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Hinark Husen: Auf zur letzten Laterne

Neukölln im Jahre 2001. Ein wolkenloser Novembertag. Dort oben leuchten die Sterne und unten leuchte ich keinesfalls mehr, es sei denn, ich befände mich dummerweise in einem brennenden Fahrzeug. Man kann ja nichts ausschließen im Leben, aber soweit wage ich mich mal vor, einen Skianzug werde ich mein Lebtag nicht mehr tragen.

Der letzte Laternenumzug in meinem Erzieherdasein ist jetzt schon ein paar Tage her und ich habe ihn überlebt, wie immer. Im Gegensatz zu einigen der, von mir mithergestellten Laternen, die, teils unverhofft, andernteils aber auch mit voller Absicht ihr kurzes Dasein unter lautem Hallo-Geschrei der Träger beendeten. Das frustriert ja dann doch schon etwas. Da machste dir Gedanken. Du weißt es eh, dem durchschnittlichen 10jährigen Neuköllner geht diese Laternenlatscherei unglaublich auf den Sack, das ist in seinen Augen was für 9jährige Muttersöhnchen, aber doch nichts für einen Dennis, der mit der Türkenclique durch die Straßen zieht, in der alle schon über 5 Monate älter sind als er selbst und die ihn trotzdem akzeptieren.

So einem Dennis schlägst du also vor: »Du bist völlig frei in der Gestaltung, es verlangt keiner von dir, daß du Sterne ausschneidest oder Herbstlaub auf Butterbrotpapier stempelst. Klar ist das unter deiner Würde, weiß ich doch auch, brauchst du mir doch nicht zu sagen, was dieser Rapper, wie hieß er doch gleich noch, mit so´nem Laternenscheiß anfangen würde. - Mit ´ner Pumpgun vaporisieren. Achso achja, da wär ich jetzt doch nicht draufgekommen, woher kennst du denn solche Wörter?« - »Nee, die Pumpgun mein ich jetzt nicht, vaporisieren mein ich. Is ja auch egal. Also, das machen wir jetzt mal nich. Weißte, da würden sich die Vorschulkinder auch ´n bißchen erschrecken, und wenn´s dann noch die falsche trifft? - Was sagste, Jessica wär schon die Richtige? Ne, ich hab da mehr an die Laterne gedacht, aber is ja auch egal. Denk dir einfach mal was Cooles aus.«

Tags drauf kommt er dann tatsächlich mit einem Vorschlag, er hält mir einen Aufkleber vor die Nase: »Ach kiek mal, also jetzt doch ja? Na klar, Singen wird ausgespart, kein Thema, aber du überraschst mich, jetzt also doch ´n Blatt? - Jaja, ich weiß schon, daß des keine Kastanie ist, das seh ich selbst. Ja doch, es gibt auch Leute in meinem Alter, die das noch konsumieren. - Ob ich dir was besorgen kann? Sach mal, aber sonst geht´s dir gut, oder? Is mir doch scheiß egal, ob das nur für deine Kumpels is, die werden schon selber ihre Quellen haben.«

Ich weiß nich, sollt ich mir jetzt doch mal Sorgen machen.

»Nee, is schon okay mit der Laterne. Nein, ich hab da keine Problem mit. Also wir machen das so: Ich mach dir ne Schablone von der Blattsilhouette, die überträgst du dann mit weißem Stift auf schwarzes Tonpapier, ausschneiden, du klebst grünes Transparent dahinter, rollst es, pappst es zusammen. Dann den Zylinder mit dem Boden verkleben und fertig ist dein Kunstwerk.«

»Was, du weißt nich was ´n Zylinder is? Aber mir einen von vaporisieren erzählen, also nee, mein lieber Schollie?! - Nu aber nich frech werden, was! Wenn ich mich altmodisch ausdrücke, dann is das immer noch meine Sache. - Ja, wir haben sowas früher gesagt und ich sag das auch heute noch. - Was Schollie bedeutet? Kann ich dir im Augenblick nich erklären.«

Nicht selten in den vergangenen Jahren hatte ich das Gefühl, Westfalen und Neuköllner haben sprachlich doch keine gemeinsame Basis. Die Laterne ist dann tatsächlich fertig geworden. Ein blödes Gefühl hatte ich schon dabei. Als man ihn aber allenthalben von Erwachsenen-Seite lobte, seine Kastanienlaterne sähe ja echt knorke aus, war ich beruhigt. So´n Cannabisblatt is halt doch so filigran, daß es jahrelanger Übung bedarf, solches in Tonpapier ordentlich auszuschneiden. An meiner Schablone hat´s jedenfalls nicht gelegen. Und schließlich hat er seine leicht mißlungene Drogenprovokation sogar mit nach Hause genommen, im Gegensatz zu zwei Mädchen, die meinten, auf dem Kitagelände schon mal Walpurgisnacht feiern zu müssen. Mit richtig Feuer und allem.

Natürlich wollten sie mich eigentlich nur ärgern, das ist ihnen auch gelungen. Noch ein Jahr zuvor bin ich tierisch ausgeflippt, dieses Jahr hat´s mich dann doch irgendwie kalt gelassen. Vielleicht geh ich nächstes Jahr doch wieder mit, als Ehrenamtlicher. Mir kommen ja manchmal wirklich die blödesten Ideen.

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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