Uli Hannemann: Männergesellschaft
Lange war ich der blödsinnigen Meinung gewesen, ich müßte mit dem Taxifahren Geld verdienen: Ich lud Leute ein, fuhr sie irgendwo hin, nahm ihnen ihr Geld weg und lud sie wieder aus - ein scheinbar unentrinnbarer Teufelskreis, aus dem mich erst Herr Can befreite.
Es mag so gegen drei Uhr morgens gewesen sein, als sich der orientalische Mittdreißiger von mir zu einer Spelunke in Schöneberg fahren ließ. Unspontan wie ich damals war, fiel mir, dort angekommen, nichts besseres ein, als den Fahrpreis von ihm zu verlangen. Nein, meinte der Fahrgast, stellte sich als Herr Can vor und teilte mir mit, ich müsse ihm 100 Mark leihen - es sei wichtig.
Völlig unüberlegt lehnte ich sein Ansinnen zunächst ab. Er habe ein wenig getrunken und einiges Geld verspielt, daraufhin Herr Can. Aha - das änderte ja wohl einiges: Ich begann zu wanken. Er gab mir seine Bankkarte, Meldebescheinigung sowie einen türkischen Paß. Das verschwommene Foto darin zeigte einen Schnauzbartträger, der aussah wie alle Schnauzbartträger: Gleich. Ich fragte ihn, warum wir nicht unterwegs am Bankautomaten gehalten hätten. Dieses, wie er geschickt erkannte, Rückzugsgefecht, zerstob in seinem flammenden Appell, dessen tragende Säulen die männliche Ehre oder das Arschlochsein im allgemeinen beziehungsweise seine Ehre im besonderen bildeten und er sei kein Arschloch. Ob ich etwa glaube, daß er ein Arschloch sei. Nein, log ich, worauf er weiter Multikulti-Argumente um sich schoß wie Nebelkerzen.
Er wußte natürlich, daß ich das mit der Ehre gar nicht beurteilen konnte, weil es so etwas in meinem Kulturkreis überhaupt nicht gibt. Wie furios er verstand, auf der Klaviatur meiner als Gutmütigkeit getarnten Geistesschwäche zu klimpern! Ich solle seine Papiere und die Karte als Pfand behalten, während er in der Spelunke seine Wettschulden begleiche, schlug Herr Can vor. Danach werde man gemeinsam zur Volksbank in der Karl-Marx-Straße fahren, wo ich die 100 Mark sowie den bis dahin aufgelaufenen Fahrpreis erhalten solle. Ich war begeistert: Nicht nur, daß mir sein kecker und moderner Plan außerordentlich gefiel, entsprach er überdies ganz und gar meinem harmonischen Weltbild mit dem Menschen als Partner von Tier und Pflanze.
Dankbar überreichte ich ihm 100 Mark. Er nahm sie generös entgegen, trug sie in die Spelunke und kam nach wenigen Minuten arm wieder heraus.
Fahren wir, meinte Herr Can und warf sich auf den Rücksitz. Auf der kurzen Fahrt nannte er mir das Ergebnis eines Fußballspiels, auf das er gewettet habe, und es entsprach genauso wenig dem, das ich im Radio gehört, wie sein von ihm erwähntes Alter jenem, das ich in seinem Paß gelesen hatte. Blitzschnell hatte er ein derart dichtes Netz aus Lügen gestrickt, daß ich mich hoffnungslos darin verfangen mußte. Ich begann mir Sorgen zu machen.
In der Karl-Marx-Straße hielten wir, er stieg aus und ging in die Volksbank. Dort legte er am Automaten ein paar Gedenkminuten ein. Als er zurückkam, brachte er schlechte Nachrichten: Er bekäme heute kein Geld mehr, weil er vorhin bereits welches gezogen hätte. Und er sei von dieser Tatsache mit der gleichen Wucht überrascht worden, wie ich jetzt wohl auch. Ich mache mir nun gewiß Sorgen, erriet er feinfühlig, aber er habe mir einen grandiosen Vorschlag zu machen: Er überlasse mir jetzt seine Bankkarte, nenne mir seine Geheimnummer und ich könne so das Geld morgen selbst abheben. Er würde sich nur meine Telefonnummer notieren, um mich anderntags anzurufen, und mir mitzuteilen, wohin ich ihm seine Karte zurückbringen könne. Er seinerseits habe leider kein Telefon und das Handy sei ihm gestohlen worden.
Und so einigten wir uns. "Gib mir noch mal zwanzig Mark", sagte Herr Can, "dann haben wir mit den 100 Mark und den 36 Mark 60 fürs Taxi zusammen 156 Mark 60." Dafür könne ich mir dann von seinem Konto 200 Mark abheben: Auch ein kühler Rechner kann durchaus ein großzügiger Mensch sein! Ich gab ihm die zwanzig Mark - kam es darauf noch an? Die Dummheit mit den hundert war bestimmt fünf mal größer gewesen. Abschließend verlangte Herr Can, noch zur Flughafenstraße gefahren zu werden - angesichts der gut 40 Mark Trinkgeld beileibe kein unangemessener Wunsch. Dort angekommen verschwand er in einer weiteren Spelunke. Am nächsten Nachmittag ging ich zum Geldautomaten und von da aus direkt weiter zum Polizeirevier Rollbergstraße.
Vor dem Revier stand ein Weihnachtsmann und verteilte Bonbons an die Kinder. Drinnen erzählte ich einem Beamten, ich sei Taxifahrer und wolle eine Anzeige wegen Betrugs erstatten. Er verließ den Raum und durch die geschlossene Tür konnte ich hören, wie sich die ganze Abteilung prächtig amüsierte. Dann kam Polizeioberkommissar Lausch zu mir herein, wischte sich die letzten Lachtränen von der Wange und legte mir einen dicken Ordner vor, die gesammelten Werke des Herrn Can: Dieser war offensichtlich sehr fleißig gewesen. Man müsse auch, so Lausch, bedenken, daß die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher sei, da sich sicher viele meiner Kollegen ihrer Blödheit schämten. Er nahm meine Anzeige auf und zeigte mir Bilder von Schnauzbartträgern. Ich könne die nur schlecht unterscheiden, diese Schnauzbartträger sähen alle gleich aus, erklärte ich dem schnauzbärtigen Oberkommissar, entschied mich am Ende aber doch für einen.
Schließlich war ich entlassen und ging noch kurz aufs Polizeiklo. Dort stand eine Botschaft an die Wand gekritzelt: "Geiler Boy, 18-jährig, will von dir gefickt werden. Warte jeden Tag ab 15 Uhr vor der Polizei. Mit Markus ansprechen." Der Ort für diese Botschaft schien nur im ersten Moment unpassend. Wenn man jedoch bedachte, wieviel Schnauzbärte dieses Haus inner- und außerhalb seiner Aktenordner barg, konnte man den geilen Boy für seine glänzende Wahl nur beglückwünschen. Ich sinnierte noch, daß Herr Can zwar ein Arschloch war und keine Ehre besaß, mir dafür aber endlich einen Ausweg aus dem Teufelskreis gezeigt hatte: Das Leben besteht halt nicht nur aus Kassieren. Ich wusch mir die Hände und verließ die Polizeistation.
Draußen stand immer noch der Weihnachtsmann. Als ich an ihm vorüberging, zupfte er mich am Ärmel. "Markus?", fragte ich und er nickte scheu. Da ich ja nun gelernt hatte, etwas spontaner zu sein, nahm ich ihn kurzerhand mit nach Hause.