Sarah Schmidt: Karneval
Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Ich bin mal wieder so richtig stolz auf die Berliner.
Anfang Februar haben die Bonner ja auf's Neue versucht, die Stadt zu übernehmen, hier den langweiligen Bonner Humor zu verkaufen, als es den angeblich ersten Karnevalsumzug seit 30 Jahren in Berlin gab. Ich hab mir das Ganze in der Abendschau im Fernsehen angeguckt und war begeistert. Da war er mal wieder, der Berliner, wie er leibt und lebt. Nicht daß der Umzug boykottiert wurde? Nein, nein, so sind wir nicht. Wir wollen schon dabei sein, wenn sich jemand bis auf die Knochen blamiert. Der Berliner lachte nicht und er hatte sich auch nicht verkleidet, nein, er besah sich das karnevalistische Treiben vom Straßenrand in stoischer Ruhe mit verschränkten Armen und versteinertem Gesicht. Schön war das.
Ich komm ja selber aus dem Rheinland und habe natürlich als Kind mitgemacht, wenn es hieß, von den Nachbarn Süßigkeiten zu erbetteln, am Rosenmontag schulfrei zu haben und sich zu verkleiden. Die beliebteste Verkleidung für Mädchen war jahrelang die Ausländerin. An erster Stelle die Spanierin, mit schwarz-rotem Kleid, großen Plastikohrringe und etwas Fächerartigem in die Hand. Für die Spanierin war meine Familie zu arm, wir Schwestern waren immer Zigeunerinnen. Das ist praktisch für die Mütter, denn so eine Zigeunerin, die kann ja praktisch anziehen was sie will, nur bunt muß es sein. Kinder aus intellektuellen Familien waren auch gerne mal Chinesen oder Mexikaner. Diese Art der, ich sag mal, multikulurellen Verkleidung ist irgendwie ausgestorben. Wahrscheinlich durch das eigene in der Welt herumreisen haben die Menschen gemerkt, daß die ganzen Ausländer zu Hause genauso in Jeans und Turnschuhen rumlaufen wie wir auch.
Mit elf war ich mal als Punkerin gegangen. Mit Kajal schwarze Lippen gemalt, dazu Anarchiezeichen auf der Backe, wild toupierte Haare und kaputte Hosen, Sicherheitsnadeln ohne Ende (davon hatten wir sehr viele, wie das bei armen Familien eben ist) und dazu trug ich einen total fiesen Gesichtsausdruck. Das war ziemlich toll und ein Jahr später war das schon keine Verkleidung mehr sondern mein alltägliches Outfit.
Aber immer noch tausendmal besser, wie als Teletubbie durch die Gegend zu laufen, finde ich.
Kaum war ich nach Berlin gezogen, hatte ich nie wieder das Bedürfnis gehabt, Karneval zu feiern. Das gehört sich hier eben nicht. Natürlich haben sich die Kinder, als sie noch im Kinderladen waren, verkleidet. Das beste Kostüm von meinem Sohn war "der Kellner". Er trug einen hochnäsigen Gesichtsaudruck und als einiziges Acessoire bekam er ein weißes Handtuch über dem Arm gelegt. Aber die Kinder haben sich sowieso ungefähr einmal in der Woche verkleidet und genauso hieß das Spiel auch. Nicht: "Wir feiern Karneval", sondern: "Los, laß uns verkleiden spielen."



Und wenn man als erwachsener Berliner wirklich mal einen verkleideten Ausländer sehen will, dann geht man Essen oder auf die ITB.
Der ganze Karnevals-Klimbim kommt ja ursprünglich von den Römern und die hierhergezogenen Bonner können es scheinbar einfach nicht verkraften, daß das römische Reich nie über die Elbe hinaus kam. Die im Westen wurden eben überrollt, hier im Osten herrschte der Hottentotte oder Hugenotte, oder so.
Und was besonders lustig daran sein soll, an hochrangige Arschlöcher der Politik, wie dieses Jahr Guido Westerwelle, den Orden wider den tierischen Ernst zu verleihen, versteh ich sowieso nicht. Sich das ganze Jahr aufregen über Benzinpreise, Steuern und Rinderwahn, um dann genau die Verantwortlichen dafür noch zu belohnen, das geht über meinen Horizont. Aber so ist er halt der Karnevalist.
Und daß dies der erste närrische Umzug gewesen sein soll, ist ja auch so was von gelogen. Erst vor drei Jahren gab es nämlich einen sehr schönen Umzug der Rixdorfer Faschingsgemeinde. Einmal die Sonnenallee hoch und runter und dabei kräftig "Heijo!" geschrien. Das war lustig, denn das waren nur 50 Leute und niemand hat sie beachtet.
Einzig und allein die Bedeutung des Wortes Karneval kam mir in diesem Jahr grandios wie nie vor. Carne vale heißt soviel wie: "Werde Vegetarier" und das paßt ja derzeit doch wirklich wie die Faust aufs Auge.