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Andreas Scheffler: Besuch

"Ich will am Wochenende rausfahren", sagt Sabine. - Kann ich gut verstehen. Wir haben klasse Wetter und ein kleines Wassergrundstück am Schulzensee. "Ich muß aber bis Sonntag einen Text schreiben", muß ich leider erwidern. - "Und dann kommt am Samstag Jan, ihr trinkt eine Flasche Gebirgskräuter aus, und dann wird es nix mehr mit dem Schreiben. Nimm den Computer mit und denk dir am Wasser was aus." "Okay", sag ich, wir packen die Katze ein und fahren am Freitag los. Abends kommen die Schwiegereltern zum Grillen, den Samstag hat Sabine für sich, ich für den Text. - So war es gedacht.

Mittags installiere ich meinen kleinen Apple-Computer auf einem Camping-Tischchen und denke nach: Vielleicht eine Persiflage auf die Fernseh-Show Verzeih mir. So was wie: "Verpiß Dich" - Wem wollten Sie schon immer mal sagen "verpiß Dich"? Ich will gerade loslegen, da ruft Sabine: "Guck mal, sind das da auf dem Boot nicht Carola und Klaus?" Ich stehe auf. Ja, sie sind es. Carola und Klaus machen einen Osterausflug und wollten mal gucken, ob wir da sind.

"Stören wir auch nicht?", fragen sie.

"Nein", sagt Sabine aufrichtig.

"Nein", lüge ich ungehemmt. Das Boot wird am Steg festgemacht, und unser Besuch erobert das Areal. Unmengen von Grillzeugs und Getränken werden herbeigetragen. Zuletzt holt Klaus eine Flasche Schnaps aus der Kajüte. "Andreas, trinken wir einen Braunen zusammen?"

"Brauner" ist Ostdeutsch und bedeutet "Weinbrand". Unter normalen Umständen hätte ich sofort begeistert "ja" gesagt, aber ich habe an sich zu tun. "Laßt euch durch mich nicht stören", erkläre ich, "ich muß nur noch eben einen Text schreiben."

"Ist doch schön, wenn man was zu tun hat", meint Carola. Klaus ist der Auffassung, ein Brauner würde die Gedanken anregen. Beide Feststellungen sind falsch. Trotzdem halte ich plötzlich ein gefülltes Schnapsglas in der Hand. Aus Höflichkeit nippe ich ein wenig daran. "Tut mir leid", entschuldige ich mich zu Unrecht, "jetzt habe ich aber zu tun."

"Mach nur, wir stören dich gar nicht", meint Carola in tragischer Verkennung der Umstände. Ich versuche, mich, auf den Text zu konzentrieren und gerade diese Umstände für das Thema "Verpiß Dich" zu nutzen.

Zwei Meter neben mir werden Bier und Weinflaschen aufgemacht und allerlei leckeres Zeug zum Essen aufgetischt. Mir fällt nichts ein. Wie üblich unterhält man sich über lustige Erlebnisse aus früheren Zeiten. "Weißt du noch, wie Andreas mal besoffen auf dem Steg ausgerutscht und dann ins Wasser gefallen ist? Er hatte nichts zum Wechseln dabei und mußte dann Klamotten von Sabine anziehen."

"Klar", sagt Klaus lustig, "Andreas macht auch alles, um mal Frauenkleider tragen zu können." - Brüllendes Gelächter. Dazu muß ich jetzt aber was sagen: "Ich war nicht besoffen und überhaupt..." In einem Reflex trinke ich das angenippte Schnapsglas aus. Ich bin sowieso raus aus dem Text, aus genau dem Text, der am nächsten Morgen fertig sein muß.

"Andreas, wenn dir nichts einfällt - ich hätte da ein paar Geschichten parat..."

Ich lehne dankend ab. "Macht doch mal einen kleinen Spaziergang", schlage ich vor.

"Och, wo wir hier schon mal am Wasser so schön sind. Oder stören wir?"

"Nee, ist schon okay." Warum bin ich bloß zu solcher Höflichkeit erzogen worden?!

"Was schreibste eigentlich", fragt Klaus, "komm ich da auch drin vor?" - Gute Frage. "Der Text heißt Verpiß Dich, wenn ich ihn fertigkriege. Du kommst bis jetzt noch nicht drin vor", gebe ich Auskunft. Das sollte doch wohl genügen.

Klaus lacht und schenkt sich noch einen Braunen ein. Anschließend steht er auf und schwenkt die Flasche vor meinem Gesicht. "Na, noch einen für die grauen Zellen?" Sabine schaut skeptisch, doch ihre Gastfreundschaft siegt. "Ich gehe hier gerade meinem Beruf nach! Seid doch mal eine Stunde leise!", sage ich laut. Ganz kurz herrscht Stille, doch wer Weinbrand "Brauner" nennt, kann nicht für längere Zeit ruhig sein.

"Was kriegste denn für den Text, wenn er fertig ist?"

"Ein zufriedenes Gefühl und meinen Feierabend. Und dann können wir einen Schnaps zusammen trinken."

"'N Schnaps kannste auch jetzt schon haben."

"ICH WILL JETZT ABER KEINEN SCHNAPS. UND SCHON GAR KEINEN BRAUNEN. ICH WILL MEINE RUHE UND FERTIG WERDEN!"

"Ganz schön empfindlich", raunt Carola. Aber dann sind sie ruhig. Eine halbe Stunde lang flüstern sie nur. Ich kann mich konzentrieren. Der Text wird gut, richtig gut. Ich bin vertieft und nehme nur aus den Augenwinkeln wahr, wie Klaus von seinem Stuhl aufsteht und zu seinem Boot geht. Er muß an meinem Tisch vorbei; ich sehe nicht auf, nicht jetzt, wo ich fast fertig bin. Er schreit, er fällt, ich schreie, mein Bildschirm ist leer, ich hatte nicht gespeichert, ich hatte meinen Text nicht gespeichert, und er hat beim Fallen das Stromkabel rausgerissen; ich springe auf, ich haue mit meiner Faust auf den Tisch, die Flasche Brauner, ein Drittel ist noch drin, droht umzukippen, ich fange sie auf, drehe den Verschluß auf, und trinke sie aus. Ich habe auch noch eine ganze Flasche Gebirgskräuter.

Und wenn der Kater weg ist, schreibe ich diese Geschichte. "Besuch" wird sie heißen.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 29
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Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Bov Bjerg: Dorfampel Horst Evers: Mehr vom Tag Andreas Scheffler: Warum ich dauernd in Kneipen hocke Hans Duschke: Musst du auch fröhlich sein? Andreas Gläser: Frieden Jürgen Witte: Mit Fischen kann ich nicht so recht Spider: Aus dem Tagebuch eines Zwangsprenzlbergers Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit Ahne: Stempel Uli Hannemann: Männergesellschaft Sarah Schmidt: Karneval Falko Hennig: Dokumente der Strasse Spider: Vater Staat Hinark Husen: Streiflichter einer Ausbildung Dr. Seltsam: Familienbande Tube: Ficken! Andreas Scheffler: Besuch Christian Enggassner: Enten mit Geld Volker Strübing: Wenn die Menschen Horst Evers: Im Strudel der Sucht Gilbert Dietrich: Weisser Schnee, goldenes Horn... Falko Hennig: W 50 Hans Duschke: Ist da F.D.P. in mir? Jürgen Witte: Das Umland entdecken Theo Fuchs: Der Kinderarzt Tube: Aquarelle - Die Welt ist so falsch
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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