Bov Bjerg: Das schmutzige Schweinenäschen
In Cottbus stand ein Mann vor Gericht, der hatte Steine auf die Autobahn geworfen. Aus Langeweile. Er machte das ein ganzes Jahr lang, immer wieder. Die Anklage lautete auf Mordversuch in 15 Fällen. Der Mann sagte, er hätte große Angst gehabt, erwischt zu werden. Aber die Langeweile sei stärker gewesen. So stand es in der Zeitung. Anlaß genug, festes Schuhwerk anzulegen und wieder einmal hinaus zu gehen in diese merkwürdige Welt, in der die Produktivkräfte und der Massenkonsum ihren Schabernack trieben. Dabei stieß ich zuerst auf einige beachtliche Phänomene und dann auf Kopfschuß-Klaus.

Früher hieß er Bomben-Klaus. Wenn er etwas sagen wollte, schnürte ihm die Schüchternheit den Hals zu, und das Blut staute sich im Kopf zur knallroten Bombe. Er schaute einem nie in die Augen, sondern haarscharf am Gesicht vorbei aufs linke Ohr. Er war oft sehr schlecht gelaunt. Dann sagte er: »Axiom: Nur schlechte Menschen haben gute Laune.« Klaus war ein Fan des Unabombers. Der Unabomber übte damals in Amerika Zivilisationskritik, indem er Briefbomben an Leute schickte, die er nicht leiden konnte. Wissenschaftler, die an etwas forschten, was ihm nicht gefiel. Werbefuzzis, die Reklame für die falsche Firma machten. Seine Bomben bestanden aus gebrauchten Drähten und Metallresten, die er in selbst geschnitzte Holzkästchen einbaute. Ökobomben. Wenn sie nicht so gesundheitschädlich gewesen wären, hätte man sie auch im Bioladen verkaufen können.
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Der Unabomber hatte ein langes Manifest geschrieben, und er versprach, mit den Bomben aufzuhören, wenn die Zeitungen es veröffentlichten. Bomben-Klaus besorgte sich die Washington Post, die den Aufsatz in einer Beilage abdruckte, studierte den Text und übersetzte ihn ins Deutsche. Wir sollten ihn alle lesen, Bomben-Klaus wollte unbedingt darüber diskutieren. Wir diskutierten darüber, so wie wir es an der Uni gelernt hatten, über Texte zu diskutieren, die wir nicht gelesen hatten. Bomben-Klaus sprach von Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau, vom Leben in den Wäldern und von der Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, und sein Blick schweifte durch die Runde von Ohr zu Ohr. Einzig Matze, der Medizin studierte, hatte das Manifest gelesen, aber seine kaltherzige Vermutung »Paranoia und Schizophrenie« konnte er nur mit völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Textstellen belegen, während wir anderen darauf bestanden, daß man das Manifest unbedingt als Ganzes sehen müsse, vor allem aber im Kontext.
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Bald darauf hatten sie den Unabomber, achtzehn Jahre nach dem ersten Anschlag. Ein Eremit mit filzigen Haaren und Zottelbart, ein ausgestiegener Mathe-Professor, der von Berkeley weggegangen war, um in einer winzigen Hütte zu leben, im Wald von Montana. Sein Bruder hatte das Manifest gelesen. Er hatte Gedanken und Stil erkannt und war zur Polizei gegangen.
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Klaus fühlte sich dem Unabomber noch näher als vorher. Hatte nicht auch er der Uni den Rücken gekehrt und sein Studium abgebrochen? War nicht auch er gern und oft allein draußen im Grünen, vor allem am Wochenende? Ja, das war er, und manchmal veröffentlichte er sogar wütende Gesellschaftsanalysen, die ich auch dann noch auf der Leserbriefseite der Taz studieren konnte, als wir uns schon längst wieder aus den Augen verloren hatten. Ich beschäftigte mich nicht mehr so viel mit Politik, sondern verbrachte den Tag lieber mit Nachdenken. Draußen in der Welt ereigneten sich allerhand große und kleine Havarien, aber ich ging nur gelegentlich hinaus, um als Schaulustiger die Aufräumungsarbeiten ein wenig zu behindern.

Die beachtlichen Phänomene lauerten diesmal bei Kaiser´s auf ihren Entdecker und bei Netto. Hier sind sie: Wenn man bei Kaiser´s den guten Cognac will, muß man erst an der Kasse danach fragen. Ich weiß nicht, was dann im Detail vor sich geht. Vermutlich stöhnt die Kassiererin kurz auf, schließt ihre Kasse zu, steigt aus ihrem Kabäuschen, verschließt das Kabäuschen und folgt mir zum Schnapsregal. Ich zeige anklagend auf die Pappschachtel, die ihrer Seele beraubt auf dem Bord steht, die Kassiererin nickt und verschwindet in der Tiefe des ominösen Raumes hinter der Pfandflaschenannahme. Dort steht ein Tresor, der junge Chef mit dem Aknegesicht muß kommen und den Schnapsschrank aufschließen, die Kassiererin quittiert den Empfang einer Flasche guten Cognacs, trägt die Buddel nach vorn, an der Warteschlange vorbei, schließt ihr Kabäuschen auf, schließt ihre Kasse auf, und um zu verhindern, daß sie jetzt gleich »Storno!« ruft, muß ich ihr schnell klarmachen, daß ich doch nur mal sehen wollte, was eigentlich passiert, wenn man sie nach dem Cognac fragt.
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Bei Kaiser´s ist es der Schnaps, der über dreißig Mark kostet und vor geschmackssicheren, aber finanzschwachen Trinkern geschützt werden muß. Bei Netto, etwas weiter oben auf der Schönhauser Allee, sind es bestimmte Kaffeesorten. Jacobs Krönung (7.99 Mark), Jacobs Meister Röstung (6.49) und Dallmayr Prodomo (7.99) bekommt man nur an der Kasse. Netto ist der Lieblingsladen der Studenten-WGs und der trockenen Alkoholiker. Die Selbstbedienungssupermärkte in der Innenstadt verwandelten sich also nach und nach wieder in Tante-Emma-Läden, stellte ich fest, und ich nahm das als Indiz dafür, daß der sogenannte Turbokapitalismus seine größte Ausdehnung nunmehr erreicht hatte und sich jetzt wieder zusammenzog, um demnächst in einer Implosion, von der man noch lange sprechen würde, uns alle ins Verderben zu reißen. Ich kramte mein Holzhandy aus der Jacke, und im Hinausgehen brüllte ich auf die aufgemalten Mikrofonpunkte: »Verkaufen! Das geht alles den Bach runter! Alles verkaufen! Heute noch! Und dann will ich mein Geld zuhause haben! Alles, und zwar in kleinen Scheinen!«
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Dann sah ich Bomben-Klaus. Er stand auf der anderen Straßenseite, vorm Eingang der Einkaufspassage. Ich hatte lange nichts von ihm gehört. Bis zu dem Tag als Matze, der Arzt, von einem »Kopfschuß-Klaus« sprach.
»Kopfschuß-Klaus?«, fragte ich.
»Ja, der ist jetzt aus der Reha. Hat sich total verändert. War ja zu erwarten.«
Klaus hatte nach der Festnahme des Unabombers versucht, sein detailliertes Wissen über den amerikanischen Anarchismus zu Geld zu machen. Er schrieb Porträts des Unabombers, er reiste nach Montana und besuchte die Eigenbrötler in ihren Holzhütten, aber seine Reportagen wollte keine Zeitung drucken. Klaus konnte sich noch so sehr anstrengen, er traf einfach nicht den süffisanten Ton, in dem Zeitungsartikel über solche Leute verfaßt sein mußten. Seine schlechte Laune wurde chronisch, und mehrmals täglich sagte er: »Axiom: Nur schlechte Menschen haben gute Laune.« Klaus ging noch einmal nach Montana, und diesmal wurde aus Bomben-Klaus Kopfschuß-Klaus. Er steckte sich eine Pistole in den Mund und drückte ab. Der Winkel war viel zu steil. Die Kugel durchschlug den Gaumen und stieg senkrecht nach oben, knapp hinter dem Gesicht, hinter der Nase hoch, zwischen den Augen durch, durch den vorderen Teil des Gehirns, und oben auf der Stirn, knapp unter dem Haaransatz, trat sie wieder aus. Klaus fuhr noch selbst in die Klinik, wie mit einer Platzwunde, die einfach nicht aufhören wollte zu bluten. Er wurde am Kopf operiert, und nach einem halben Jahr in der Reha war er fast wieder ganz gesund. Eine winzige Beeinträchtigung blieb. Die Mediziner nannten sie »Frontalhirn-Syndrom«. Die Kugel hatte bei ihrer Tunnelung des Gehirns nur ein paar Neuronen zerstört, aber es waren ausgerechnet die, in denen die Scham saß und die Fähigkeit zur Distanz zu anderen Menschen.
Klaus konnte so gut oder so schlecht schreiben, rechnen, denken und sprechen wie vor der Verletzung. Er litt nur unter ein paar Symptomen, die immer wieder durchbrachen. Anzüglichkeiten bis zur Angrapscherei, grundlose Euphorie, Reizbarkeit, Witzelsucht. Als Matze »Witzelsucht« sagte, mußte ich lachen und fühlte mich ertappt. Witzelsucht, das kannte ich gut. Und das kam tatsächlich von einem Gehirnschaden?

Kopfschuß-Klaus ging vor den Allee-Arkaden auf und ab. Ich mußte erst an einem braungebrannten Kerl mit gegelten Haaren vorbei, der murmelte mich an: »Mannesmann Arcor! Mannesmann Arcor!« Ich zeigte ihm mein Holzhandy und erklärte die Funktionen »Rumtragen«, »In der Hand halten« und »Briefbeschwerer«.
Eine dünne Blonde in rosa Leggins warb für ein neues Fitness-Studio. Sie führte gymnastische Übungen vor und warf Handzettel nach links und rechts und eins und zwei und vor und zurück.
Dann rannte ich gegen eine Wand voller winziger Buchstaben, und aus dem Off fragte eine Frauenstimme »Berliner Zeitung, gratis?« Ich griff nicht nach der Zeitung, denn wenn man das machte, ließ die Frau die Zeitung gar nicht los, sondern wollte die Adresse wissen, und wenn man die dann nicht gleich rausrückte, gab das immer ein ganz peinliches Gezerre, und man kam sich so gierig vor. Ich duckte mich unter der Zeitung durch, und als ich wieder auftauchte, stand ich vor Kopfschuß-Klaus. »Haste Barclay in der Taschen, haste immer was zum Naschen.« Klaus machte Reklame für Kreditkarten. »Kommse ran, junger Mann.« Grinsend komplimentierte er mich unter seinen Sonnenschirm.
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Er fächerte die Autobildchen und die Villenfotos auf und erklärte das Artensystem der Kreditkarten: »Classic, das ist der schnelle Quickie zwischendurch.« Er kicherte. »Gold, da reicht´s dann schon für´n Gläschen Sekt vorneweg.« Er bleckte die Zähne. »Und hier, die Barclay-Platinum, das ist der Fünf-ster-ne-puff!« Kopfschuß-Klaus stand windschief unterm Sonnenschirm und hielt sich den Bauch vor Lachen. Ich hatte nicht den Eindruck, daß er diesen Job lange machen würde. Abrupt war er still, schraubte wütend seine Augen in meine und sagte mit gepreßter Stimme: »Lächle doch mal.« Ich lächelte: »Axiom: Nur schlechte Menschen haben gute Laune.« Klaus erkannte mich endlich, er lachte und schluckte und lachte wieder und begann ein langes »Was bisher geschah«.
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Vor der Sparkasse stand inzwischen eine lange Schlange von Leuten mit Koffern und Tüten. Einer rief: »Den Bach geht das alles runter! Ich will mein Geld zuhause haben!« Ängstlich glotzende Kinder trugen ihre frisch gefüllten Sparschweine und Sparhamster aus der Bank. Die Implosion ging ihren Gang, und das war gut. Klaus erzählte ohne Pause. Unter seiner hochgesteckten Sonnenbrille wölbte sich der kreisrunde Wulst eines vernarbten Pistolenkugelaustrittskraterchens. Der Staub der Schönhauser Allee sammelte sich darin. Die Narbe sah aus wie ein schmutziges Schweinsnäschen, auf dem die Sonnenbrille saß. Klaus trug ein zweites Gesicht auf der Stirn.
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»Ja, schon«, sagte ich, um die Rede nun an mich zu reißen, »aber!« Und daß es doch ein erheblicher Unterschied war, ob man wie der Unabomber einflußreiche Mitglieder einer beschissenen Gesellschaft in die Luft blies oder wie er, Klaus, mehr oder weniger einflußreiche Teile des eigenen Gehirns. Klaus sagte: »Ich war halt eher so´n introvertierter Typ.« Eigentlich habe er sich ja die Pulsadern aufschneiden wollen, aber er habe sich nicht getraut, bei Kaiser´s an der Kasse nach den Rasierklingen zu fragen.
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Ich beantragte eine Barclay-Platinum-Kreditkarte, und Klaus lud mich von der Provision, die er sicherlich bekommen würde, ins Kino ein. »Sleepy Hollow«, ein Gruselfilm mit Jonny Depp, den wollte er unbedingt noch einmal sehen. In dem Film gab es zwei Sorten Witze: Jonny Depp hat ganz lustig Angst, oder Jonny Depp fällt ganz lustig in Ohnmacht. Kopfschuß-Klaus freute sich über das Blut, das nur so von der Leinwand spritzte, und jedesmal, wenn wieder ein Kopf abgehackt wurde und durch den Staub kullerte, fiepste Klaus vor Vergnügen, rief laut: »Jawollo!«, und zu mir sagte er leise: »Siehste, der hat jetzt gar kein´ Kopf mehr. Der hat´s auch nicht leicht.« Und damit hatte er natürlich auch wieder Recht.