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Spider: Vater Staat

Von allen ehemaligen Bürgern der ehemaligen DDR hatten es die ehemaligen Ost-Berliner am besten, damals, denn in der damaligen Hauptstadt gab es öfter mal Bananen, Melonen oder Ersatzteile. Es gab drei Programme Westfernsehen, den RIAS und Lizenzpressungen der Schallplatte Fresh fruits for rotting vegetables der Dead Kennedys im polnischen Kulturzentrum.

Auch die USA hatten so etwas wie ein kleines Kulturzentrum, eine Bibliothek in ihrer Ost-Berliner Botschaft. Dort gab es nicht nur Zeitschriften und Bücher, sondern es wurden auch Videos mit herausragenden Leistungen der nordamerikanischen Filmkunst gezeigt, zum Beispiel die Star-Wars-Filme, von denen damals zum Glück erst drei gedreht waren. Ich ging trotzdem hin. Denn das Beste überhaupt, waren die Photokopien vom Programm des Westfernsehens, die dort zum Mitnehmen ausgelegt waren. Dafür wäre man als Zonendödel bis nach Sibirien gelatscht. Mir war Fernsehen zwar gleichgültig, ich hatte gerade Bier und Punkmusik zu meinen Lebensinhalten erklärt, aber ich wohnte damals bei meinen Eltern und konnte mit einer Programmvorschau Eindruck bei ihnen schinden. Weiterhin durften sich in der Berufsschule die anderen mein Fernsehprogramm abschreiben, wenn sie mich im Gegenzug dafür ihre Hausaufgaben abkupfern ließen. Sie war also recht nutzbringend für mich, die amerikanische Botschaft.

Oft ging ich zusammen mit meinem Kumpel Sven dorthin. Er interessierte sich für Computerzeitschriften und Geschichtsbücher. Ich blätterte im Hustler. Für mich blieb die Sache folgenlos. Er bekam Ärger. Ich lernte an der Berufsschule Ernst Reinke des volkseigenen Betriebes Elektrokohle Lichtenberg (VEB EKL). Der Arbeiter- und Bauernstaat machte sich nicht wirklich Sorgen wegen meiner Zukunft. Wahrscheinlich rechnete er mit meinem baldigen Ableben infolge Staublunge. Da war mein bißchen halbherzige Querulanz zu verschmerzen. Mit Sven jedoch, hatte die entwickelte sozialistische Gesellschaft (ESG) großes vor. Er war BOB, Berufsoffiziersbewerber, und machte im Glühlampenwerk NARVA eine Berufsausbildung mit Abitur (BMA). Er mußte vor imperialistischer Einflußnahme behütet werden. Also zitierte ihn der Direktor der Berufsschule zu sich und verbot ihm, ohne Widerrede zuzulassen, weitere Besuche in der Botschaft der USA. Das ging damals so einfach. Ab da mußte ich immer zwei Fernsehprogramme mitbringen. Denn Sven, und vor allem seine Eltern, wollten trotzdem nicht darauf verzichten.

Natürlich stellten wir uns die Frage, woher die Bonzen in der Berufsschule überhaupt von der ganzen Sache gewußt hatten. Daß der alberne Volkspolizist, der vor dem Gebäude herumlungerte, etwas damit zu tun haben könnte, war einfach unvorstellbar. Sven verdächtigte nacheinander alle seine Mitschüler als Petzen. Wir überlegten auch, ob nicht die Bibliothekare der Botschaft gemeinsame Sache mit der Stasi machten. Ich ermittelte noch in eine andere Richtung und suchte in der Umgebung des Botschaftsgebäudes nach Kameras oder Spitzeln. Einmal bat ich sogar einen zuverlässigen Freund, mich heimlich zu beschatten und darauf zu achten, ob ich verfolgt würde. Aber es half alles nichts. Die geheimnisvolle Quelle blieb geheim. Dabei war alles so einfach, wie sich noch zeigen sollte.

Drei Jahre später war die DDR zur Ehemaligkeit herangereift und die BRD hatte fünf neue Länder bekommen. Sven war doch nicht Offizier geworden, weil es seine Armee nicht mehr gab, sondern Masseur und medizinischer Bademeister. Ich war arbeitslos. Svens Mutter war gestorben. Die Wohnung war für seinen Vater allein zu groß. Es gab einen Umzug, und es gab viel zu packen. Vergessene Dinge wurden an's Licht geholt, um sie entweder mitzunehmen oder wegzuwerfen. Unter anderem eine Urkunde. Eine Auszeichnung, die der Vater für besondere Verdienste von seiner Arbeitsstelle erhalten hatte. Nun wußte Sven bis dahin nie so genau, als was sein Vater eigentlich gearbeitet hatte. Jetzt erfuhr er, daß der Brötchengeber seiner Familie das Ministerium für Staatssicherheit gewesen war. Der Vater hatte den eigenen Sohn denunziert. Aus Angst um die eigene Karriere, und natürlich aus Sorge um die seines Sohnes. Er wollte nämlich nur das Beste.

Nun hätte er Sven selbst ins Gewissen reden und ihm Besuche der amerikanischen Botschaft verbieten können. Es gibt nur eine logische Erklärung, warum er es nicht auch tat: Er wollte unbedingt eine Auszeichnung bekommen, eine Urkunde für besondere Verdienste vom Ministerium für Staatssicherheit. Das war schon was. Das war so ähnlich, wie wenn die Lehrerin in die Beurteilung auf dem Schulzeugnis schrieb: Andreas beteiligte sich an gesellschaftlichen Aktivitäten. Vielleicht war dieses beurkundete schöne Lob für den Vater auch mit einer Prämie verbunden, von der er seinem Sohn etwas schönes gekauft hat, zum Beispiel eine Lizenzpressung der Schallplatte Fresh fruits for rotting vegetables der Dead Kennedys. Wer weiß? Aber ich bin sicher, es ging ihm um die Urkunde. Geld, das Materielle, war in der DDR nicht so wichtig. Wichtiger waren zwischenmenschliche Wärme, familiäre Werte und Solidarität.

Ein Ost-Kader war bescheidener als ein West-Karrierist. Viel bescheidener sogar, Svens Vater konnte diese Auszeichnung niemandem zeigen, zumindest nicht innerhalb seiner Familie. Er muß eine Art platonisches Verhältnis zu diesem Blatt Papier gehabt haben. Vielleicht hat er es noch heute. Nie konnte er mit seiner Trophäe prahlen. Es hat ihm vollauf genügt, zu wissen, daß die Urkunde versteckt in der Schrankwand ruhte. Das war ihm Lohn genug, für seine gute Tat. Darin zeigt sich seine hohe charakterliche Reife, die lange Zeit sein Geheimnis war. Nun war dieses Geheimnis gelüftet. Aber das war nicht mehr so wichtig.

Besuche in der amerikanischen Botschaft waren jetzt für niemanden mehr ein Problem, außer für die Amis selbst. Sie hatten den Golfkrieg am Hals und ihr Botschaftsgebäude verwandelte sich in eine Festung. Jetzt standen nicht nur lächerliche Volkspolizisten davor, sondern Wasserwerfer und Stacheldraht. Aber man mußte ja auch nicht mehr hin. Es gab Computermagazine und Pornohefte an jedem Kiosk und Fernsehprogrammzeitschriften auch.

Copyright: Spider

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero
Nummer 29
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Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Bov Bjerg: Dorfampel Horst Evers: Mehr vom Tag Andreas Scheffler: Warum ich dauernd in Kneipen hocke Hans Duschke: Musst du auch fröhlich sein? Andreas Gläser: Frieden Jürgen Witte: Mit Fischen kann ich nicht so recht Spider: Aus dem Tagebuch eines Zwangsprenzlbergers Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit Ahne: Stempel Uli Hannemann: Männergesellschaft Sarah Schmidt: Karneval Falko Hennig: Dokumente der Strasse Spider: Vater Staat Hinark Husen: Streiflichter einer Ausbildung Dr. Seltsam: Familienbande Tube: Ficken! Andreas Scheffler: Besuch Christian Enggassner: Enten mit Geld Volker Strübing: Wenn die Menschen Horst Evers: Im Strudel der Sucht Gilbert Dietrich: Weisser Schnee, goldenes Horn... Falko Hennig: W 50 Hans Duschke: Ist da F.D.P. in mir? Jürgen Witte: Das Umland entdecken Theo Fuchs: Der Kinderarzt Tube: Aquarelle - Die Welt ist so falsch
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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