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Spider: Aus dem Tagebuch eines Zwangsprenzlbergers

Die BewohnerInnen des Prenzlauer Bergs haben ein Gemüt, wie ein Faß ohne Boden. Aber auch solch ein Faß läuft mal über. Da braucht bloß so ein Tropfen zu kommen. Auf einem Fahrrad zum Beispiel.

Elfi ist vor Schreck die Pulle "Was gut-gut-gut ist setzt sich durch" aus der Hand gefallen als der Radfahrer sie vom Weg geklingelt hat.

"Mussu vorsichtig sein", mahnt Yilmaz, "Is Pfandflasche, weissu?"

Elfriede verbringt mit ihren Kumpels jeden Abend in Yilmaz Imbiß, beziehungsweise auf dem Bürgersteig davor, aber so etwas ist ihr noch nie passiert.

"Det is keen Fahrradweg!", brüllt Hotte.

Das ist einer der Standardsätze aus dem Kanon der Nachkriegsweisheiten. Solcher sind viele. "So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben!" - "Wer arbeiten will, findet auch Arbeit!" - "Ruhe, hier wohnen Schichtarbeiter!" oder "Denk an 45!" sind solche Leitsätze einer Generation von Verlierern. Ihre Eltern hatten den Lebensraum in den Grenzen von 1939, ihre Kinder haben den Lebensraum im Cyberspace. Nur ihnen wird der Lebensraum vor den Suffluken Berlins streitig gemacht. Von Radfahrern. Das ist ja wohl die Krönung! Aber nicht die, für die sie '89 auf die Straße gegangen sind. Damals hat man ja gesehen, was ihr Zorn bewirken kann. Hier und jetzt sind die Zeit und der Ort, um an diese ruhmvolle Tradition anzuknüpfen. Elfi und Hotte und Trudchen und Bernd und alle packen mit an. Bald haben sie eine schöne Barrikade errichtet. In Abständen von 450 Millimeter stehen die weißen Kunststoff-Stapelstühle aus Yilmaz Imbiß quer über den Gehweg der Danziger Straße. Eine Maginotlinie für Arme. Ein bißchen fühlen sie sich, als hätten sie die Mauer wieder. Bloß fünf Meter höher.

"Mussu vorsichtig sein", mahnt Yilmaz, "kostet sechs Mark, bitte, ein Stuhl. Sind drei Euro." "Soll jetze noch ma eena komm!", rumort das völkische Gemüt. Erwartungsbedingt, gleichzeitig drohend wie ungeduldig, denn der Moment der Genugtuung rollt heran. Mit 20km/h.

"Det is keen Fahrradweg!", tost der Chor der sportlich-leger freizeitgekleideten zweiten Sieger der Einheit. Ohne zu bremsen lenkt die Fahrerin ihr Rad durch eine der 45 Zentimeter breiten Lücken. Und ohne den Mund zuzumachen blicken ihr die Freunde der Zivilcourage im grünen Bereich hinterher. Geschlagen. Gedemütigt. Mit leerem Bier und ohne Sitzplatz.

Was soll man machen. Die Zeiten sind hart, gleich halb Eins. Man geht schlafen. Horst geht mit Elfi schlafen, Bernd mit Trudchen, Dieter mit der schönen Carmen. Carmen gibt es in Hochglanz für acht Mark am Kiosk. Manfred geht mit Hasso Gassi und Torsten geht fernsehen.

Yilmaz stapelt Monoblock-Stapelsessel für 5 Mark 99 und denkt vielleicht: "Alles was diesem Volk fehlt ist eine gut organisierte Betriebskampfgruppe." Oder auch nicht.

Copyright: Spider

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero
Nummer 29
Titelbild
Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Bov Bjerg: Dorfampel Horst Evers: Mehr vom Tag Andreas Scheffler: Warum ich dauernd in Kneipen hocke Hans Duschke: Musst du auch fröhlich sein? Andreas Gläser: Frieden Jürgen Witte: Mit Fischen kann ich nicht so recht Spider: Aus dem Tagebuch eines Zwangsprenzlbergers Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit Ahne: Stempel Uli Hannemann: Männergesellschaft Sarah Schmidt: Karneval Falko Hennig: Dokumente der Strasse Spider: Vater Staat Hinark Husen: Streiflichter einer Ausbildung Dr. Seltsam: Familienbande Tube: Ficken! Andreas Scheffler: Besuch Christian Enggassner: Enten mit Geld Volker Strübing: Wenn die Menschen Horst Evers: Im Strudel der Sucht Gilbert Dietrich: Weisser Schnee, goldenes Horn... Falko Hennig: W 50 Hans Duschke: Ist da F.D.P. in mir? Jürgen Witte: Das Umland entdecken Theo Fuchs: Der Kinderarzt Tube: Aquarelle - Die Welt ist so falsch
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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