Jürgen Witte: Mit Fischen kann ich nicht so recht
Wer hätte vor zehn Jahren noch gedacht, daß es möglich sei, in massenhaft Menschen ein Bedürfnis nach einer schlanken, in einem Tubus aus Plexiglas sprudelnden Wassersäule zu wecken? Heute kann man das verkaufen. Mein Sohn denkt, so was habe es schon immer gegeben und wundert sich, daß wir das nicht auch haben. Wasser zum in die Ecke stellen. Und es sprudelt. Manche Menschen tun da sogar noch einige wenige bunte Plastikfischlein rein, die darin dann, von den aufsteigenden Bläschen animiert, latent naturidentisch rumwackeln.
Ein Stangenaquarium für den Tierfeind. Wenn schon Fisch, dann aber bitte aus Plastik. Oder ist der Plastikfisch, im Gegenteil gar der Ausdruck einer übersteigerten Tierfreundschaft? Was nicht lebt, das kann auch nicht an der Gefangenschaft leiden? Besteht ein Zusammenhang zwischen dem Wal- und Delphinkult und der Plastikfisch-Mode? Wurde der Film "Free Willy" damals von der südchinesischen Plastikfischlobby mitfinanziert? Unsere Nachbarn, bei denen wir früher im Urlaubsfall nur die Blumen zu gießen hatten, haben sich letztes Jahr ein echtes Aquarium zugelegt. Jetzt dürfen wird da auch die Fische füttern. Weil, die leben ja, und was lebt muß auch essen.

Aquarium ist kompliziert, laß lieber die Finger davon! Mehr wußte ich darüber bisher nicht. Wenn ich mich schon in eine neue Wissenschaft einarbeite, dann überlege ich mir mittlerweile vorher immer, ob's denn wirklich not tut und ob ich den darin versteckten Wissensschatz für mein weiters Leben echt auch noch im Kopf haben will. Süßwasserfisch - Salzwasserfisch? Wer verträgt sich mit wem und bei welcher Idealtemperatur tut er das? Was macht man gegen die Algen? Schnecken? Sind die etwa giftig? Und wenn dieser Sprudelautomat kaputt geht, was dann? Künstliche Beatmung? Wie lange kann man da mit einem Strohhalm und selber Blasen ins Wasser pusten die Fische im Glaskasten am Leben halten?
Nein, ich weiß nix über Aquaristik. So eben mal gerade das noch: Wenn ein Fisch mit dem Bauch nach oben an die Wasseroberfläche steigt, und sich dort längere Zeit reglos aufhält, dann ist er tot. Auf diesen Fall war ich vorbereitet. Ich hätte so ein Netzchen genommen, den Kadaver rausgefischt, in den Mülleimer geworfen und dann hätte ich ein schwer schlechtes Gewissen gehabt. Weil, vielleicht hing ja des Aquaristen Herz gerade an diesem einen Exemplar ganz besonders. Vielleicht hieß der Fisch "Peterle"? Sind dem Fischfan eigentlich die Großen lieber als die Kleinen, die Bunten lieber als die Grauen? Welche Fische sind mehr so unwichtig, da einfach nur so mit drin, weil's das natürliche Gleichgewicht so verlangt? Was ist hier die Verpackung, und was der Inhalt?
Nach zwei Wochen meiner Pflege hätte ich dann ein gehörig schlechtes Gewissen gehabt. Wie sieht denn das aus, wenn man in seine Wohnung zurückkommt, und am Aquarium klebt ein Zettel mit der Aufschrift: "Fische leider tot" und drei oder vier Strichen dahinter und dem jeweiligen Strebedatum. Vielleicht schreibe ich auch: Kleiner, länglicher, grausilberner, Gest. 12. 6. ; dicker, häßlicher, matschgrüner, Gest. 15. 6.
Ist aber nix passiert. Auch als ich mal zwei Tage lang das Füttern vergessen hatte. Treppe eilig hoch, Herzklopfen beim Türöffnen. Aber alles Getier war noch gesund und munter. Soweit ich das als Laie sehen konnte.
Ich glaube, daß Fische einfach so sterben, das ist das blöde an Fischen. Die winseln nicht, wenn's weh tut. Ein Kenner der Materie sieht vielleicht die Anzeichen irgendwelcher Krankheiten, aber was macht er dann? Pulsfühlen? Temperatur messen? Täglich wiegen? Behandeln Tierärzte auch Zierfische? Oder hat der Aquarist eher ein fatalistisches Verhältnis zum Tod seiner Lieblinge: "Kann man nix machen, Schwund ist überall?" Könnte man im Infektionsfall, z. B. Breitbandantibiotika einfach so ins Aquarium gießen? Ich geb es zu, ich fühlte mich ziemlich hilflos.
Und weil das vielen so geht, kaufen sie sich sprudelnde Wassersäulen mit Plastikfischen. Und wenn die schöne, fabrikfrisch klare Wassersäule von irgendwelchen Algen langsam grün wird, dann kippen sie da bestimmt eine ordentliche Portion Chlor rein. Der gemeine Plastikfisch, der kann das ab.
Meine gebeutelte Phantasie schlug aber in die Gegenrichtung um. Wenn Fische schon einfach so sterben, dann aber richtig. Ich stelle mir vor, so ein Goldfisch, der braucht ja anscheinend kein Aquarium. Der lebt wohl auch ganz ohne Sprudel. Warum also nicht eine dieser riesigen Ballonflaschen nehmen, mit denen manche Leute den Fußboden ihres Heims verzieren, Wasser und einen kleinen Goldfisch rein und den dann in der dicken Flasche ordentlich hochpäppeln, bis er so groß ist, daß er nicht mehr durch den Flaschenhals paßt. Und dann verkaufe ich das. Als Blickfang. Ein nagelneues originelles Ding zum Hinstellen. Ein lebendes Buddelschiff. Ein Haustier für den bekennenden Tierfeind.
Das kauft keiner? Von sprudelnden Wassersäulen mit Plastikfischen hätte man das vor zehn Jahren auch gesagt.