Jürgen Witte: Wäre ich Rock-Musiker geworden, ich wäre sicher schon so taub wie Pete Townshend
Die Nacht senkt sich über Steglitz, außer ein paar Autos auf Durchreise in die abgelegeneren Außenbezirke wird es ruhig auf den Straßen. Auf der Bank gegenüber meinem Fenster sitzt ein einsamer Teeny und läßt sich von seinem Taschentelefon eine zirpende Melodie vorspielen. Immer wieder die gleiche Melodie. Da spielt einer das unterhaltsame Spiel:»Jetzt ruft mich gleich jemand an«. Tut aber keiner. Samstag Nacht, halb zwölf. Da sollte eigentlich kein Teeny alleine sein. Möchte man denken. Aber es ist so. Ich seh zwar nix, is ja dunkel draußen. Aber ich höre noch sehr gut, für mein Alter. Also, daß bei CDs was nicht stimmt, daß da was fehlt, das denke ich immer, wenn ich CDs hören muß. Und wenn wirklich nix fehlt, dann fehlt immer noch das Knacken. Das gehört schließlich auch zur Musik. Das war doch immer so. Es gibt so leise Knacker, an bestimmten Stellen bestimmter Lieder, die erwarte ich regelrecht, auch wenn ich das Stück im Radio höre.

Es ist dunkel, ich kann nicht sehen, was an dem Teeny anders ist als an anderen Teenys. Warum ist es allein? Ich weiß nicht, ob es ein dickes, ein pickliges, vielleicht ein männliches oder einfach nur ein schlecht gekleidetes Teeny ist. Ohne Markenklamotten, oder mit den, dies Jahr echt falschen Turnschuhen, oder so. Aber immerhin hat das Teeny ja ein Taschetelefon zum Spielen. Da war kurz eine Stimme, die Stimme eines jungen Menschen. Also ist das ein Teeny, hab ich mir noch gedacht. Vielleicht hat es eben noch telefoniert, das Teeny. Und jetzt spielt es vor meinem Fenster im Dunkeln mit seinem Taschentelefon.
Taschentelefonspielen, das ist nicht mehr so Kind, also dem Game-Boy-Alter ist derjenige schon entwachsen, aber das Spielen kann er noch nicht ganz lassen. Also spielt der Jungendliche jetzt vornehmlich mit seinem Telefon. Andauernd, auch im Bus, ganz schlimm. Von »Tüdilitü« bis zum halben Radetzkymarsch. Alles zirpende Melodien die, ... ich will ja nix sagen, aber ein Wohlklang, da versteh ich was anders drunter. Diese Musik vom Billig-Chip, die muß sich den Namen Musik erst noch verdienen.
Normalerweise sitzen die Teenys auf dieser Bank in der Mehrzahl. Tagsüber, aber viel auch nachts. Und dann reden sie, lachen, balzen oder sie gucken ernst. Manchmal lümmeln da drei oder vier nebeneinander, oft setzten sie sich auch auf die Lehne, und dann gucken die einfach ernst. Minutenlang. Also, als wo ich noch so jung gewesen bin, ich glaube, ich habe nicht so oft und bestimmt nicht so ernst aus der Wäsche geguckt. Je fröhlicher die Werbung im Fernsehen, desto ernster die Teenys auf der Bank vor meinem Fenster. Falls es da überhaupt einen Zusammenhang gibt.
Gerade hat der, die, das Teeny einen Klettverschluß geöffnet. So ein unangenehmes Geräusch, das so klingt, als wenn man das Abziehen eines Wund-Pflasters von der Haut mit einigen hundert Watt verstärkt. Eklig. Jetzt schneuzt sich das Teeny. Oha! Doch, das klingt schon fast erwachsen. Ob es ein männliches Teeny ist? Mädchen versuchen gemeinhin leiser zu Schneuzen. Obwohl, wie die das machen? Also ich weiß das nicht. Ich kann das nicht. Bei mir ist Schneuzen immer laut.
Jetzt parkt vor meinen Fenster, genau zwischen uns beiden, ein Diesel ein. Das macht ein solches Geräuschgewitter, daß ich nix mehr vom Teeny hören kann. Wetten, der Fahrer packt die Parklücke nicht auf den ersten Versuch; wetten, nachher, nach dem Aussteigen knallt er die Tür seines Autos zu und vielleicht erschreckt er das Teeny damit so, daß es dann wegläuft. Weil, das Teeny sucht sicher die Ruhe, auf der Bank gegenüber von meinem Fenster. Es hat ja sogar aufgehört, mit seinem Telefon zuspielen. Hoffentlich macht das Geklapper meiner Tastatur das Teeny nicht nervös. Also nachher, wenn´s wieder ruhig ist. Meine Tastatur klappert nämlich ziemlich laut, und deshalb kann ich jetzt auch nicht rausgucken und nachsehen, wie es dem Teeny im Dunkeln grade geht. Sonst fühlt es sich beobachtet. Weil, mich kann es schon sehen, ich sitze ja im Licht am offenen Fenster.

Eine Wette verloren, eine gewonnen. Parken kann er, aber Türen leise zumachen, das kann er nicht, dieser Dieselfahrer. Untentschieden. Und vom Teeny keinen Laut. Irgendwo um die Ecke, in der Nebenstraße hat eben einer seine Schlüssel fallen lassen. Ich hab´s genau gehört. So leise ist es jetzt. Es ist die Zeit, wo hier die Betrunkenen heimkehren. Der Steglitzer säuft schnell und kontrolliert, Mitternacht ist bei den meisten hier in der Gegend schon längst Schluß.
Jetzt ist das Teeny aufgestanden, es geht weg, ich kann es genau hören. Das Sandpapiergeräusch, wenn diese modischen Nylonstoffe aneinander schobern. So ein bißchen, als wenn in einer Sambaband diese Dingens zum Einsatz kommt, wo so ein Netz über einer Kugel hängt, und das Netz wird festgehalten, und an der Kugel ist ein Griff, und daran dreht man immer kurz - so »Wuscht! Wuscht!«. So ähnlich klingt das auch bei den Nylonhosen. Aber der Kunststoffklang ist nicht so erdig, natürlich, Exoten-Volksmusikmäßig, da fehlen zusätzliche Frequenzen zu einem vollen Sound. Das ist eher so einsparsames monofrequenzmäßiges Techno-Wuscht. Als tät auch das Geräusch aus einem Computer kommen. Wie diese Didelidüs von Taschentelefonen.
In der Ferne Tutet ein Polizei-Auto oder ein Krankenwagen. Vielleicht was Schlimmes? Jedes mal wenn ich das höre, freue ich mich, daß unsere Polizei nicht auf dieses Gewimmer umgestiegen ist, das man im Fernsehen immer vorgesetzt bekommt. Vorn wegen »Tatü-Tata«. Das gibts nur noch in Kinderbüchern. Aber »Dadü, Dadü« ist immer noch besser als dieses amerikanische »Wuiwuiwuiwuiii«, das ist nun wirklich echt ekelhaft.