Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 29/2001 Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit
Artikelaktionen

Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit

Ginzburg steht seit 1000 Jahren, Herr Inspektor, aber in 999 davon haben wir uns gelangweilt. Wenn wir falsche Zähne brauchen oder eine Bewilligung fürs Satellitenfernsehen, müssen wir schon in die Bezirkshauptstadt. Wir waren niemals en vogue; im Krieg hat die Royal Air Force gerade eine einzige Bombe - und auch das nur aus Versehen - auf uns abgeworfen, und 1687 war der Papst hier, ist aber nicht über Nacht geblieben. Wir haben die Maisfelder satt, den Raps und den Roggen, die kotbraunen Äcker, die praktisch schon im Stadtzentrum beginnen und uns umschließen wie der Ozean eine Nußschale. Wir haben keine Pizzeria und keine Kurzparkzone, auch die Segnungen eines Postamtes, eines Puffs oder eines Hallenbades sind uns bisher erspart geblieben.

Ginzburg ist Ginzburg, Herr Inspektor; und das ist keine leere Drohung. Wir würden nicht einmal ins Fernsehen kommen, wenn eine Feuersbrunst die ganze Stadt vernichtete. Wir schlafen viel und stehen früh auf wie die Bäcker, und wie die armen Seelen auf die Auferstehung warten wir 364 Tage im Jahr auf den Umzug, auf den großen Ginzburger Faschingsumzug.

Mit uns ist nicht viel los, aber unseren Faschingsumzug heuer hätten Sie sehen sollen. Die Kraft und die Herrlichkeit! Aus allen Dörfern ringsum sind sie wieder gekommen. Sogar Wiener waren hier. Für die ist das allerdings nur spaßige Folklore, während wir aus dem elendslangen, ekelkalten Ginzburger Winter aufgewacht sind, der wieder einmal tausend Monate gedauert hat.

Alle waren wir betrunken. Die Darsteller konnten sich kaum auf den im Schrittempo dahinrollenden Festwagen halten, und die Zuschauer spuckten einander feurigen Atem in die Gesichter oder Ärgeres.

Warum machen wir das? Warum stellen wir auf siebenundzwanzig Wagen das ereignislose, zähflüssige Leben unsere gottverlassenen Stadt faschingsmäßig vergröbert nach? Warum hämmert ein Tischler mit einer großen Pappnase und einem noch größeren Rausch auf einer Hobelbank herum und läßt sich dabei auf einem Heuwagen durch die Gassen ziehen zum Gaudium aller Ginzburger? Warum wirft ein Bäcker von einem VW-Pritschenwagen Semmeln in eine Horde Besoffener?

Keine Folklore. Wir sind ja schließlich keine Tiroler. Wir leben ja nicht davon. Nein.

Ich glaube, weil wir von den Toten auferstehen wollen. Wir versichern uns des Lebens, indem wir einmal im Jahr hektoliterweise Glühwein süffeln, alten Weibern auf die Warzen greifen und auf einem Leiterwagen zum Gaudium aller Ginzburger eine Operation simulieren, bei der viel Himbeersaft spritzen sollte.

Diese verfluchte Amputation! Ja, es waren tatsächlich zwei Ärzte und eine Schwester des hiesigen Krankenhauses auf dem Wagen. Die Namen haben Sie ja, Herr Inspektor. In ihrer normalen Berufskleidung, grüne Kittel und so, wie im Operationssaal und so sturzbesoffen wie eine Batterie Haubitzen.

Der Himbeersaft war vorbereitet, kübelweise, und eine Säge war auch parat. Der Hofer Anderl stand auch parat - Prothese bei Fuß -, ebenso sturzbetrunken wie seine Operateure und instruiert, wie am Spieß zu brüllen. Im Krieg ist ihm ein T-34 über das linke Bein gefahren, aber er hat eine leidlich gute Prothese, und man merkt nichts, obwohl natürlich alle hier wissen, daß eines seiner Beine in der Ukraine der Auferstehung allen Fleisches harrt.

Es war alles abgesprochen, Herr Inspektor, natürlich sollte nur die Prothese amputiert werden. Der Operationstisch wurde auf den Leiterwagen gehievt und darauf der Anderl zur Amputation vorbereitet und auf den Tisch festgeschnallt. Ja, er war bestens instruiert, aber er hat sofort die Gelegenheit genützt, um in der Waagrechten seinen Rausch auszuschlafen. Und dann ist der Wagen losgefahren, der eine Arzt hat zur Säge gegriffen, sein Kollege und die Schwester haben den Anderl niedergehalten, und der hat - wie abgesprochen - gebrüllt wie am Spieß, und viel Blut ist geflossen zum Gaudium aller Ginzburger, aber dieses Blut war eben kein Himbeersaft, und der Anderl hat auch nicht aufgehört zu brüllen.

Ein Unfall, den wir natürlich alle zutiefst bedauern, Herr Inspektor, aber andererseits ist durch diesen Vorfall der Name Ginzburg endlich einmal über die Grenzen Ginzburgs hinaus bekannt geworden, und darauf haben wir immerhin 1000 Jahre gewartet...

Copyright: Manfred Wieninger

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero
Nummer 29
Titelbild
Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Bov Bjerg: Dorfampel Horst Evers: Mehr vom Tag Andreas Scheffler: Warum ich dauernd in Kneipen hocke Hans Duschke: Musst du auch fröhlich sein? Andreas Gläser: Frieden Jürgen Witte: Mit Fischen kann ich nicht so recht Spider: Aus dem Tagebuch eines Zwangsprenzlbergers Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit Ahne: Stempel Uli Hannemann: Männergesellschaft Sarah Schmidt: Karneval Falko Hennig: Dokumente der Strasse Spider: Vater Staat Hinark Husen: Streiflichter einer Ausbildung Dr. Seltsam: Familienbande Tube: Ficken! Andreas Scheffler: Besuch Christian Enggassner: Enten mit Geld Volker Strübing: Wenn die Menschen Horst Evers: Im Strudel der Sucht Gilbert Dietrich: Weisser Schnee, goldenes Horn... Falko Hennig: W 50 Hans Duschke: Ist da F.D.P. in mir? Jürgen Witte: Das Umland entdecken Theo Fuchs: Der Kinderarzt Tube: Aquarelle - Die Welt ist so falsch
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Weitere Dokumente der Strasse
Werswer
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: