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Ahne: Stempel

Eines Tages kam ein Stempel zum Arzt mit Drücken. Der Arzt war eine Ausgeburt der Hölle mit sechs Augen im Gesicht. Der Stempel schämte sich seiner Beschwerden und der Arzt nutzte dies aus. Er verlangte fürchterlich viel Geld, was der Stempel nicht hatte, denn er mußte eh schon beim Arbeitsamt hingehen. Nee, er war kein lustiger Gesell, zur Zeit. Er hatte Familie. Fünf kleine Stempelchen und eine Frau Stempel, die aus besserem Hause stammte und die er durch eigene Schuld hinuntergerissen hatte in kärgliches Leben, wohl wahr.

Trotz aller Not jedoch hielten sie zusammen und sich die Treue. Sie bewohnten eine kleine mutierte Erdnussschale, die sie sich mit Freundeshilfe ausgebaut hatten zu einem Karton mit Fenstern. Und an der Tür bimmelte sogar ein lustiges Vorhängeschloß dran. Die Nachbarn zeigten stolz auf ihre Nachbarn, auf die sie stolz waren. Das konnten sie auch sein, bis zu jenem Tag, an dem der Stempel krank wurde und nicht mehr auf seine Arbeitsstelle der Baustelle zur Arbeit zur Stelle sein, hingehen konnte.

"Wollen spielen, wollen spielen", hatte die süße Kinderschar noch am frühen Morgen vor ein paar Wochen gefleht. Doch damit war es nun wohl auch Sense, der Stempel war krank. Drücken, wie gesagt. Ein schmerzverfluchtes Drücken, das durch und durch ging. Man konnte auch unmöglich damit überhaupt erzählen, darüber was es mit dem... tja, es war praktisch absolut. Der Stempel, das war klar, der war einfach krank. Und das Monster von einem Arzt, wie gesagt, sechs Augen - kann man sich überhaupt vorstellen, was das bedeutet, einen Arzt mit sechs Augen, also ich hab ja mal in einer Fernsehsendung gesehen, in Amerika, da gab es so einen Psychologen, oder Psychiater, also einen Amerikaner, weil die Fernsehsendung, die war in Berlin hier, aber der Typ, der war Amerikaner und, glaub ich, Psychiater, und der hat, deswegen wurde der entlassen, weil der nämlich als Psychiater geschielt hat. Ganz doll. Und da hat ein Gericht gesagt, das sei schon in Ordnung, mit der Entlassung, weil man ja einen Lachkrampf kriegen würde, wenn einem so ein Psychiater oder Psychologe gegenübersitzt.

Und der hat dann gesagt, naja, er könne ja auch ne dunkle Sonnenbrille aufsetzen, aber da hat das Gericht trotzdem "nee" gesagt, weil, wo gibt's denn so was, ein Psychologe mit Sonnenbrille, wo man die Augen nicht sieht, da würde ja kein Patient jemals ein sogenanntes Vertrauensverhältnis aufbauen und das sei gerade bei diesem Beruf des Psychiaters unbedingt vonnöten, warum auch immer.

Nun also mit diesem Hintergrundwissen muß man sich mal das Leid des Stempels vorstellen, der da vor seinem sechsäugigen Arzt saß, noch dazu, der war ja echt voll gemein. Der guckte total böse mit seinen sechs Augen und die Kinder waren ja alle mitgekommen, mit ihrem Vater, die haben natürlich erst mal einen Schreck bekommen und dann sind die tatsächlich rausgeschickt worden, von dem bösen Arzt, bloß weil die mal 'n bißchen geweint haben. Draußen, die Schwester war aber lieb, das muß man auch mal sagen. Sie hatte für die Kleinen frische Bonbons aus Gemüse mit viel Vitaminen. Kinder, das kennt man ja, die erholen sich schnell. Bald waren die Tränen versiegt und sie saßen auf der netten Tanten und spielten mit ihren Brüsten, als wenn sie noch Babys wären und daran nuckeln müßten wegen der Milch. Aus Spaß natürlich nur. Drinnen dagegen, der böse Arzt war sauer. Vielleicht wurde ihm in seinem Leben übel mitgespielt, ich will die Schuld gar nicht mal auf ihn allein schieben, es gibt ja viele Dinge, die einen hartherzig machen können im Leben. Viele werden das selber kennen. Autounfall, oder vom Ehepartner schamlos ausgenutzt, hintergangen, belogen und betrogen. Ohne Kondom, im schlimmsten Fall mit einem Matrosen oder einer Matrösin? - Matrosette? Wie auch immer, kommt auf's Geschlecht drauf an. Trotzdem nichts gebeichtet. Irgendwann war's zu spät. Jetzt lächelt einem der Tod schon von Weitem zu, und man weiß nicht, wie weit der wirklich weg ist, denn trotz Brille - vielleicht auch mal ne neue Brille? - aber ob sich das noch lohnt? Da wird man leicht mißmutig. Noch dazu allein. Jeder kennt das.

Aber was nützt das dem Stempel? Er ist krank, hat so'n Drücken. Draußen die Kinder lachen und drinnen der böse Arzt verlangt Geld und ein Wort gibt das andere und dann haut der Arzt immer mit der gesamten Garderobe auf den armen Stempel ein und der weiß gar nicht, wie ihm geschieht, ohnmächtig, wie er ist, kann er sich kaum noch wehren. Der Arzt is ja auch stärker und hat ihn hypnotisiert und dann fällt auch noch der Spiegel von der Wand. Oh Gott, sieben Jahre Unglück.

Nach einer halben Stunde so draufschlagen, vertragen sich die beiden wieder und die gute Schwester, die mit den Brüsten für die Kinder, bezahlt für den Stempel das geforderte Honorar. Sie geht sowieso nur aus Langeweile arbeiten, ist ansonsten steinreich, und dadurch kriegt der Stempel sogar Medizin und kann ganz schnell gesund werden.

Aber die Stelle kriegt er trotzdem nich wieder, wegen schlechter Konjunktur, aber Hauptsache wieder gesund, geht er eben weiter zum Arbeitsamt, na und? Und wenn die Nachbarn jetzt gucken, na und? Hauptsache ist doch, man ist zufrieden.

P.S.: Die Kinder sind übrigens ganz schöne Schlawiner, aber das ist schon wieder eine völlig andere Geschichte.

Zeichnung von Fil

Copyright: Ahne

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 29
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Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Bov Bjerg: Dorfampel Horst Evers: Mehr vom Tag Andreas Scheffler: Warum ich dauernd in Kneipen hocke Hans Duschke: Musst du auch fröhlich sein? Andreas Gläser: Frieden Jürgen Witte: Mit Fischen kann ich nicht so recht Spider: Aus dem Tagebuch eines Zwangsprenzlbergers Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit Ahne: Stempel Uli Hannemann: Männergesellschaft Sarah Schmidt: Karneval Falko Hennig: Dokumente der Strasse Spider: Vater Staat Hinark Husen: Streiflichter einer Ausbildung Dr. Seltsam: Familienbande Tube: Ficken! Andreas Scheffler: Besuch Christian Enggassner: Enten mit Geld Volker Strübing: Wenn die Menschen Horst Evers: Im Strudel der Sucht Gilbert Dietrich: Weisser Schnee, goldenes Horn... Falko Hennig: W 50 Hans Duschke: Ist da F.D.P. in mir? Jürgen Witte: Das Umland entdecken Theo Fuchs: Der Kinderarzt Tube: Aquarelle - Die Welt ist so falsch
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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