Volker Strübing: Wenn die Menschen von den Pflanzen abstammen würden...
Es ist Samstag, ein wunderschöner Frühlingsabend, und nichts hält mich zu Hause. Ich muß los, "ein paar Blümchen besummen". Heute nix mit Blume 2000, dem kleinen Sexshop an der Ecke. Und schon gar nicht eine von diesen 0190-Nummern, wo sie mir für viel Geld das Summen exotischer Bienenschwärme vorspielen. "Geile afrikanische Honigbienen mit stark behaarten Beinen warten auf Dich! Ruf an, ruf an, ruf an!", wie es in der Werbung immer heißt. Keine Lust, mir mit den Zweigen trostlos an den Staubgefäßen rumzuspielen. Ich will eine echte Frau in meinen Ästen halten. Ich will ihr eine Frucht machen.
Kritisch mustere ich mich im Spiegel. Mit ein bißchen Gel bringe ich mein Laub in Form. Soll ich mich rasieren oder die Drei-Tage-Triebe stehen lassen? Ja, ist besser, spart Zeit und sieht schön wild aus. Ich hebe meinen rechten Ast und schnuppere am Achsel-Laub. Igitt, stinkt ja schon wieder eklig nach Sauerstoff! Schnell Deo drauf!
Ich ziehe mir meine schönste Vase an und gehe los. Unterwegs kehre ich noch kurz in einem türkischen Solarium ein. Hab seit dem Frühstück noch nicht ordentlich photosynthetisiert. Und dann hole ich mir noch am Spätverkauf Batterien für meine Taschenlampe, da kann ich zwischendurch immer mal einen Snack nehmen.
Im Flower Power ist noch nicht viel los. Ich setze mich an die Bar und bestelle einen Wodka-Gülle. Der DJ ist echt Sauerstoff. Spielt unerträgliche deutsche Rap-Musik, pubertäre Sexphantasien:
Alle Frauen wollen so gerne meinen Pollen Anmutig schütteln Sie ihr Laub Sie wollen meinen Blütenstaub
Langsam füllt sich der Schuppen. Ein paar interessante Frauen sind dabei. Aber alle so laubarm. Blöder Diät-Wahn, die sitzen bestimmt jeden Tag drei Stunden in der Dunkelkammer, damit sie genauso krank und herbstlich wie die Models in den Modezeitschriften aussehen!
Obwohl, die eine da, die könnte mir schon gefallen! Sie hat langes, hennagefärbtes Laub, Stengel bis zum Hals und ein umwerfendes Lächeln. Bei der würde ich gerne mal an der Blüte schnuppern! Ich zweige mir noch ein Düngestäbchen aus der Verpackung und klemme es lässig zwischen meine Lippen. Verdammt: Die Schachtel ist fast alle und das ist schon meine zweite heute!
Das Mädchen setzt sich in eine Ecke und guckt gelangweilt. Gutes Zeichen. Aber wie soll ich sie ansprechen? "Gehn wir zu dir, oder gehn wir zu mir?" Das wär toll, aber ich trau mich nicht. Warum steht sie nicht einfach auf, kommt zu mir, wirft sich mir in die Äste und stöhnt: "Pflück mich"?
Ich kippe den Rest meines Drinks hinunter und schlendere zu ihr rüber: "Hey, Knospe, du langweilst dich doch sowieso, da kann ich dir doch auch meine Lebensgeschichte erzählen!" Cooler Spruch.
"Ach bestäub dich doch selber!" So eine blöde Stinkmorchel!
Auf meinem alten Platz hat sich unterdessen ein ganz schnuckliges Pflänzchen niedergelassen. Sie unterhält sich zwar schon mit einem Typen, aber der ist keine Konkurrenz. Könnte ihr Vater sein! Sein Gesicht ist von Borken zerfurcht. Ob der überhaupt noch einen zum Blühen kriegt?
Hmmm, aber irgendwie scheint er das Mädchen zu faszinieren. Und vielleicht ist er doch nicht so alt. Eher verlebt, gezeichnet von den Spuren eines exzessiven Künstlerlebens. Trägt nur noch wenige, braune Blätter und hat einen irren Blick. Sicherlich Junkie. Voll auf Agent Orange. Junge Mädchen finden so was ja oft total interessant. Sie hängt förmlich an seinen Lippen. Das wird schwieriger als angenommen.
Ich bestell mir einen Power-Energy-Cocktail. Nach zwei Minuten bringt der Barmann mir ein großes, halbverwestes Meerschweinchen. In seinem Hintern steckt ein dicker Strohhalm. Ahhh... lecker, das düngt und gibt Energie. Und jetzt wollen wir doch mal sehen, bei wem sie heute im Beet landet!