Falko Hennig: Dokumente der Straße
Mit den Jahren habe ich eine banale Erfahrung gemacht, sie könnte lauten: Das Leben schreibt die besten Geschichten. Es passieren so unglaubliche und aberwitzige Sachen, die würde sich niemand ausdenken, es sei denn, er möchte für wahnsinnig gehalten werden. Und manchmal kann man etwas hören oder Dokumente finden, die eine solche Geschichte erzählen.
Ich ging die Saarbrücker Straße entlang, und wie in einem nicht ganz so guten Film wehte der Wind ein verschmutztes Blatt vorbei. Ich hob es auf. Nicht nur, daß ich nichts wegwerfen kann, ich muß auch jeden Unrat und Müll überprüfen. Und dieses Mal lohnte es sich wirklich. Es war ein Brief, ich las:
Hallo Gieke, ich dachte, wir wollten vorurteilsfrei aufeinander zugehen. Ich hatte keine derartigen Hintergründe verknüpft. Ich hatte heute morgen auch keine schlechte Laune (habe Dir Morgenküsschen gegeben). Ich wußte nicht, dass Du bei der Frage, "ob wir noch Brot haben?" dermaßen ausrasten würdest, sonst hätte ich's mir wirklich gespart. Du hast doch gemerkt, dass ich keine schlechte Laune hatte, warum denkst Du von mir, dass ich inszeniere und vorwerfe, ohne das ich mich heute früh gewehrt habe.
Was für ein erschütterndes Dokument des Alltags, in was für Abgründe blickt man, erfährt man von einer Beziehungstragödie wie dieser. Aber manchmal schreibt das Leben sogar noch eine Fortsetzung. Als ich nämlich das verschmutzte Blatt umdrehte, stand dort die Antwort von Gieke. Und die übertraf eigentlich alles, was mir an schlimmen Verwerfungen der menschlichen Seele in den Großstädten unserer Welt bisher bekannt war. Die Antwort lautete:
Hallo Andy! Ab jetzt möchte ich bitte, daß jeder sein eigenes Brot hat. Für mich ist diese Art von Dir zu fragen, zumal ich Dir schon oft gesagt habe, daß mich das nervt, keine "normale" Frage. Was steckt dahinter? Macht es Dir Spaß oder ist es ein Zwang mit meinen Gefühlen zu spielen? Diese inszenierten, stillen Vorwürfe kombiniert mit einem traurigen Blick? Laß, es doch einfach sein. Außer, daß ich komische Gefühle zu Dir bekomme, erreichst Du damit gar nichts. Meine Intuition laß ich mir auch nicht mehr wegquatschen. Also, ab jetzt bist Du für "Dein" Brot selbst verantwortlich. Gieke.
Ich warte auf Weiteres. Ich weiß es genau, irgendwann wird mir der Wind eine Fortsetzung zuwehen, wenn ich durch die Saarbrücker Straße gehe. Ich brauche nur die Augen offen zu halten.