Jochen Schmidt: Wie ich einmal gelogen habe
Neuerdings gibt es für mich einen Grund mehr, mich vor dem Einkaufen zu fürchten, ich hätte nicht gedacht, daß ich das nochmal erleben dürfte: eine hübsche Kassiererin. Ich habe in den letzten Jahren schon viele junge Kassiererinnen frühzeitig vergreisen sehen, aber so hübsch war noch keine. Ich stand zufällig in ihrer Schlange, als ich sie sah und überlegte, ob das, was ich im Begriff war, ihr aufs Band zu legen, ihr Interesse wecken könnte. Ich hatte heute zufällig russische Eier im Korb, ein Glas Gurken, drei Büchsen Bier und eben hatte ich noch die neue Ausgabe von Russki Berlin dazugelegt, damit ich die alte endlich wegschmeißen könnte, in die ich nie hineingesehen hatte. Die junge Frau mußte mich für einen Russen halten. Sie verbarg ihre Überraschung hinter dieser subalternen Gleichgültigkeit, die mein Interesse nur noch anstachelt.

Beim nächsten Mal war ich vorgewarnt. Ich wollte eigentlich nur ein Brot und ein paar Tomaten kaufen, aber da sie wieder an der Kasse saß, mußte ich ihr schon ein bißchen mehr bieten. Ich kaufte nicht den A&P Camembert, sondern den guten, der mir gar nicht schmeckt. Ich kaufte nicht die geliebten Fünf Minuten Terrinen, sondern einen Blumenkohl und Paniermehl, denn ich konnte kochen. Ich überlegte, ob ich mir eine neue Glühbirne kaufen sollte, weil meine kaputt gegangen war, aber ich wollte nicht, daß sie mich für eine langweilige Leseratte hielt. Deshalb kaufte ich eine 25 Watt Birne, die zu dunkel zum Lesen war und nicht zu hell zum Sex. Ich kaufte keine Bierbüchsen, sondern einen Rotwein für acht Mark. Ich ging sogar so weit, nur eine Tomate zu kaufen statt zwei, um deutlich zu machen, daß ich allein und noch zu haben war, obwohl das vielleicht schon eine Spur zu aufdringlich wirken mußte.
Damit ausgerüstet stellte ich mich in ihrer Schlange an, obwohl die andere kürzer war und beobachtete sie dabei, wie sie, ohne sich etwas anmerken zu lassen, angestrengt über mich nachdachte. Ein junger Russe, der selber kocht und keinen Wodka trinkt sondern Rotwein, der jeden Tag zweimal bei Kaisers in der Schlange steht und so hilflos ist, daß er einen einfachen Satz wie Heute sind nur große Tüten nicht gleich versteht. In Rußland kommen die Verkäuferinnen ja in der gesellschaftlichen Hierarchie noch gleich hinter den Börsenmaklern und die meisten russischen Männer sind verlottert, wenn man aber einmal einen von den anderen erwischt, dann kann er mehrere Instrumente spielen, geht für seine Frau durchs Feuer und lernt im Bus Goethes Faust auswendig, obwohl er gar nicht deutsch kann. Was für ein Glück habe ich, schoß es ihr durch den Kopf, gerade erst habe ich in dieser Filiale angefangen und schon ziehe ich das große Los. Ich werde ihn aber noch ein bißchen mit meiner subalternen Gleichgültigkeit reizen, was immer das heißen mag, und in ein paar Wochen kauft er zwei Tomaten. Das wäre doch gelacht.

Als ich dran war, schreckte sie aus ihrer Träumerei auf und fragte mich, ob ich den Bon brauche. Ja, log ich frech, um noch ein wenig bei ihr verweilen zu können. Sie durchschaute mich und ließ zur Strafe das Band so schnell laufen, daß ich mit dem Einpacken nicht hinterherkam. Was sich liebt, das neckt sich.