Dr. Seltsam: Familienbande
Ich bin bei meinem Vater zu Besuch, der immer mit mir zusammen Geburtstag hat. Komisch, früher war er doch immer doppelt so alt wie ich, jetzt trennen uns mal gerade zwanzig Jahre. Wenn wir zusammen in einer Kneipe sitzen, hält uns die Kellnerin für Brüder, für Vertreter einer Generation: "Noch zweimal Haferschleim und Tee für die beiden alten Herrn am Kamin, bitte!", ruft sie fröhlich durch die Küchenklappe.
Ansonsten ist es immer noch sehr wenig, was uns verbindet. Eigentlich nur Fernsehen. Ich habe meinen Fernseher vor dreizehn Jahren abgeschafft, weil ich süchtig war und nichts anderes mehr gemacht habe. Hier setze ich mich also zu meinem Vater vor die Glotze bis ich einschlafe. Das ist praktisch, denn dann muß man nichts reden.
Um zehn Uhr morgens, während ich mein Marmeladenbrötchen kaue, kommt eine Art Seelen-Striptease-Show. Sie heißt Franklin macht die Frauen schöner und zeigt einen elfjährigen Pummeljungen mit Zahnspange und schwarzgefärbten Haaren, der öffentlich seine Mama niedermacht, weil die sich immer so scheiße anzieht. Sie trägt ganz normale Jeans und Pullover und läßt sich von fremden Menschen im Publikum, von ihrem Sohn und vom Moderator beschimpfen. Dann wird sie hinter die Bühne verschleppt und umgestylt, kriegt lila Glitzerhaare, zu enge Tigerhosen, die ihren Hintern wie eine Wurstpelle umspannen und ein Hemdchen, das die Hüften nackt läßt. Na das sieht vielleicht erst scheiße aus. Unter frenetischem Jubel der enthirnten Idioten auf den Rängen tanzt sie durchs Studio und setzt sich auf die Couch zu ihrem dicklichen Sohn, der sie auf den Nacken tätschelt wie eine Sau im Schlachthof.
"Ich fühle mich so jung", sagt die Hingerichtete, "ich gehe heute abend auf die Piste, und vielleicht klappt es dann auch mit einem neuen Partner." Sie würde alles tun, um das kleine ödipale Monster zu erfreuen, das sie aufgezogen hat.
Sie ist Arbeiterin, Alleinerziehende mit zwei Kindern und sieht einfach nur abgearbeitet aus. Die normale soziale Wirklichkeit im Kapitalismus, wo ein Landowsky pro Tag soviel Ruhegehalt bekommt, wie diese Frau den ganzen Monat über für einen 3-Personen-Haushalt erarbeiten kann. Der Kommunismus wird das ändern, aber der hat zur Zeit keine Konjunktur. Inzwischen werden die Opfer dazu gebracht, sich auch noch selber zu verachten und zu verspotten. "Die Masse der Menschen führt ein Leben in stiller Verzweiflung." (H. D. Thoreau).
Nach dem Frühstück bin ich wach und sollte eigentlich meinen Vater zum Arzt fahren. Aber was da jetzt als nächstes im Fernsehen passiert, scheint mir derart ungeheuerlich, daß ich es nicht verpassen will und suchtabhängig schicke ich meinen alten Vater alleine los.
Bei Franklin wird eine dicke Bauerntochter von ihrer Großfamilie in die Mangel genommen. Weil sie so dick ist. Die ganze Familie ist grausam lieblos, ätzend doof und furchtbar und ich kann gut nachvollziehen, warum sie als zugeheiratete Schwiegertochter in diesem Haus nichts anderes tun kann, als sich autoaggressiv die Plauze vollhauen. Dabei wäre hier die einzig richtige Lösung: Schwiegervaters Jagdflinte rausholen und die ganze Mischpoke ausrotten.
Die Familie schließt den Kühlschrank ab und versteckt den Schlüssel vor ihr. Im Supermarkt wird bespitzelt, was sie in den Wagen legt. Wenn die anderen Familienmitglieder sie im Dorf treffen, wenden sie sich ab oder wechseln die Straßenseite. Der zahnlose Familien-Chef mit den tyrannischen Alkoholiker-Augen weist sie aus dem Wohnzimmer, weil er ihre schlampige Figur nicht ertragen kann.
Das alles ist so abgründig bösartig, daß mir selber kalt wird vor Einsamkeit. Und vor Erinnerung. Die gesamte Familie ist asozial und psychotisch, die Dicke ist nur Symptomträgerin. Im Untergrund aller Anwürfe schwingt die Gefühlsregung: Du bist so fett und häßlich, niemand liebt dich, du kannst dich nur noch umbringen.
Eine grausame Tragödie spielt sich im Studio ab, und keiner hilft, keiner hat Mitleid. Im Gegenteil, eine auch ziemlich umfangreiche Zuschauerin kotzt sich aus: "Also so dick sein, das finde ich einfach unmöglich. Ich habe ja selbst Gewichtsprobleme, aber man muß sich ja nicht so gehen lassen." Ein mieser Gefühlsmix aus blindem Haß, Angst und Minderwertigkeit sprudelt aus ihr raus, zu dick sein ist unwertes Leben. Dann kommt eine Lätta-Reklame.
Danach läßt sich die Wirkung der bunten Werbe-Bilder besichtigen. Eine Lehrstunde in Massenpsychologie. Eurokapitalismus 2001: Alle die da im Studio versammelt sind gehören sichtlich zu den Mühseligen und Beladenen, sind gezeichnet von miesen Arbeitsverhältnissen oder haben die Säufergesichter von Bauern und Langzeit-Erwerbslosen. Und dann kommt der - übrigens stotternde - Moderator und weist ihnen ein Opfer, auf das sie ihren ganzen Selbsthaß abladen können. Genau so, denke ich, funktioniert das Negerjagen vor dem Bahnhof von Königs Wusterhausen.
Mein armer alter Papi kommt vom Arzt heim und sagt still, daß er wahrscheinlich Krebs hat und ich mache, daß ich zurück nach Berlin komme zu den lustigen Leuten vom Frühschoppen. Familie, wenn man nicht weg kann, ist etwas woran man erstickt.