Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 29/2001 Horst Evers: Mehr vom Tag
Artikelaktionen

Horst Evers: Mehr vom Tag

Ende Februar. Stehe nur in T-Shirt und Unterhose in der Wohnung meines Nachbarn und putze die Fenster. Warum tue ich das? Wie konnte es nur dazu kommen?

Kurz zusammengefaßt könnte man sagen, es gibt Tage, die sind eben so. Im Einzelnen betrachtet ist die Geschichte jedoch etwas komplizierter:

Dienstagmorgen, 6 Uhr 13. Das Telefon klingelt.

Ich schrecke auf, greife zum Wasserglas neben dem Bett, nehme einen Schluck, reiße mir den Hörer ans Ohr und versuche mich so freundlich, wie ich um diese Zeit nur kann zu melden: "Bäärrrhh?"

Nur ein Blubbern in der Leitung. Spüre, wie mir das kalte Wasser aus dem überlaufenden Ohr über Schulter, Brust, T-Shirt und Unterhose läuft. Mache das Licht an. Auf dem Nachttisch liegt der angesabberte Telefonhörer, das mittlerweile leere Wasserglas, das ich mir immernoch ans rechte Ohr halte, macht mir gleich schlechte Laune. Führe das Telefon zum linken Ohr und versuche es nochmal: "Bäärrhhh?"

"Einen wunderschönen guten Morgen, mit wem spreche ich?"

"Häh?"

"Bitte?"

"Warum wollen Sie das wissen?"

"Na, weil alle unsere Hörer doch wissen möchten, wer gleich 1000 Mark gewinnen kann, weil er mir den richtigen Sender nennt, der ihn mit dem besten und witzigsten Frühstücksradio der Stadt jeden Morgen so wunderbar weckt."

"Ach so. Na, na, ich heiße, na ich... "

Verdammt vor acht Uhr morgens kann ich mich nie an meinen Namen erinnern. Wie oft bin ich schon aus irgendeinem Grund gegen Sieben aufgewacht und hab dann stundenlang überlegt, wer ich wohl sein könnte. Der Wohnungseigner? Ein Gast? Ein Einbrecher, der während des Einbruchs überraschend eingeschlafen ist? Oder womöglich nur ein Haustier? Hund, Katze, Hamster oder sowas? Das wäre mir eigentlich das Liebste gewesen, denn dann würde ich ja wohl gleich gefüttert werden. Super, lecker. War aber nie. Spätestens um Zehn mußte ich dann wegen Durst aufstehen. Deshalb hab ich jetzt auch immer ein Wasserglas neben dem Bett. Dann kann ich länger denken, ich bin eh nur das Haustier und der drohende Tag verliert seinen Schrecken.

Aber jetzt brauche ich verbindliche Informationen zu meinem Namen. Renne mit dem schnurlosen Hörer aus der Wohnung und schaue auf mein selbstgemachtes Klingelschild.

"Eppers. Ich heiße Hobst Eppers, oder so ähnlich, ich weiß auch nicht..." Mist, meine Handschrift ist wirklich kaum zu entziffern.

"Super, Herr Eppers, heute ist ihr Glückstag."

"Echt? Juhu, Glückstag klingt gut, juhu, Glückstag!"

Ein Windstoß erfaßt die Wohnungstür und wirft sie ins Schloß. Stehe barfuß mit nassem T-Shirt und Unterhose im Hausflur. Mir wird kalt. Egal, davon laß ich mir die gute Laune nicht verderben.

"Glückstag, juhu, hähä!"

"Und jetzt Herr Eppers sagen Sie mir nur noch, welches das beste und witzigste Frühstücksradio der Stadt ist, und Sie haben 1000 Mark gewonnen?"

"Äääh, oh, äääh... kein Problem, ääh..."

Klingle beim Nachbarn Sturm. Ich muß Zeit gewinnen.

"Der Sender, kein Problem, hör ich ja jeden Morgen, sie sind echt super, ääh..."

Der Nachbar öffnet. Wortlos stürze ich an ihm vorbei, werfe mich vors Radio und drücke die Sender durch. Sobald es eine laut pfeifende Rückkopplung gibt, habe ich gewonnen.

"Tut mir leid Herr Eppers, Ihre Zeit ist abgelaufen."

"Nein, nein, ich habs gleich."

"Horst, vergiß es."

"Horst, wieso Horst? Ich denke, ich heiße Hobst!"

"Nein Horst, mach dir mal 'n neues Klingelschild. Deine Handschrift ist echt unter aller Sau. Hier ist Peter!"

"Peter?"

"Ja, ich bin auf einmal wach geworden und konnte nicht mehr einschlafen. Da dacht ich mir, machste das Beste draus, rufste den Horst an, und bringst den mal frühzeitig auf Touren. Dann hat der auch mal mehr vom Tag. Ich habs nur gutgemeint."

Noch saurer als ich ist nur mein Nachbar. Später will er mir Zange und Schraubenzieher leihen, damit ich zurück in meine Wohnung komme. Allerdings erst nachdem ich ihm, so wie ich bin, die Fenster geputzt habe. Als Wiedergutmachung. Sieht so aus, als wenn ich von diesem Tag richtig viel mehr haben werde.

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 29
Titelbild
Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Bov Bjerg: Dorfampel Horst Evers: Mehr vom Tag Andreas Scheffler: Warum ich dauernd in Kneipen hocke Hans Duschke: Musst du auch fröhlich sein? Andreas Gläser: Frieden Jürgen Witte: Mit Fischen kann ich nicht so recht Spider: Aus dem Tagebuch eines Zwangsprenzlbergers Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit Ahne: Stempel Uli Hannemann: Männergesellschaft Sarah Schmidt: Karneval Falko Hennig: Dokumente der Strasse Spider: Vater Staat Hinark Husen: Streiflichter einer Ausbildung Dr. Seltsam: Familienbande Tube: Ficken! Andreas Scheffler: Besuch Christian Enggassner: Enten mit Geld Volker Strübing: Wenn die Menschen Horst Evers: Im Strudel der Sucht Gilbert Dietrich: Weisser Schnee, goldenes Horn... Falko Hennig: W 50 Hans Duschke: Ist da F.D.P. in mir? Jürgen Witte: Das Umland entdecken Theo Fuchs: Der Kinderarzt Tube: Aquarelle - Die Welt ist so falsch
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Weitere Dokumente der Strasse
Werswer
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: