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Andreas Gläser: Frieden

Manchmal trinke ich mit meinen Eltern Kaffee am Stadtrand, in der Laubenpieperkolonie, im Garten, vor der Laube, unter dem Pavillon. Es herrscht eine Idylle, die ich gerne vermisse. Meine Eltern gehören zu keiner Szene. Sie haben weder tätowierte Zungen, noch haben sie gepiercte Glatzen. Niemals sitzen sie in einem angesagten Bezirk in einem überfüllten Straßencafe. Dort sitzen sie nicht unverbindlich freundlich und verlegen herum.

Meine Eltern und ich, wir sind nicht vorrübergehend befreundet, sondern verbindlich miteinander verwandt. Deshalb trinken wir manchmal zusammen Kaffee. Es ist ein bißchen langweilig. Im Radio sagt irgendein Flachfunker zwischen jedem Euro-Pop-Song, welchen Flachfunk wir gerade hören. Die Erdbeeren ranken und die Bohnen blühen.

"Na? Noch 'n Stück Kuchen?", werde ich gefragt, worauf ich antworte, "Ja." - "Und wie geht's sonst so?" - "Gut."

Manchmal spazieren am Gartenzaun übergewichtige, alkoholkranke Friedensinvaliden vorbei. Dann geht das Begrüßungsgeschrei los: "Na?" - "Na?" - Schön, wenn die schon woanders eingeladen sind. Ich will mir das nicht anhören, daß sie in Spanien waren und wie schlimm es wäre, kein Geld für Florida zu haben. Sie wollen nur immer irgendwelche Butterflüge machen. "Na?" - "Na."

In dieser Laubenpieperkolonie kennen sich viele. Der Garten meiner Eltern liegt an einer Trampelpfadkreuzung. "Na, meine Kleene? Wie geht's?", wird meine Mutter gefragt, worauf sie antwortet: "Wir ham Besuch! Unser Sohn, der is ja schon so groß." Dann muß ich mich von der Hollywoodschaukel erheben, und aus meiner Nische heraus freundlich zum Gartenzaun kucken und "Guten Tach" sagen. "Guten Tach. Ah, der Sohn! Ganz der Vater." - "Auf Wiedersehen." - "Auf Wiedersehen." Meine Eltern haben den Krieg miterlebt. Deshalb wollen sie Ruhe und Frieden. Ich kenne nur Ruhe und Frieden. Deshalb will ich ein bißchen Krach oder wenigstens Kultur. Im Radio erzählt die multikonforme Altlast irgendwelche Kanzler-Witze. Die Sonne ist reif, die Luft ist jung. Ich werde verhört: "Na? Is doch schön hier, wa? Oder nich?" - "Ja." - "Nachher grill'n wa schön." - "Nachher bin ick schon weg." - "Gehste tanzen?" - "Mal seh'n." - "Spielt da ne Kapelle?" - "Motörhead." - "Sind da Mädchen? Ick will ne Schwiegertochter ham!" - "Ne Blonde oder ne Rotbraune?" - "Wie du willst." - "Heutzutage kann man die Mädchen ja färben! Ach Mutter, erzähl ma lieber vom Krieg!"

Meine Mutter beginnt mit dem Erzählen vom Krieg in der Laubenpieperkolonie. Demnach hatte neulich einer Geburtstag, den sie immer General nennen.

"Ick weeß nich, ob der nun 'n hohes Tier bei der Armee war oder ob er 'n Waffenlager im Keller hat, jedenfalls nennen wir den immer General."

Sie waren den Abend alle hingegangen. Es war schon dunkel. Sie saßen schön vor seiner Laube und waren schon ein bißchen angetütert. Ein junges Fräulein kam alleine. Sie hat sich dazu gesetzt. Der General kannte sie wohl auch nicht.

"Wir ham se freundlich anjekuckt. Einije Männer ham schon so jeschmunzelt, als wenn se sagen wollten: >Nun wartet mal ab, wat jetz gleich kommt!< Erstmal kam jarnücht. Dit Fräulein war freundlich zu der kleenen Tochter vom General. Aber nach'm Abendbrot fing se gleich an rumzuschäkern. Die hat sich beim General of'm Schoß jesetzt. Der wußte jarnich wie ihm jeschah. Aber dann hat's ihm jefall'n. Dann fing se an of'm Tisch zu tanzen! Wir wußten jarnich wat los war, naja, und dann hat se ooch anjefangn sich auszuziehen!"

Die Frau vom General hat gute Miene zum bösen Spiel gemacht und gesagt: "Wat soll sein? Sowat jibs heutzutage: Prostitätowierte! Da rufste so ne Nummer an und dann kommt so'n Taiga-Mädchen und zieht sich nackisch aus! Dit soll nun wat sein. Teuer isit."

Jedenfalls war Stimmung! Die kleine Tochter fing an zu heulen: "Mein Papa, mein Papa!" Die dachte, ihre Eltern lassen sich scheiden! Der General hat gesagt: "Die Tante macht bloß Spaß." Aber dann fing auch seine Olle an: "Dit is janz schweinisch!" Der General hat zum Fräulein gesacht: "Mädel, hör mal uff, jeh ma' wieder nach Hause, haste aber jut jemacht!"

Die anderen Männer bestanden darauf, daß sie sich ganz auszieht! Ja, was nun? Die Tochter und die Frau haben gebrüllt. Der General ist in die Laube rein gegangen und kam mit einem Gewehr wieder raus. Er hat in die Luft geschossen. Seine Gäste haben geschrien: "Mach keen Quatsch! Schieß uns keen Auge aus!" Irgendeiner hat gesagt: "Is ja bloß 'n Luftjewehr." Nun war ganz aus. Der General wollte auf das junge Fräulein zielen. Aber die war wohl schon über alle Berge verschwunden.

Meine Mutter untermalt mit schauspielerischer Gestik ihre Worte: "Der hat mit'm Jewehr so rumjefuchtelt, als ob er die nun sucht! Wir sind alle wegjerannt! Und wir jehn da och nich mehr hin! Eigentlich wollten wir da heute zum Hochzeitstach hingehn, aber nun doch nich. Die brauchen ooch nich kommen! Du bist ja hier und nachts kommt der Igel. Wat wolln wa mehr? Hier ham wa Ruhe und Frieden!"

Zeichnung von Fil

Copyright: Andreas Gläser

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero
Nummer 29
Titelbild
Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Bov Bjerg: Dorfampel Horst Evers: Mehr vom Tag Andreas Scheffler: Warum ich dauernd in Kneipen hocke Hans Duschke: Musst du auch fröhlich sein? Andreas Gläser: Frieden Jürgen Witte: Mit Fischen kann ich nicht so recht Spider: Aus dem Tagebuch eines Zwangsprenzlbergers Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit Ahne: Stempel Uli Hannemann: Männergesellschaft Sarah Schmidt: Karneval Falko Hennig: Dokumente der Strasse Spider: Vater Staat Hinark Husen: Streiflichter einer Ausbildung Dr. Seltsam: Familienbande Tube: Ficken! Andreas Scheffler: Besuch Christian Enggassner: Enten mit Geld Volker Strübing: Wenn die Menschen Horst Evers: Im Strudel der Sucht Gilbert Dietrich: Weisser Schnee, goldenes Horn... Falko Hennig: W 50 Hans Duschke: Ist da F.D.P. in mir? Jürgen Witte: Das Umland entdecken Theo Fuchs: Der Kinderarzt Tube: Aquarelle - Die Welt ist so falsch
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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