Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Deutsche Leitkultur
(Andreas Scheffler) In den 50er und 60er Jahren sind die beiden ehemaligen amerikanischen Soldaten Billy Mo und Gus Backus, die heute kaum noch jemand kennt, im deutschen Fernsehn und in Festzelten aufgetreten, Gus Backus sang Texte wie: "Ich esse gerne Sauerkraut und tanze gerne Polka. Und meine Frau, die Edeltraut, die tut's genau wie ich." Billy Mos größter Hit war: "Ich wünsch mir lieber einen Tirolerhut". Bei seinen Auftritten trug er kurze bayerische Lederhosen und den besagten Hut. Billy Mo und Gus Backus waren die ersten Ausländer nach Hitler, die sich an der deutschen Leitkultur orientiert haben.
Wenn Mütter ihren zukünfige Töchtern mit Namen drohen
"Nee, Tiffany find ich blöd und Jeniffer auch, aber weißt du, was ich ganz gerne hab, also >'tscharlott<, echt, also >'tscharlott< fänd ich auch klasse."
Fragt sich nur, wie der Standesbeamte das schreiben soll, damit aus der Charlotte auch wirklich eine echt englische >'tscharlott< wird. (Jürgen Witte)
Im Flugzeug
(Spider) Da saß ich also im Flugzeug und wartete auf's Frühstück. Über den Wolken ist der Sonnenaufgang immer ein tolles Erlebnis. Man kann nämlich viele Fluggäste dabei beobachten, wie sie keine Morgenzigarrette rauchen. Dabei muß man nur clever sein. Mein Freund Max, zum Beispiel, ist Kettenraucher. Also klebte er sich, als er einmal nach Amerika flog, ein Nikotinpflaster auf den Oberarm, um im Flugzeug nicht verrückt zu werden. Kaum zu glauben, aber es funktionierte. Ich hatte ganz andere Probleme, denn ich hatte aus Versehen nicht nur mit vegetarischem Essen gebucht, sondern auch noch bei British Airways. Zum Glück hatte ich mir vor dem Abflug eine Scheibe Bierschinken auf den Oberarm geklebt.
Ungarischer Kachelofen
(Hirnak Husen) Budapest läßt einen staunen und das nicht nur in Bezug auf die Architektur. Meine Freundin und ich fanden in unserer Ferienwohnung einen strombetriebenen Kachelofen vor. In der äußeren Ansicht wie die altbekannten Berliner Modelle lag aber hier in der Brennkammer ein Gerät, das an einen überdimensionalen Tauchsieder erinnerte. In der Steckdose neben dem Ofen befand sich ein schuhkartongroßer "Trafo" mit einer fünfmarkstückgroßen roten Leuchte und diversen, obskuren Schaltern. Man fühlte sich unweigerlich an das Atomkraftwerk aus der Zeichentrickserie Die Simpsons erinnert.
Immerhin, während unseres Aufenthaltes blieben wir von einem Gau verschont.
Unerwünschter Kommentar Nr. 67
"Ich finde das toll, daß du und Cornelia jetzt zusammen seid. Das zeigt doch, daß sie nicht so nach dem Äußeren geht." (Andreas Scheffler)
Nachlese zum 1. Mai
(Sarah Schmidt) In Hohenschönhausen: Ich will zur ersten Mahnwache meines Lebens. Es ist gerichtlich verboten, die Nazis auch nur zu sehen, deswegen werden wir umständlich von die Polizei zum vereinbarten Ort der Mahnwache geleitet. Dabei muß ein S-Bahnhofdurchgang durchquert werden. Die Polizei wartet, bis etwa 60 Menschen zusammen sind, um uns dann auf die andere Seite zu bringen. Das ganze hat was von Kindergarten, also frage ich, ob wir in Zweiergruppen, immer ein Junge und ein Mädchen laufen sollen. Der Gruppenführer meint, das wäre eine gute Idee und nimmt mich an die Hand. So laufen wir durch die Unterführung. Das war irgendwie zu süß.
Stahlgewitter? - Chrom-Vanadiumschauer!
(Jürgen Witte) Handwerklich was machen, das tut auch mal gut. Sich die Finger verletzen, sich endlich mal wieder einen Schraubendreher so richtig ins Nagelbett rammen. Dort hin, wo's weh tut. Sich selber spüren als Handwerker, als Mann. Eins werden mit dem Körper und seinen Schmerzen. Das ist schön.
Drei Stunden rumgebastelt und nicht eine einzige Zigarette dabei geraucht. Das ist das Zen des Handwerkens. Die völlige Versenkung in die gestellte Aufgabe, das Vergessen von Welt und Zeit um dich herum. Wenn du dann eine Pause machst, zählst du die zahlreichen kleinen Wunden, die sich unterdessen angesammelt haben. Und plötzlich fließt da an manchen Stellen rotes Blut raus.
Wo Männer bluten, da werden Frauen zu Krankenschwestern. Jetzt ist es echt an der Zeit, endlich Schluß zu machen.
Nicht mehr rauchen
(Andreas Scheffler) Das Rauchen Aufgeben - das klingt nach Aufgabe, Niederlage, nach Kapitulation. Was hab ich überhaupt für einen Körper, daß er nicht mal die schlappen 30 Zigaretten am Tag aushält?! Mann, Körper, hab ich eine Scheiß-Laune! Und dann sind auch noch alle damit beschäftigt einen zu loben. Meine Frau andauernd, die Schwiegereltern, viele Freunde und Bekannte - sagen: "Toll, wie du das schaffst" und stecken sich eine an.
Auf der Krebsstation
(Jürgen Witte) Ein Kollege meiner Frau - er ist wegen Lungenkrebs in Behandlung und macht gerade seine dritte Chemotherapie - berichtete, daß er letztens, als er mal wieder stationär in Behandlung war, im Dreibettzimmer lag, eines Morgens erwachte, monotones Gemurmel vernahm, und festestellen mußte, daß am Bett nebenan ein Priester einem seiner Mit-Patienten die letzte Ölung verabreicht. Er sei also leise aus seinem Bett gestiegen und habe sich auf den Flur verdrückt.
Die Stationsschwester teilte ihm auf Anfrage mit, daß sie verstehe, daß ihm dieses etwas unangenehm sei, aber leider könne man keine separaten Zimmer für Sterbende mehr vorhalten.
Mittags dann, erschien die Lebensgefährtin des Gesalbten im Zimmer, und man besprach die Modalitäten des nahen Todesfalls in all seinen emotionalen, aber auch juristischen Implikationen. Daß sie als Lebensgefährtin quasi keine Rechte habe, und nur schwerlich Nachlass und Beerdigung würde regeln können.
Wieder, so berichtete der Mann, sei er aufgestanden, und habe sich höflichkeitshalber auf den Flur verdrückt. Am Abend erschien die Lebensgefährtin noch einmal mitsamt einer Amtsperson im Zimmer, ein kleiner Strauß frischer Blumen sei auch im Spiel gewesen, und als er sich erneut aus dem Bett wälzen will, hieß man ihn, doch bitte keine Umstände zu machen, und daß man sich wirklich freuen würde, wenn er bei der anstehenden Trauung zugegen wäre.
Episode ohne Namen (ging alles zu schnell)
(Ahne) Jemand auf der Straße pfeift eine bekloppte Melodie. Man kennt seinen Namen nicht. Vielleicht wird man diese Melodie nie wieder hören. Vielleicht ist diese Melodie gar nicht mal so bekloppt. Vielleicht ist sie nur etwas ganz, ganz Neues. Etwas, das uns erschreckt, weil wir's noch nicht verstehen. So wie man sich damals vor der ersten Lokomotive erschreckt hat oder vor der Sinuskurve. Man möchte ihm hinterherlaufen, und ihm erklären, daß man aufgeschlossen ist für alles Neue. Allein, man man hat ja noch soviel anderes zu tun.
Nachlese zum 1. Mai
(Sarah Schmidt) Ziemlich spät am Abend wollte die Polizei die Adalbertstrasse endlich befriedet und frei von Personen haben. Drei türkische Jugendliche standen auf diese bekannte, total unauffällige Art vor einem Haus. Zehn Polizisten kamen auf sie zu.
"Ihr verschwindet jetzt sofort!"
"Wir wohnen aber hier."
"Dann geht ihr jetzt eben sofort hoch."
"Wir wollen nur eine rauchen, und das darf ich oben nicht."
"Ach so? Na, dann ist okay", sagten die Beamten und zogen weiter.
zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07