Wladimir Kaminer: Die tragische Spassguerilla
Jede Art organisierter Protest gegen das Schweinesystem und die Konsumgesellschaft scheitert durch die Schweinereie der obengenannten Gesellschaft. Immer wieder wenn es hart auf hart kommt, stellt dieses System mit einem einfachen Trick die Weichen um, und schon fließen die wilden Energien, die sie zu zerstören drohen, in die Konsumstrecke hinein. Der Trick ist längst bekannt: Der Feind macht bei jeder Protestaktion gegen sich selbst einfach mit. Es lebe die Sexuelle Revolution? Eine tolle Idee! Und schon bald laufen irgendwelche jungen Rechtsanwälte mit Freelove T-Shirtsin der Stadt herum - neue Produkte erobern den Markt. Alles wird verkauft einschließlich der Haare: Kurz oder lang, schmutzig oder sauber - Das Schweinesystem läßt sich nicht provozieren, es ist selbst die totale Provokation, es verarscht uns immer wieder aufs neue, wie die Sonne mit ihrem Licht. Es läßt sich kein Untergrund mehr hier aufbauen und ohne einen Untergrund kann eine Protestbewegung nicht lange existieren.
Deswegen scheitern auch alle großen alternativen Bewegungen wie die der Hippies oder der Punks, sie wurden allzu schnell selbst Teil des Systems. Doch immer wieder finden sich mutige Kämpfer, die den Kapitalismus erschüttern. Das sind die Spaßguerilleros. Sie treten dem System auf seine schwächste Stelle - auf seine Persönlichkeitsschwiele. Der kollektive Protest funktioniert nicht, dafür aber ein individueller.
Im Prenzlauer Berg schaffen es einige besonders hartnäckige Individuen trotz schlechter Zeiten, das im pseudoglücklichen Delirium des Konsums versunkene Volk auf Schärfste zu provozieren. Ich habe das Glück, diese Helden der Alternative, vom Balkon meines Hauses auf der Schönhauser Allee beobachten zu können. Als Freund jeder Art von Protest, begrüße und verherrliche ich sie. Diese Menschen verdienen ein Denkmal, an dem ich hier gerade bastle, ein Denkmal der Zuneigung und des Verständnisses.
In erste Linie möchte ich die Veteranen erwähnen, die sich seit Jahren auf der Schönhauser Allee tummeln. Das sind: Der grüne Mann mit seinem grünen Pudel und der kleine Mann mit Fliege, steifem Glockenhut, Stock und Arzttasche. Beide haben schon mehrmals bewiesen, daß sie Mut haben und gegen das System absolut immun sind. Mehr noch - sie richten das Schweinesystem durch ihre bloße Existenz zu Grunde. Der kleine mit dem Hut läuft unermüdlich jeden Tag von früh bis spät durch den Prenzlauer Berg. Unter Umständen kann er einen zur Tode erschrecken, was mir einmal in einem Treppenaufgang passierte, wo er sich in einer dunklen Ecke versteckt hatte und leise vor sich hin pfiff. Einmal bin ich ihm gefolgt, konnte aber nach zwei Stunden nicht mehr mit seinem Tempo mithalten. Manchmal bleibt er plötzlich vor einer Bäckerei stehen, kauft sich ein Brötchen, ißt es schnell im Stehen auf und läuft weiter.
Den Mann mit dem grünen Pudel sieht man nicht oft auf der Straße, doch jedes mal wird sein Auftritt zu einem großen Ereignis. Gewandet in einen langen grünen Ledermantel, mit grünen Handschuhen, grünem Cowboyhut, grünem Regenschirm und grünen Stiefeln, dazu noch ein Hund in der selben Farbe. Wenn er so die Straße überquert, geben alle Autos Gas und die Fußgänger kommen gruppenweise unter die Räder.
Den Jungen in der schrägen SS-Uniform mit weitgeöffneter Hose, aus der ein Plastikschwanz herausragt, muß man natürlich hier auch erwähnen, ebenso die alte Hexe im weißen Kleid mit Brautschleier, die das ganze Jahr barfuß läuft und unübertroffen eine Eule nachmachen kann. Einmal schlug sie einen Fotografen nieder, als der ihre Füße fotografieren wollte - ihr Persönlichkeitsreichtum soll unkonsumierbar bleiben. Die Anwesenheit dieser Menschen zeigt uns einen Ausweg: Das es auch anders geht, wenn man unbedingt darauf besteht.