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Andreas Scheffler: Warum ich dauernd in der Kneipe hocke

Wir haben jetzt einen Wassermengenzähler. Das ist sinnvoll, weil gerecht. Früher, egal wie oft die Waschmaschine lief, wie oft man gebadet hatte oder die Blumen gegossen, es wurde nach Anzahl der Quadratmeter der Wohnung abgerechnet. Da hat der dicke Nachbar aus dem dritten Stock, der offenkundig nie badete, einiges von uns mitbezahlt. Jetzt geht es gerecht zu. Wer stinkt, spart Geld. Wer dick ist, spart auch Geld. Da ist die Badewanne schneller voll.

So ein Kubikmeter Wasser kommt nämlich ganz schön schnell zusammen. Wir sprechen immer nur von der hohen Miete! Aber Anfang des Jahres kommt die Betriebskostenabrechnung. Da wird mancher sein blaues Wunder erleben. Ich will kein blaues Wunder erleben. Ich spare Wasser. Ich gehe nur noch in Kneipen auf's Klo.

Früher als Kind war mir das immer peinlich. Im Urlaub mit den Eltern. "Mutti, ich muß mal." - "Du kannst da in die Gaststätte gehen." Ich wollte nicht aber ich mußte. Am schlimmsten war es, wenn man erst eine Weile durch das Lokal geirrt war und dann, während einen alle anderen Gäste vorwurfsvoll anzustarren schienen, eine Kellnerin fragen mußte, wo denn die Toilette ist. Ich bekam immer Auskunft, fühlte mich aber jedesmal als übler Notdurftablaßerschleicher. Oft genug wurde ich rot und bekam dann eine Pinkelhemmung. Zehn Minuten später mußte ich doch wieder, und die ganze Sache ging von vorne los. Meine Frau ist da anders. Die kennt da nix. Muß sie auf's Klo. Da, ein Restaurant. Sie geht rein und schnurstracks auf direktem Weg zur Toilette. Obwohl sie noch nie in dieser Kneipe war. Als ob sie es riechen würde.

Ich kann das nicht. Ich kann das auch heute noch nicht, und peinlich ist es mir auch immer noch, in einer Kneipe auf's Klo zu gehen, ohne was zu bestellen. Also bestelle ich was. Schwierig ist es nachts. Da ist es ja oft dringend. Ich habe schon überlegt, ob ich nicht in Klamotten schlafen sollte. Oder morgens. Die Cafès in der Gegend machen erst um zehn Uhr auf. Also darf ich nicht zu früh aufstehn. Kaffee trinken, eine Zigarette, dann muß ich auch schon los. Dann trinke ich ein Bier und warte, bis es wieder hinaus will. Viele werden nun sagen, daß sich das nicht rechnet. Stimmt. Ich versuche die anfallenden Bewirtungskosten zu kompensieren, indem ich im Zuge der Toilettenbenutzung das Klopapier klaue. Für meine Frau und für Gäste. Wir haben mittlerweile auch jede Menge Salzstreuer und Streichholzbriefchen zu Hause. Seife müssen wir auch nicht mehr einkaufen. Ich habe mir extra so eine Plastikflasche angeschafft, in die ich die Flüssigseife aus dem Spender abfülle. Außerdem: Während ich in Kneipen hocke, spare ich Strom. Der Computer läuft nicht, das Licht bleibt ausgeschaltet, Radio und Fernseher sind auch nicht an. In der Kneipe ist geheizt. Die Heizung in meinem Arbeitszimmer kann kalt bleiben. Das rechnet sich wahrscheinlich auch noch nicht, aber bei der Betriebskostenabrechnung werde zumindest ich kein blaues Wunder erleben.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 29
Titelbild
Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Bov Bjerg: Dorfampel Horst Evers: Mehr vom Tag Andreas Scheffler: Warum ich dauernd in Kneipen hocke Hans Duschke: Musst du auch fröhlich sein? Andreas Gläser: Frieden Jürgen Witte: Mit Fischen kann ich nicht so recht Spider: Aus dem Tagebuch eines Zwangsprenzlbergers Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit Ahne: Stempel Uli Hannemann: Männergesellschaft Sarah Schmidt: Karneval Falko Hennig: Dokumente der Strasse Spider: Vater Staat Hinark Husen: Streiflichter einer Ausbildung Dr. Seltsam: Familienbande Tube: Ficken! Andreas Scheffler: Besuch Christian Enggassner: Enten mit Geld Volker Strübing: Wenn die Menschen Horst Evers: Im Strudel der Sucht Gilbert Dietrich: Weisser Schnee, goldenes Horn... Falko Hennig: W 50 Hans Duschke: Ist da F.D.P. in mir? Jürgen Witte: Das Umland entdecken Theo Fuchs: Der Kinderarzt Tube: Aquarelle - Die Welt ist so falsch
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Weitere Dokumente der Strasse
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