Uli Hannemann: Keine Sau da
»Schau mal - hier ist der Eingang zu dem Scheiß!«
Ich hatte der Reisebegleiterin versprochen, mit ihr die Ruinenstadt von Philippi zu besichtigen, mir dafür aber das Recht auserbeten, die ganze Angelegenheit für mich populärwissenschaftlich zu gestalten. Daher der Scheiß. Der Mann im Eingangsbüdchen blickte kurz vom Fernseher auf und teilte uns mit, daß es heute keinen Eintritt kosten würde. Es war Montag, es war Fußball-Europameisterschaft. Keine Sau war da.
»Was nichts kostet, ist auch nichts wert,« zitierte ich Schopenhauer, während wir im Geröll des Altertums herumstapften. Es war wirklich komisch: Der Scheiß sollte weltberühmt sein und keine Sau war da. Außer uns. Die Reisebegleiterin war begeistert: Man konnte überall herumklettern, alles anfassen und niemand beobachtete uns. Um es mir lustiger zu machen, näselte ich mit verstellter Stimme aus dem Reiseführer und improvisierte etwas eigenen Text dazu. Ich war sehr witzig.
»Du bist sehr witzig«, sagte meine Reisebegleiterin und fotografierte den Scheiß. »Hatten die damals schon grüne Plastikmülltonnen?«, ließ sie sich kurzzeitig von meiner Witzigkeit anstecken.
»Im vierten Jahrhundert nach Christus fielen Huronen und Hottentotten in Philippi ein«, näselte ich, »verheerten die Stadt, trieben alles Vieh zum Tor hinaus und ließen zum Ausgleich grüne Plastikmülleimer zurück ... wenn Sie mir bitte folgen wollen ... please follow me ... rien ne va plus ... e pericoloso sporgersi ...«
»Echt keine Sau da«, ignorierte sie mein Geschwätz routiniert, »da könnten wir ja einfach alles mitnehmen.« Probehalber versuchten wir eine querliegende Säule anzuheben. Unmöglich. Als nächstes einen etwa ferkelgroßen Brocken mit Verzierungen.
»Viel zu schwer«, entschied ich, »und wenn uns der Zoll mit dem Scheiß erwischt, ist die Kacke echt am Dampfen.«
»Wir könnten ihnen sagen, daß wir hier an einem Selbsterfahrungsseminar teilgenommen und das selber gehauen haben,« meinte meine Reisebegleiterin und griff diesmal nach einem kleinen Steinchen: »Hier - ganz ohne Muster! Da merkt keiner, daß das über 2000 Jahre alt ist!«
»Jeder x-beliebige Stein aus dem Gleisbett vom U-Bahnhof Wuhletal ist älter als 2000 Jahre!«
»Klugscheißer!«
»Wir könnten antike Nacktfotos machen«, schlug ich populärwissenschaftlich vor.
»Könnten wir«, stimmte die Reisebegleiterin unerwartet zu, »ist ja keine Sau da.« Von einem Feigenbaum rissen wir ein großes und ein kleines Blatt ab, überquerten das Forum und noch anderen Scheiß und erreichten am hinteren Ende der Ausgrabungsstätte die ehemaligen Thermen. Von weitem nicht einsehbar, aber für uns gut zu kontrollieren. Ideal. Und keine Sau da. Wir entkleideten uns und posierten mit Feigenblatt in einem Türstock aus Marmor. Im Hintergrund Ölbäume. Dann ohne Feigenblatt. Und keiner da. Nur zwei Säue an der Wiege des europäischen Christentums. Vielleicht sahen wir aus wie Hella von Sinnen und Stan Laurel am FKK-Strand, aber wir waren Aphrodite und Apoll.

»Voll klassisch, Alter«, jubelte die Reisebegleiterin.
Nachdem wir ordentlich Fotos von uns und dem Scheiß gemacht hatten, zogen wir uns wieder an und gingen zum Ausgang. Der Kontrolltyp sah immer noch fern und als wir uns verabschiedeten, schaute er erneut kurz hoch. Seine Stirn stand voller Schweißperlen - ganz schön spannend, die Europameisterschaft! Über seine Schulter hinweg warf ich einen schnellen Blick auf den Bildschirm, wollte wissen, wie´s stand: Der Bildschirm zeigte die Thermen von Philippi.