lauter Menschen, die ihren Kopf in den Nacken legen und zur Decke starren. Dabei beißen sie in Kuchenstücke oder dicke Toastscheiben. Vor jeder Testperson steht ein winziges Espresso-Tässchen, und im Fernseher da oben an der Decke fliegen Zeichentrickfilmkrokodile durch das Weltall.

Nebel. Gang ins Dorf. Eine Ansammlung von leerstehenden Neubauten. Vende-se, zu verkaufen. Als ob sie hier mal auf Touristen gewartet haben, die dann doch lieber ganz woanders hingefahren sind. Azzurro statt Fado. Gang über den Strand, barfuß im Nebel. Muscheln sammeln. Die mit den dicken Rillen! Angler. Meer und Himmel, eine Suppe. Gang durch die Dünen. Auf dem Sandweg eine Gottesanbeterin. (Was die mit ihren Männchen machen!) Die Pinien, ein Wäldchen. Agaven, hoch wie ein Mensch. Wenn eine Agave blüht, wächst ein Trieb aus ihrer Mitte senkrecht nach oben, vier, fünf Meter hoch. Am Ende des Triebes die Blüte. Nach dem Verblühen stirbt die ganze fette Agave, der Trieb vertrocknet, die Blütevertrocknet. (Das könnte man bestimmt gut als Bild nehmen, als vollstarke Metapher für irgendwas. Das Leben und alles. Naja, wer will, soll das ruhig tun. Ich find´s ein bißchen zu dick aufgetragen.) Der Blütenmast bleibt dann ein paar Jahre so stehen, ein Grabmal seiner Pflanze. Einmal sehen wir ein ganzes Gräberfeld, Dutzende von Stangen, die in den Himmel stechen. Dazwischen junge grüne Agaven, dahinter der Nebel. An der Kläranlage vorbei zum Zeltplatz zurück. Sie fragt mich, ob ich denn überhaupt Beiträge bezahle für die Pflegeversicherung. »Na sicher«, sage ich. »8 Mark 50 jeden Monat. Und das wird alles mal dir gehören.« Und dann kram ich doch noch meine langen Hosen aus dem Rucksack.
