Bov Bjerg: Dorfampel
Meine Mutter machte den Führerschein. Das war im gleichen Jahr, als unser Dorf eine Fußgängerampel bekam. Der Durchgangsverkehr war immer stärker geworden, und als er das dritte Todesopfer forderte, beschloß der Gemeinderat, daß nun eine Fußgängerampel hermüsse.
Das erste Opfer war eine graumelierte Katze namens Katze gewesen, die sich eines Nachmittags auf den Asphalt geschmiegt hatte. Es ging das Gerücht, die Kinder einer der kinderreichen Familien, die in den Kommunalwohnungen lebten, hätten Katze mit schnapsgetränkten Hackfleischbällchen so betrunken gemacht, daß sie sich auf dem Nachhauseweg einfach auf die Hauptstraße gelegt habe und in der an sich richtigen Annahme, durch ihr graues Fell ausreichend getarnt zu sein, eingeschlafen sei.
Die Tarnwirkung war nicht von Dauer. Bald erregte ein rotbrauner Streifen die Aufmerksamkeit von Katzes natürlichen Feinden. Die Autofahrer holten nach, was Katze ihnen zu Lebzeiten verwehrt hatte, und oft war nur ein winziger Schlenker des Wagens nötig, um das auf den Asphalt Geschmiegte an Katzes Körperhaltung zu verstärken. Wir zwangen das schmächtigste Kind der kinderreichsten Familie, in den Berufsverkehr zu springen und den Kadaver von der Straße zu fischen, dann begruben wir das leergewalzte breite Fell zwischen dem Friedhof und dem Bach unter einer Weide.
Dort ist noch heute das Kreuz zu sehen, das wir damals in die Rinde gesäbelt haben. In drei Metern Höhe erinnert es an Katze, eines der am wenigsten bekannten Opfer des Alkohols im Straßenverkehr.
Das zweite Opfer war die alte Frau Kuhlmann, die auf dem Weg von der Molkerei nach Hause von einem Auto gestreift wurde. Das Auto war in der verkehrsarmen Zeit am späten Vormittag mit, wie später errechnet wurde, etwa 86 km/h durch den Ort gefahren, wobei Herr Kopitzki, der Dorfpolizist, darauf bestand, daß diese berechnete Geschwindigkeit von der tatsächlichen um zehn Prozent nach unten oder oben abweichen könne, wobei er persönlich diese Unzulänglichkeit der Technik sehr bedauere, aber nun mal auch nicht ändern könne. Als das Auto auf Frau Kuhlmann traf, brach die sich zunächst den Oberschenkelhalsknochen und beim Aufprall auf die Straße wenig später auch die Schädeldecke, und ihre Milchkanne flog in hohem Bogen wieder zurück zur Molkerei. Herr Kopitzki, der Dorfpolizist, wies noch Jahre später darauf hin, daß die Milchkanne wie durch ein Wunder absolut akkurat gelandet sei und daß "nichts, aber auch gar nichts" von der Milch ausgelaufen sei, man diese also "rein theoretisch ohne weiteres" noch einmal hätte verkaufen können, was man natürlich nicht gemacht habe, weil man so etwas nicht mache, es überdies rein rechtlich auch gar nicht erlaubt sei, da Kanne und Inhalt ja den Nachkommen von Frau Kuhlmann gehörten, welche allerdings aus Gründen auf eine Weiterveräußerung der ererbten Milch verzichteten.
Am Abend vor Frau Kuhlmanns Bestattung exhumierten wir Katze und gruben sie im Boden des bereits ausgehobenen Grabes der Frau Kuhlmann wieder ein, da wir der Ansicht waren, daß Katze und Frau Kuhlmann, die ja durch ihr Schicksal irgendwie miteinander verbunden waren, im Tode vereint sein sollten. Auch hatten wir die vage Vorstellung, daß dies der Grundstock eines veritablen Massengrabes werden könnte, das, wenn der Autokrieg einmal vorbei war, von einem Heldendenkmal überragt werden sollte, dessen Tragik und Glanz auch unsere Existenzen erheben würde. Das Kreuz für Katze in der Weide am Bach markiert seitdem ein leeres Grab, was bis heute nur wenige wissen.
Die CDU-Fraktion im Gemeinderat regte nun die Anschaffung einer Druckknopfampel an, doch die Freie Wählergemeinschaft unter Führung des Apothekers Allmendinger betonte gegenüber den Vertretern der katholischen Soziallehre das Prinzip der Eigenverantwortung auch und gerade milchholender Landfrauen, und, da alle wichtigen Entscheidungen im Gemeinderat einstimmig gefällt wurden, war das brisante Thema Druckknopfampel zunächst wieder vom Tisch.
Das dritte Opfer war der schwarzbunte Zuchtbulle Benno. Bauer Wittlinger hatte ihn gegen eine beachtliche Besamungsgebühr von Bauer Härtle geliehen. Auf dem Rückweg von den Rinderschwestern Alma, Belinda und Cäcilie betrat Benno zwar noch die Hauptstraße, entschloß sich dann aber relativ kurzfristig, doch lieber erst einmal dort stehen zu bleiben, um ein bißchen zu verschnaufen. 700 Kilogramm VW Käfer rempelten gegen etwa die gleiche Masse vom wiederholten Geschlechtsakt erschöpfter Lebendwurst, die Stoßstange knackte die Knochen aller vier Keulen, und Bulle Benno kippte auf die Vorderhaube des Kleinwagens, hingestreckt von den 34 Pferdestärken des Boxermotors im Heck des Fahrzeugs. Der Käfer war dunkelgrün, und der Dorfpolizist Kopitzki, der darinnen saß und sich gerade eine blutige Stirn geholt hatte, da er wohl den Sicherheitsgurt etwas zu locker angelegt hatte, schaltete nun, da der Wagen stand, mit einer energischen Handbewegung das Blaulicht an.
Es ergibt sich also folgendes farbenprächtige Bild: Im Hintergrund der Nordhang der Schwäbischen Alb, herbstlich gelb und rot gefärbt. Im Vordergrund ein dunkelgrüner VW Käfer, auf dem Dach ein blau blinkender Becher. Quer über die eingedellte Wagenfront erstreckt sich der schwarzweiß gefleckte Torso eines ungläubig blökenden Rindes. Hinter der Windschutzscheibe ein rosig barhäuptiger Polizist, der mit der rechten Hand nach der Dienstmütze auf dem Beifahrersitz greift, mit der linken Hand die Wagentür öffnet. Und aussteigt.
Der stets illusionsresistente Kopitzki stellte unverzüglich den Ernst der Lage Bennos fest und erlöste das invalide Tier mit einem waidgerechten Schuß aus der Dienstpistole. Mit Hilfe der Bauern Wittlinger und Härtle schob er die tote Großvieheinheit von der eingedellten Vorderhaube, um an das vorschriftsgemäß im Kofferraum deponierte Warndreieck zu gelangen. Er trug es einhundert konzentrierte Schritte lang am ausgestreckten Arm vor sich her, und vor der Apotheke des Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler kam er zum Stehen. Kopitzki stellte das Warndreieck an den Straßenrand, und Apotheker Allmendinger lächelte mißvergnügt aus dem dem Schaufenster.
Unsere Idee eines Massengrabes mit Heldendenkmal mußten wir aufgeben. Bulle Benno wurde gar kein ordentliches Begräbnis zuteil. Man transportierte ihn auf einem Hänger in die Gelatinefabrik, sodaß wir nach einer angemessenen Wartezeit nur einen kleinen Becher mit grünem Wackelpudding in Frau Kuhlmanns Grab verbuddeln konnten.
Nachdem die freien Wähler keine Mehrheit fanden mit dem Vorschlag ihres stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Weiß, Juniorchef des Tiefbauunternehmens Weiß & Söhne, eine Umgehungsstraße zu bauen, befürworteten auch sie die Anschaffung einer Lichtzeichenanlage, da sie, wie sie betonten, nicht länger gewillt waren, die Gefährdung des Eigentums der ansässigen Bauern durch den zunehmenden Kraftverkehr hinzunehmen.
Die Ampel stand dann gleich bei der Schulbushaltestelle. Wenn wir morgens auf den Bus warteten, verkürzten wir uns die Wartezeit, indem wir alle paar Sekunden auf den Knopf drückten, wodurch wir in Wirklichkeit unsere Wartezeit natürlich enorm verlängerten und oft erst zur zweiten Stunde in die Schule kamen. Aber zumindest konnte, solange jemand auf den Bus wartete, die Hauptstraße auf ihrer ganzen Länge gefahrlos überquert werden.
Für meine Mutter, die ja dann den Führerschein machte, war die Ampel auch von Vorteil, denn so konnte sie ausgiebig das Halten an der roten Ampel üben, ohne dazu eine beschwerliche und teure Überlandfahrstunde auf sich nehmen zu müssen.
