Volker Strübing: Ein Engel auf Erden
Um den Sinn des Lebens zu ergründen, muß man erst einmal ein wenig Abstand gewinnen, dachte Hans Grantig und erhängte sich im Morgengrauen.
Der Empfang im Himmel war ziemlich frostig: »Selbstmörder nehm wir hier eigentlich nich«, maulte Petrus. »Aber die Hölle ist total überfüllt, während sich für hier oben so gut wie niemand qualifizieren kann.« Er schnaubte verächtlich und begann, in seinen Bart zu brabbeln: »Menschen! Mißratenes Pack! Was der Chef sich dabei nur gedacht hat?! Also, wenns nach mir ginge ... aber auf mich hört ja sowieso keiner...«

Ihm fiel der Wurm mit den blauen Striemen am Hals wieder ein, der mit geschwollener, heraushängender Zunge betreten neben ihm stand und verschämt mit dem Fuß in der Wolke scharrte.
»Naja, jedenfalls ham wir jetzt die Bestimmungen ein bißchen gelockert, wegen dem vielen Leerstand hier. Rentiert sich sonst nich.«
»Ich darf also rein?«
»So einfach is das nun auch wieder nich! Du mußt schon ein bißchen was dafür tun. Es geht um so ne Art Kunden-werben-Kunden-Ding. Ganz einfache Sache: Wir schicken dich nochmal zurück, als Engel auf Probe. In einer kleinen Kneipe in Berlin Mitte sitzt just in diesem Augenblick ein netter junger Mann, einer von den ganz wenigen, die noch unverdorben sind und wirklich Anspruch auf einen Platz an Gottes Seite haben. Sorg dafür, daß wir ihn nicht auch noch verlieren, es wäre schade. Außerdem ist er sehr attraktiv und die heilige Jungfrau hat ihr Keuschheitsgelübde bereits relativiert.
Kurz und gut: Paß auf, daß er sauber bleibt und wir ihn irgendwann mit allen Ehren hier oben begrüßen können, und du kriegst deinen Heiligenschein und alles! So. Jetzt hol dir in der Ausgabestelle ein paar Flügel ab, und sieh zu, daß du es nicht verpatzt!«
***
Ich saß in einer dieser Kneipen in Berlin Mitte und beobachtete traurig das lasterhafte Treiben um mich herum. Junge Leute tranken am hellichten Tage alkoholische Getränke, gaben sich dem Müßiggang hin, blätterten in Zeitschriften von deren Titelblättern ihnen entblößte Menschen entgegenlächelten und aus den Boxen an der Bar drangen mit Marschrhythmus und E-Gitarren unterlegte Aufforderungen zum Geschlechtsverkehr.
Eine Verabredung zwang mich zum Aufenthalt in dieser verräucherten Spelunke. Meinen Vorschlag, uns in der nahegelegenen sozialen Begegnungsstätte zu treffen, hatte mein Freund Tube entrüstet unter Hinweis auf das dortige Rauch- und Alkoholverbot abgelehnt. Und jetzt ließ er mich schon seit einer halben Stunde hier in der stickigen Luft warten.
***
Hans Grantig landete direkt neben der Kneipe und betrat sie mit gemischten Gefühlen. Er war nicht glücklich über seinen Auftrag. Er selbst hatte immer gern gesündigt und sich dabei jede Einmischung verbeten. Und jetzt sollte er der Spielverderber sein ... doch als er mich mit meinem Kamillentee in einer Ecke entdeckte, wußte er sofort, daß es ein leichter Job werden würde.
***
Ich bemerkte den Buckligen erst, als er direkt neben mir stand und mich fragte, ob er sich zu mir setzen könne. Er war etwa fünfzig und entsetzlich bleich. Das Sprechen bereitete ihm Mühe. Trotz sommerlicher Temperaturen trug er einen Mantel und einen dicken Schal.
»Selbstverständlich«, lud ich ihn ein. Wie hätte ich ihn wegschicken können? Er nahm Platz, was ihm nicht leicht fiel mit diesem monströsen Höcker auf dem Rücken. Wie konnte ich ihm helfen? Suchte er Trost, weil sich in dieser auf den schönen Schein fixierten Zeit niemand mit ihm abgeben wollte?
»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte ich den Unbekannten und unterdrückte ein Schluchzen.
»Gar nicht, ich bin hier um dir zu helfen. Ich bin ein Engel. Daher auch der Buckel, ich muß die Flügel unter dem Mantel verstecken.«
Ich glaubte ihm. Man darf nie davon ausgehen, daß man sowieso belogen und betrogen wird. Außerdem war das hier die Chance, auf die ich kaum zu hoffen gewagt hatte. Oft hatte ich von Engeln geträumt, und jetzt saß mir einer mit geschwollener, heraushängender Zunge gegenüber.
»Sind alle Buckligen Engel?«, fragte ich ihn.
»Leider nicht. Meine Frau damals hatte auch einen Buckel, aber das war auch alles, was an ihr engelsgleich war!«
In diesem Moment kam Tube: »Ah, hi Volker und, äh, Quasimodo, nehm ich an!«, begrüßte er uns böse grinsend.

»Tube, bitte, reiß dich zusammen. Das ist ein leibhaftiger Engel!«
»Ah, ein Engel!« Tube wieherte höhnisch. »Mann, Volker, da hast du dir ja einen schönen Bären aufbinden lassen! Obwohl...«, er überlegte kurz und betrachtete die Wölbung auf dem Rücken meines Gegenübers. »So wie es aussieht, hat man ihn eher deinem Kumpel aufgebunden!«
So ein Ärger! Jetzt wäre es mir wirklich lieber gewesen, Tube hätte unsere Verabredung ganz vergessen. Er war der letzte, den ich jetzt gebrauchen konnte: Schließlich saß ein Engel bei mir am Tisch! Okay, es war ein männlicher Engel, nicht ganz das, was ich mir erhofft hatte, aber immerhin. Bisher hatte ich um Sex immer einen großen Bogen gemacht. Es gab in meinem Bekanntenkreis wirklich genügend abschreckende Beispiele, die mir das angebracht erscheinen ließen. Nachdem sie einmal damit angefangen hatten, waren sie tief in einem Sumpf aus Schuld, Schmutz, Liebeskummer und Beziehungsstreß versackt. Aber Sex mit einem Engel, mit einem himmlischen Wesen, das mußte eine saubere Sache sein!

Ich versuchte Tube ruhig zu stellen und machte dem Buckligen schöne Augen. Ob er wohl nackt war unter dem Mantel? Wie würden sich die Flügel anfühlen?
»Ich geh mal auf Klo«, sagte ich zu Tube und zwinkerte dem Engel verführerisch zu.
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Das hat mir gerade noch gefehlt, dachte Hans Grantig, als dieser Tube dazu gekommen war. Der hatte sicher keinen guten Einfluß auf mich. Hans überlegte, wie er mich schnellstens aus diesem Laden rausholen konnte. Als ich zur Toilette ging, witterte er seine Chance und folgte mir.
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Ich erwartete den Engel im Vorraum der Toilette. Als er hereinkam, riß ich mir mein T-Shirt vom Leib.
»Endlich, ich dachte schon, dieser Moment würde nie mehr kommen!« Langsam ging ich auf ihn zu. »Nimm mich in deine Arme, breite deine Flügel und flieg mit mir in den siebten Himmel oder wenigstens bis zur Toilettendecke!« Ich öffnete den Hosenstall. Der Bucklige sah mich verdutzt an.
»Ich hab mich wohl doch in dir getäuscht«, murmelte er schließlich. »Aber meine Zukunft laß ich mir von dir nicht versauen!« Er griff nach einer leeren Bierflasche auf dem Fußboden und schlug mir mit ihr den Schädel ein. Dann öffnete er seinen Mantel. Er war tatsächlich nackt darunter, und sein Bierbauch enttäuschte mich etwas. Aus der Innentasche zog Hans eine kleine Harfe und fetzte eine Saite ab. Mit einem Satz war er hinter mir, legte sie um meinen Hals und zog die Schlinge mit seinen Engelskräften fest zu. Mit einem Plop! sprang mein Kopf vom Hals und polterte zu Boden. Ach du lieber Himmel, dachte ich und sah aus dem Augenwinkel heraus, wie mein Körper eine große Blutfontaine ausstoßend umkippte.

Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt gewesen, etwas Bedeutungsvolles zu sagen, »mehr Licht« oder so, aber probiert das mal, wenn eure Lungen und Stimmbänder ein paar Meter entfernt in einer Blutlache liegen.
***
Einen Augenblick später stand Hans zum zweiten Mal vor dem Himmelstor. Neben ihm stand ich und guckte vorwurfsvoll, aber Hans hat es gar nicht bemerkt, denn ich hielt meinen Kopf verschämt vor den Hosenstall. In der Eile des Aufbruchs hatte ich es nicht mehr geschafft, die Hose ordentlich zu verschließen.
Petrus betrachtete uns kopfschüttelnd.
»So war das ja nu nich gemeint«, sagte er zu Hans Grantig. »Du solltest ein bißchen aufpassen. Von direkter Lieferung war keine Rede. Und selbst wenn: Du hättstn ja wenigstens am Stück bringen können!«
»Das kriegt ihr doch bestimmt wieder hin! Gott kann doch wohl einen Kopf wieder ankleben?«
»Klar kanner das. Na ja, mal sehen ob´s nötig is.«
»Natürlich ist das nötig«, versuchte ich zu sagen, konnte aber nur leise röcheln.
Hans blickte mich stirnrunzelnd an und wandte sich wieder Petrus zu: »Außerdem, er wollte gerade sündigen und ich habe es verhindert!«
Petrus lachte laut auf: »Sündigen? Haha! Weil er mit dir bumsen wollte? Aber Sex mit einem Engel ist doch keine Sünde! Was meinst du, was hier oben abgeht?!«
Wie zur Bestätigung trat jetzt eine wunderschöne Frau durchs Himmelstor und kam auf mich zu. Unter ihrem durchscheinenden Nachthemd zeichnete sich ein himmlischer Körper ab. Nie hatte ich ein so begehrenswertes Geschöpf gesehen. Es war sehr verwirrend, die daraus resultierende Reaktion an meinem Hinterkopf zu spüren.
»Tach Maria!«, sagte Petrus, sie nickte ihm grüßend zu und blieb direkt vor mir stehen. Ihre Scham schwebte wenige Zentimeter vor meiner Nase und ich mußte mich sehr zusammenreißen, um meinen Kopf nicht ganz tief hineinzudrücken. Krampfhaft preßte ich ihn noch fester in meinen Schoß.
Maria kniete sich vor mich. Für einen Moment sah ich der heiligen Jungfrau direkt in die Augen, dann griff sie mir stürmisch in die Haare, nahm mir den Kopf aus den Händen und - gab ihn Hans Grantig. Verwundert öffnete ich die Augen. Maria nestelte an meinem Slip. Sie blickte kurz auf: »Laßt uns jetzt allein.«

Petrus verbeugte sich und machte Hans hektische Zeichen sich zu entfernen. Beim Weggehen sah ich, wie Maria ihr Gewand fallen ließ.
»Und was mach ich jetzt hiermit?«, fragte Hans Grantig und fuchtelte mit meinem Kopf vor Petrussens Gesicht rum.
»Tja, sie wollte wohl nur seinen Körper. Den Kopf kannst du behalten. Kümmer dich ein bißchen um ihn, damit´s ihm nicht so langweilig wird.« Mit diesen Worten ließ er uns stehen.
***
Heute muß ich sagen, der Hans, das ist schon ein netter Kerl. Er hat sich immer rührend um mich bemüht. Wieder und wieder hat er mir die Geschichte seines Lebens erzählt, die freilich schon beim ersten Mal ziemlich öde war. Gerade greift er wieder zur Harfe, um mir Yellow Lemontree vorzuspielen und wie so oft in den letzten 10.000 Jahren röchle ich leise Sympathy for the devil dazu und wünsche mir, ich wäre nicht ich, sondern mein Körper.