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Uli Hannemann: Wie man einen Hefeteig macht

Um meine Pflegemutter bei ihren Geburtstagsvorbereitungen zu entlasten, wollte ich ihr einen Pflaumenkuchen backen. Aber bitte mit Hefeteig, wies sie mich an, übergab mir ein Rezeptbuch und ließ mich damit schrecklich allein.

Eigentlich hatte ich einen Rührteig geplant. Da schmeißt man nach Augenmaß alle Zutaten in eine Schüssel und rührt sie durch. Fertig nach zwei Minuten. Das Rezept für Hefeteig nahm dagegen drei Seiten in Anspruch. Ich las es mir durch: Jede Zutat mußte spezialbehandelt und in einer genau festgelegten Reihenfolge verarbeitet werden. Danach durfte man den Teig beim Gehen auf keinen Fall anschubsen oder sonst wie erschrecken. Das konnte ich nicht glauben. Ich beschloß daraufhin, einen Feldversuch zu starten:

Den ersten Teig machte ich genau nach Vorschrift: Ich siebte das Mehl, besprach es und streute einen Teil davon in alle vier Himmelsrichtungen, um die Götter gnädig zu stimmen und um Unterstützung für mein Werk zu bitten. Dann warf ich es aus genau sieben Metern Entfernung in einen Schädel, der mir als Schüssel diente, drückte eine Vertiefung in die Mitte und gab den Zucker dazu. Den hatte ich über Nacht unter einem Kreuzweg vergraben und die Stelle mit einem Pentagramm gekennzeichnet. Um den Rand verteilte ich in Altötting geweihte Butterflöckchen und koscheren Vanillinzucker. Wie beschrieben, rieb ich mit der Zitronenschale auch meine Fingerspitzen und gab die blutige Masse, rückwärts Verwünschungen aussprechend, auf die Butter. Die Hefe bröselte ich unter schamanischen Gesängen in eine Nierenschale, die der Pathologie des St. Josephs Krankenhauses entstammte, und fügte die lauwarme Milch einer unehelichen Kugelstoßerin hinzu, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Dies alles verarbeitete ich mit dem Knochen eines Märtyrers zu einem glatten Teig. Dann stellte ich den Schädel in eine dunkle warme Ecke und bedeckte ihn mit einem Gebetsteppich. Während ich den zweiten Teig zubereitete, ging ich auf Zehenspitzen herum, um den ersten bloß nicht zu erschrecken.

Den zweiten Hefeteig erstellte ich nach meiner Methode: Ich schmiß alle Zutaten in einen schmutzigen Spaghettitopf und knetete sie durch. Das dauerte zwei Minuten. Dann setzte ich mich mit dem fertigen Teig aufs Bett und führte ihm Horrorvideos vor. Manchmal schrie ich auch plötzlich grundlos auf, wenn überhaupt nichts passierte - »huaaah, huaaah!!« - so wie ich das bei meiner kleinen Nichte machte. Dabei stieß ich den Hefeteig rüde mit dem Ellbogen an. Er ging nicht. Er ging auch dann nicht, als ich ihn vom Bett warf und er hätte gehen müssen, um aufs Bett zurückzuklettern.

Nach einer Stunde gedachte ich, mal nach dem ersten Teig zu sehen. Der aber hatte offenbar gerade die selbe Idee und kam mir zuvor. Er waberte, die Diele bereits bis zur Decke ausfüllend, ins Schlafzimmer und sah nach mir und seinem kleinen Bastard-Bruder, wobei er gefährlich klingende Geräusche von sich gab. Er ging und ging und hörte nicht auf zu gehen. Inzwischen füllte er die ganze Wohnung, hatte längst sein Geschwisterchen verschlungen und mich auf den Fenstersims gedrängt. Die Scheiben knirschten schon gefährlich und ich wohnte im vierten Stock. Das machte mir mächtig Angst: »Huaaah, huaaah!«, schrie ich und schon fiel der Hefeteig komplett in sich zusammen. Im Endeffekt also das gleiche Ergebnis.

Copyright: Uli Hannemann

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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