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Andreas Scheffler: Mein totes Tape-Deck

Am Dienstag habe ich mein altes Tape-Deck in den Müll getragen. Kaputt. Die Befehle, die ich durch Tastendruck eingab, wurden nicht mehr ausgeführt. Tot. Ich habe das Gerät aufgeschraubt, gestaunt, es wieder zugeschraubt und dann in die Mülltonne gelegt. Vorher habe ich es geputzt. Seit drei Jahren habe ich es mal wieder geputzt, mit Wattestäbchen, etwas Spiritus; in allen Ecken; und dann habe ich es in der Mülltonne beerdigt. Mein altes AIWA Tape-Deck. 18 Jahre alt ist es geworden. Gerade volljährig könnte man sagen; aber für ein Tape-Deck sind 18 Jahre, wie wenn ein Mensch 300 würde. Die Diodenanzeige war zuletzt unzuverlässig, und bei Aufnahmen war zwischen den Einstellungen Dolby B und Dolby C kein Unterschied zu hören. Aber es war ein gutes Gerät, das in meiner Jugend erheblich mein Selbstbewußtsein gestärkt hat.

Ich habe es übrigens kurz nach meiner Konfirmation gekauft. Alle haben damals ihre Musikwiedergabegeräte kurz nach der Konfirmation gekauft. Ich nur das Tape-Deck. Plattenspieler, Receiver und Boxen, die ich hatte, waren die abgelegten von meinen älteren Brüdern. Jetzt hatte ich als mit Abstand Jüngster das beste Tape-Deck in der Familie. Erwachsenwerden, das war nicht etwa eine Urkunde zur Konfirmation, das war auch nicht der erste Kuß mit Zunge. Nein es war, mal abgesehen vom ersten Sommer, an dem die Eltern allein in Urlaub fahren, die erste Stereoanlage. Das erste Mal vom eigenen Geld Schallplatten kaufen. Keine Udo Jürgens und Neil Diamond Geschenke. Aber das Tape-Deck, wir nannten es seinerzeit unzutreffend Kassettenrekorder, war das wichtigste in der Stereoanlage. Wegen des Aufnehmens.

Die Konfirmation, die eigentlich ›Geldbeschaffungstag zum Erwerb einer Stereoanlage‹ heißen müßte, das war schon aufregend. Zwei Jahre davor hatte man nachmittags Unterricht. Ich mußte das Inhaltsverzeichnis der Bibel auswendig lernen, bestimmte Bücher, das Buch Ruth zum Beispiel, nach Gefühl aufschlagen können und allerhand Sprüche auswendig lernen. Mein Konfirmationsspruch lautete übrigens: »Niemand hat größere Liebe als die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde. (Johannes 15, Vers 13)«. Wir konnten uns unseren Spruch selbst aussuchen. Ursprünglich wollte ich als Hinweis auf meine Unzufriedenheit mit der Welt »Vater vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun« nehmen. Schulpfarrer Bartelheim war froh, als ich mich anders entschied. Er stellte sich wohl vor, wie ich vor den Altar trete, er mir die Urkunde überreicht und dann sagen muß: »Andreas Scheffler. Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.«

Mittags wurde im Hotelrestaurant Haus Mütherthies gegessen, dann ging es nach Hause, Briefumschläge öffnen. Es waren auch einige Bücher unter den Geschenken. Irwin Shaw, Aller Reichtum dieser Welt und Leon Uris, Exodus - dicke Schinken aus dem Bertelsmann Buchclub, die nach dem Auszug ungelesen in der elterlichen Wohnung verbleiben. Der Nachmittag verging mit Sich-Bedanken und Geld-Zählen.

Am Montag ging ich mit einem meiner Brüder ein Tape-Deck kaufen. Bei Radio Unger in der Neuenkirchner Straße.

Vom Zeitpunkt seiner Installation an stand es ständig, wenn ich nicht gerade Musik vom Band hörte, stand es immer auf Aufnahme. Das Radio lief, ein tolles Lied kam, ich stürzte hoch und drückte die Pause weg. Hauptsächlich bei der Discothek im WDR mit Mal Sondock, später war es die Schlager Ralley, meistens mit Wolfgang Roth. Wir Hörer hatten noch direktes Mitspracherecht, was gespielt wurde. Einmal hat eine Unmenge von korpulenten Menschen eine zeitlang verhindert, daß das Lied Dicke von Marius Müller-Westernhagen, das gerade auf Platz eins stand, gespielt wird. Wir Dünnen haben es zurückerobert. Mensch, das Radio damals! Die Samstagnachmittage bei Sport und Musik mit Kurt Brumme am Moderationstisch und Toby Charles rief regelmäßig an.

Heute höre ich kein Radio mehr. Höchstens im Auto hin und wieder Klassik. Das Electric Light Orchestra gibt es nicht mehr, eine Gruppe, die für mich etwa die Bedeutung hat wie für den einen Tommy Dorsey und für den anderen Gary Glitter mit seinem blöden »Hey«. Das Electric Light Orchestra höre ich jetzt auf CD. Schade. Das Knacken, das seinerzeit sogar noch im Radio zu hören war, gibt es nicht mehr. Älterwerden - so ist das.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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