Horst Evers: Große Augen
In der Fidicinstraße, eine junge Frau mit einem Schäferhund spricht mich an. Ob ich gerade mal kurz auf den Hund ... sie müsse nur mal kurz ... und der Hund sei auch ganz lieb ... zu ihrer Freundin im vierten Stock ... geht ganz schnell, aber mit Hund, die Treppen, das ist immer so ... und dann macht der womöglich ins Treppenhaus ... das ist jedesmal ... ob ich nicht gerade ... geht auch ganz schnell...
Ich sage, kein Problem, und sie entschwindet durch die Haustür.
Natürlich habe ich Angst vor dem Hund, aber sie war auch eine junge Frau und ich bin ein Mann und sie hat mich angelächelt und große Augen gehabt und da war es doch selbstverständlich... - Gott, Männer sind so simpel gestrickt, das ist doch wirklich schlimm. Aber so ist die Welt nunmal, ich hab die Regeln nicht gemacht, ich kann da doch nun auch nix dran tun. Bringt ja auch nix, da einfach auszuschern, da wär man doch sofort bei allen andern Männern untendurch, das geht ganz schnell, das ist rum wie ein Buschfeuer. Was?, der hat der jungen Frau nicht geholfen? Die hatte doch große Augen? Na, der scheint ja wohl mit der Sache durchzusein? Mit dem Horst ist auch nix mehr los, nee, nee, da is nix mehr, das is vorbei. Ich wäre nur noch: »Horst, der der jungen Frau nicht geholfen hat Evers«, geächtet, ausgestoßen, ein psychisches Wrack, das am Rande der Gesellschaft vor sich hinvegetiert. Das bringt doch nix? Da paß ich doch lieber grad mal auf ihre Bestie auf und habe Angst.
Immerhin weiß ich, daß man Hunde nie merken lassen darf, daß man Angst hat. Also sage ich recht überzeugend: »Hör mal Hund, ich hab keine Angst.« Das wirkt. Das Tier schaut mich kurz an, und legt sich dann zu meinen Füßen ab.
Nach fünf Minuten denke ich: »Joaa, jetzt is die dann doch schon fünf Minuten weg.« Nach zehn Minuten werde ich unruhig. Nach einer Viertelstunde denk ich: »So, jetzt warteste noch fünf Minuten.« Nach einer halben Stunde stelle ich fest, daß das Haus nur drei Stockwerke hat. Ein Hauch von Mißtrauen ergreift meine Sinne. Nach einer Stunde kommt ein Schutzmann vorbei, fragt: »Wo is´n der Maulkorb von dem Tier?« Denke: »Ooh«, sage aber weltmännisch, wie es einem Hundehalter gebührt: »Ach, der tut nix.«
»Is jetzt Pflicht, Maulkorb. Hat der denn überhaupt ´ne Steuermarke?«
Oh nee.
»Hör´n Sie, das ist gar nicht mein Hund. Eine Frau mit großen Augen hat mich angesprochen, ob ich nicht gerade, sie ist nur zu ihrer Freundin, in den vierten Stock, müßte jeden Moment, und ich bin doch ein Mann! Hab ich schon erwähnt, daß sie große Augen...?«
»Jaja, jaja, dit wird nicht billig.«
»Ehrlich, das ist die Wahrheit, vielleicht sollte ich mal nach der jungen Frau schaun? Wo sie bleibt? Wenn Sie solange auf den Hund aufpassen könnten, wissen Sie, das mit den Treppen...«
»Na jut, meinetwegen, aber machen Se schnell!«
Ich gehe zügig durch die Tür renne die Gasse durch die Hinterhöfe zur anderen Seite des Blocks und gelange so auf die Schwiebusser Straße. Puh, gerade noch mal gutgegangen. Blöd nur, daß sich der Polizist bestimmt an mein Gesicht erinnert. Der wird garantiert nicht gut auf mich zu sprechen sein. Aber vermutlich wird ihm die Sache auch irgendwann zu blöd, oder er will sich nur den Spott der Kollegen ersparen, wenn er mit dem Hund auf die Wache kommt?
Als ich zwei Tage später wieder durch die Fidicinstraße gehe, ist der Hund zumindest immernoch da. Nur das Herrchen ist schon wieder neu und blickt sehnsuchtsvoll zum nicht vorhandenen vierten Stock hoch.