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Hinark Husen: Streiflichter einer Ausbildung

Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich mal über meine Anerkennungsjahr als Erzieher nachgedacht und festgestellt, daß mein damaliger Unterricht mich eigentlich auch für richig gute Jobs, also so was wie Manager oder Talkmaster qualifiziert.

Autogenes Training, Selbstfindung, Portraitzeichnen, Gesprächsführung und Antiaggressionstraining, das sind doch wirklich Sachen, mit denen jeder etwas anfangen kann. Nur, die anderen verdienen sich dumm und dusslig und ich kriege als quasi gleichqualifizierter nur BAT. Hab ich da was falsch gemacht?

Beim autogenen Training war ich fast der einzige, der während der Übungen wach geblieben ist, weil ich immer erst anderthalb Stunden nach Unterrichtsbeginn dazukam, während sich die meisten anderen pünktlich aus dem Bett geschält hatten und immer gleich eingeratzt waren, sobald die ersten monotonen "Ich-bin-ganz-ruhig-Sätze" gesprochen wurden.

In der Selbstfindungseinheit hab ich mich mal als Teddybär gemalt, worauf es zu großen Diskussionen kam, weil einige dieses als Symbol für Trägheit, mangelnde Flexibilität und übersteigerte Bequemlichkeit deuteten, ich aber eigentlich hatte sagen wollen, daß ich mit meinem leichten Übergewicht ganz gut zurecht komme. Die zweite Übung war mir dann schon zu blöd. Wir sollten unsere Familie als Gegenstände oder Tiere zeichnen. Ein Stilleben mit Bierflasche, Kehrschaufel und Kerzenständer und Chipstüte, oder was? Ich habe stattdessen ein kleines Panoramabild vom Ökosystem Wattenmeer gezeichnet, mit Austernfischern, Silbermöwen, Flußstrandläufer, Muscheln und ganz hinten am Horizont konnte man einen Schwarzspitzenriffhai erkennen. Mein Bild war als kleines Quiz angelegt: Ich wollte testen, ob die Dozentin erkennt, daß der Schwarzspitzenriffhai im Ökosystem Wattenmeer gar nichts zu suchen hat. Darauf ist sie leider nicht eingegangen, sondern sie hat in dem Raubfisch meinen Vater erkannt, zu dem ich ein sehr distanziertes und unterkühltes Verhältnis zu haben scheine. Den Austernfischer hat sie als schwarzweiße Krähe bezeichnet, die wohl mich selber darstellen solle, andere Arten waren dann nur noch Spatzen und symbolisierten meine Geschwister. Bei derartig geballter biologischer Ignoranz war es dann schon fast wieder logisch, daß sie die Silbermöwe als Adler deutete, der auf die ganze Szene ein scharfes Auge wirft, mithin also nur meine Mutter darstellen konnte.

Solches nimmt sich ja alles noch harmlos aus gegenüber dem Anti-Aggressions-Traininig. Der Dozent hatte uns in zwei Gruppen eingeteilt, und zwar in die Pünktlichen und die Verspäteten. Und obwohl ich für meine Verhältnisse selten so frühzeitig am Montag aufgetaucht war, es war viertel nach Zehn und ich mußte immerhin vom Wedding bis nach Lichtenberg fahren, teilte er mich der zweiten Gruppe zu. Wir bekamen die Aufgabe, uns eine Strategie auszudenken, wie wir an lebensnotwendige Gummibärchen herankommen, die er zuvor an die anderen verteilt hatte. Leider konnte die Gruppe sich nicht so recht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, weil ohnehin alle von diesem Spielchen angenervt waren. Während sich nun drei von uns gleich auf die Süßwarenbesitzer stürzten und ein wildes Gerangel entstand, hab ich mich zur Zeitungslektüre auf meinen Platz gesetzt, um dann wenig später das im Tumult auf den Boden gefallenen Naschwerk vom Linoleum zu kratzen.

Danach wurde der Dozent zusammengeschissen, weil er für dieses idiotische Spielchen eine so bescheuerte Einteilung vorgenommen hatte. Ob er denn in seinem Leben noch nie zu spät gekommen wäre, und das sei ja wohl total aufgesetzt gewesen und überhaupt, wir ließen uns nicht spalten. Der arme Kerl war völlig von der Rolle und hat die ganze Diskussion dann auch noch als persönlichen Angriff gegen sich fehlinterpretiert. Dadurch geriet das Anti-Aggressionstraining ein bißchen aus den Fugen.

Wie das wohl bei zukünftigen Fernsehgrößen und Managern geendet hätte? Aber die kommen wohl immer pünktlich.

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 29
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Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Bov Bjerg: Dorfampel Horst Evers: Mehr vom Tag Andreas Scheffler: Warum ich dauernd in Kneipen hocke Hans Duschke: Musst du auch fröhlich sein? Andreas Gläser: Frieden Jürgen Witte: Mit Fischen kann ich nicht so recht Spider: Aus dem Tagebuch eines Zwangsprenzlbergers Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit Ahne: Stempel Uli Hannemann: Männergesellschaft Sarah Schmidt: Karneval Falko Hennig: Dokumente der Strasse Spider: Vater Staat Hinark Husen: Streiflichter einer Ausbildung Dr. Seltsam: Familienbande Tube: Ficken! Andreas Scheffler: Besuch Christian Enggassner: Enten mit Geld Volker Strübing: Wenn die Menschen Horst Evers: Im Strudel der Sucht Gilbert Dietrich: Weisser Schnee, goldenes Horn... Falko Hennig: W 50 Hans Duschke: Ist da F.D.P. in mir? Jürgen Witte: Das Umland entdecken Theo Fuchs: Der Kinderarzt Tube: Aquarelle - Die Welt ist so falsch
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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