Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 29/2001 Hans Duschke: Musst Du auch fröhlich sein?
Artikelaktionen

Hans Duschke: Musst Du auch fröhlich sein?

5:55, Tagesanbruch. Viermal piept der Wecker, dann eine kleine Pause, dann wieder. Ich bin schon wach.

Wasser aufgesetzt, Hintern auf die Klobrille, noch einmal senken sich die Lider... Und los: Kaffee kochen, Zähne putzen, vielleicht ist noch ein altes Brötchen da, und dann: Möchte ich nur mal eine Minute still dasitzen und beispielsweise den Heizkörper anstarren, die elegante Linienführung, die Nummer "5" steht ganz oben auf dem Drehregler, richtig so; Zufriedenheit macht sich breit, warm ist es und ruhig...

Aber denkste: Baby-Frühstück vorbereiten, Tasche packen; dann wird das Kind selbst in meinen Arm gedrückt, damit die Mutter mal ins Bad gehen kann. Und das Schwerste hab ich immer noch nicht getan: Das schwäbische Lebensmotto "Wer schaffen will, muß fröhlich sein" geht mir nicht aus dem Sinn. "Warum schaffst du nichts?", frag ich mich mit vorwurfsvollem Ton, und die Antwort weiß ich ganz genau: "Ich muß fröhlich sein!" Am frühen Morgen.

Ich schalt das Radio ein: Das ist das Schwerste. Fröhlichkeit liegt in der Luft. Ich winde mich vor Schmerz. >Doch der Schmerz wird vergehen, und schön wird das Wiedersehen<.

***

7:05, Sonnenaufgang. Auf dem Weg zur Straßenbahn liegt eine Tankstelle mit zapffrischen Frühstücksbrötchen. Wie kommt es nur, daß sie in der Tanke an der Rummelsburger Straße freundlich sein können, aber nicht beim Bäcker, bei Reichelt oder sonst irgendwo? Vielleicht, weil hier nur Männer hinterm Ladentisch stehen? Die Trennung der Geschlechter: Hat der Islam doch recht? Sollte man so etwas denken? Und wenn man es denkt, sollte man nicht besser den Mund halten?

Da kommt die Straßenbahn. Täglich die gleichen Gesichter. Ob sie sich an mich erinnern? Abends ihrer Familie von mir erzählen? Mich auf Phantomzeichnungen wiedererkennen? Ob ich mich erinnere? An den dicken Mann mit den zahlreichen Krankenhausaufenthalten? An die Schulkinder und ihre Russisch-Hausaufgaben? An das Chinesenmädchen, das täglich mit mir umsteigt?

7:45, der Unterricht beginnt. Jeder hat seinen eigenen Computer. Benutzername, Kennwort. Nach wenigen Minuten das erste Opfer: Klaus ist tot. Blut spritzt auf den Monitor. Jemand hat ihm den Kopf mit einem Granatwerfer weggeblasen, sein Oberkörper ist eine einzige klaffende Wunde. Kein schöner Anblick.

Doch er springt wieder auf, läuft den Abgrund entlang, dann mit dem Fahrstuhl in die obere Etage, entsichert sein Maschinengewehr. Gerade hat er einen Gegner ins Visier genommen, da wird er von einem Flammenwerfer gebrutzelt und in eine breiig-brennende Masse verwandelt. Schon zweimal tot. Steht aber immer wieder auf. Es ist ja nur ein Spiel. Quake.

Es ist dies eine der Geschichten, wo das Geld zum Monatsende knapp wird. Ebbe auf dem Konto. Manch einer kennt das. Die Einkaufsliste wird lang und länger: Kaffee, Käse, Brot, Butter, Kindernahrung, Pampers, Klopapier. Wir warten auf die Überweisung, die Morgen kommt, oder Übermorgen - oder erst am Montag.

In der Mittagspause erreicht mich Nachricht von einem nahegelegenen Kontoauszugsdrucker: Das Fahrgeld ist da! Wir hatten gerüchteweise davon gehört, daß das Arbeitsamt in seiner unendlichen Güte uns eine BVG-Monatsmarke bezahlen wolle. Ein Angebot, ein Zeichen des guten Willens, symbolische Wiederaufnahme in den Kreis der anständigen Menschen, ein Versprechen, eine Hoffnung auf einen Dienstwagen, wenn wir nur erst unsern Abschluß haben. Aber das Fahrgeld wird schon am 27. überwiesen und ist so auch eine Verlockung. Wenn ich diese 105 Mark in eine Extra- und eine Rossmann-Filiale hineintrage, und weiter darauf vertraue, daß während des Berufsverkehrs nicht kontrolliert wird, dann ... ja, dann. Ich habe mich entschieden. Fast 40 Jahre hatte ich alt werden müssen, um mich zu entscheiden. Ich erzählte meiner Frau nichts von dem Fahrgeld, und besorgte mir ein Stück Monatspappe, das ich jetzt voller Stolz wie Bolle mit mir herumtrage.

Copyright: Hans Duschke

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 29
Titelbild
Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Bov Bjerg: Dorfampel Horst Evers: Mehr vom Tag Andreas Scheffler: Warum ich dauernd in Kneipen hocke Hans Duschke: Musst du auch fröhlich sein? Andreas Gläser: Frieden Jürgen Witte: Mit Fischen kann ich nicht so recht Spider: Aus dem Tagebuch eines Zwangsprenzlbergers Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit Ahne: Stempel Uli Hannemann: Männergesellschaft Sarah Schmidt: Karneval Falko Hennig: Dokumente der Strasse Spider: Vater Staat Hinark Husen: Streiflichter einer Ausbildung Dr. Seltsam: Familienbande Tube: Ficken! Andreas Scheffler: Besuch Christian Enggassner: Enten mit Geld Volker Strübing: Wenn die Menschen Horst Evers: Im Strudel der Sucht Gilbert Dietrich: Weisser Schnee, goldenes Horn... Falko Hennig: W 50 Hans Duschke: Ist da F.D.P. in mir? Jürgen Witte: Das Umland entdecken Theo Fuchs: Der Kinderarzt Tube: Aquarelle - Die Welt ist so falsch
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Weitere Dokumente der Strasse
Werswer
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: