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Horst Evers: Im Strudel der Sucht

Der Zettel im Hausflur war klar und unmißverständlich, wie jedes Jahr: Ihre Heizung wird gewartet. Unser Monteur kommt am (und dann groß) Do, den 25. Januar zwischen 7 und 13 Uhr. Bitte stellen sie sicher, daß er ungehinderten Zugang zu Ihrer Befeuerungsstätte hat, da wir Ihnen sonst zweite Anfahrt und Wartung gesondert berechnen müssen. Zwischen 7 und 13 Uhr, warum nicht gleich: Komme im Jahr 2001 zwischen Februar und Oktober.

Mist, ausgerechnet Do, da muß ich eigentlich als Kandidat zur Aufzeichnung von "Jeder gegen jeden". Seit Jahren bewerbe ich mich bei allen möglichen Quizshows, um da endlich mal mein ganzes sinnloses Wissen zu Geld zu machen, diesen eigentlich völlig überflüssigen Hirnmüll, den ich mir aus unerfindlichen Gründen über Jahre hinweg gemerkt habe und einfach nicht vergessen kann. Wer sang 1974 "Oh pardon, sind Sie der Graf von Luxemburg?" - Dorte Kollo. "Wer wurde 1983 800-Meter-Weltmeister in deutscher Rekordzeit?" - Willi Wülbeck. "Wie lang ist eine preußische Elle?" - ca. 67 Zentimeter. Lauter so Zeugs, das dann im Hirn den Platz blockiert, den ich z.B. bräuchte, um mir endlich mal zu merken, an welchem Tag denn bei uns im Haus eigentlich die Altpapiertonne geleert wird. Andere wissen das, denn spätestens eine Stunde nach der Leerung ist sie jedes Mal schon wieder voll. Wie die das machen, man weiß es nicht. Aber jetzt hat man mich mal zu einer dieser Quizshows eingeladen. Da kann ich endlich den ganzen Kopf leerantworten und hab dann wieder schön Platz, und ausgerechnet...

Naja, denk ich, muß ich halt einem Nachbarn den Schlüssel dalassen. Aber als ich nach Post gucke, liegen im Briefkasten schon die Schlüssel sämtlicher anderen Mietparteien aus dem Haus. Einer hat sich wenigstens noch die Mühe gemacht einen Zettel dazuzulegen. "Hallo Herr Evers, Sie sind ja eh den ganzen Tag zuhause, da können Sie Donnerstag ja eben den Wartungsmenschen..."

Gehe nach oben, rufe SAT.1 an und sage die Sendung ab. Besuche von Handwerkern bedeuten für mich immer Streß. Meist putze ich die ganze Woche vorher, damit der Handwerker nicht denkt, ich sei unordentlich, was ich ja eigentlich ein stückweit bin, weshalb ich ja auch die ganze Woche putzen muß. Aber diesmal muß ich nur den Weg von der Wohnungstür bis zum Durchlauferhitzer aufräumen. Kann ich also einfach das ganze Gerümpel ins zweite Zimmer schaffen. Da muß er nicht rein.

Das Aufräumen hat dann doch einen ganzen Tag gedauert. Vor allem wegen der riesigen Altpapiermassen, die ich ins Zimmer schaffen mußte. Da ich nie einen Altpapiercontainer-leer-Moment erwischte, wuchs der Stapel in der Wohnung schnell an. Bald war er auf Hüfthöhe, dann Brust, dann Schulter. Ich machte das Beste daraus, nannte den Berg erst Archiv, später Bibliothek, dann Modernes Antiquariat und kam mir sehr kultiviert dabei vor. Dann kam der Moment, wo ich beim Frühstück zufällig beobachtete, wie die Altpapiertonne im Hof geleert wurde. Meine Chance. Jetzt hieß es schnell sein. Doch als ich vor meinem Modernen Antiquariat stand, befiel mich aufmal ein anderer, unglaublich schwachsinniger Gedanke. Ob ich es wohl schaffe, daß dieser Stapel bis zur Decke geht? Mein Ehrgeiz war geweckt. Von nun an lebte ich nur noch für dieses eine Ziel. Ein Mann und sein Traum. An manchem Samstag kaufte ich ohne Grund alle drei Berliner Tageszeitungen mit fettem Immobilienteil, rannte mit ihnen nach Hause und warf sie, ohne auch nur einen Blick reingeworfen zu haben, vor Erregung zitternd auf meinen Stapel. An meinen Briefkasten heftete ich Aufkleber mit der Aufschrift: "Werbung bitte hier einwerfen!!!", und forderte sämtlich Kataloge an, die man nur gratis anfordern kann. Ich war wie im Fieber. Freunde wandten sich von mir ab, weil ich mich nur noch für ihre Zeitungen interessierte. Es kam, wie es kommen mußte. Irgendwann erreichte der Stapel die Decke, ich war am Ziel, hatte alles erreicht. Aber nach dem Hochgefühl kam die Leere. Diese schreckliche Leere. Mein Leben hatte plötzlich keinen Sinn mehr. Ich begann einen zweiten Stapel, aber es war einfach nicht mehr so wie früher. Ich wurde apathisch und suchte Trost im Alkohol. Das klappte eigentlich ganz gut. Immer mehr und mehr trank ich und langsam wurde ich wieder gesellschaftsfähig. Ich hatte die Altpapiersucht besiegt. Der Rettungsanker Alkohol hatte mich vor dem Abgrund gerettet. Dachte ich. Bis ich deprimiert feststellen mußte, daß ich nur die eine Sucht durch eine noch viel schlimmere ersetzt hatte. Ich begriff meine fatale Lage, als ich mich bei dem Gedanken erwischte: "Ob ich es wohl schaffe, das ganze Zimmer mit leeren Flaschen vollzukriegen?" Von nun an war ich altglassüchtig. Der Strudel zog mich immer tiefer hinab. Auch die Altpapiersucht kehrte zurück und irgendwann sammelte ich wahllos alles, was mir in die Hände kam. Solange es nur einen grünen Punkt hatte. Ich beschloß professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, doch der Psychologe nahm mich erst ernst, als er feststellen mußte, daß nach unserem ersten Vorgespräch sämtliche Zeitschriften aus seinem Wartezimmer verschwunden waren, selbst die Bilder hatte ich entrahmt und mitgenommen. Daraufhin nahm er sich meines Falls an und es gelang ihm tatsächlich mich zu heilen. Heute erinnern nur noch die Altpapier- und Altglasmassen in meiner Wohnung an diese dunkle Zeit.

Nachdem ich sie ins andere Zimmer geschafft hatte, mußte ich nur noch die zehn Umzugskartons im Flur mit Decken zuhängen.

Umgezogen war ich irgendwann Anfang letzten Jahres. Warum ich diese letzten zehn Kartons immer noch nicht ausgepackt habe, weiß ich nicht. Hat sich irgendwie nicht ergeben. Dabei habe ich die anderen 93 Kartons in den ersten drei Wochen nach dem Umzug direkt, ziemlich schnell und gewissenhaft ausgepackt. Aber dann...

Vermutlich bin ich irgendwie abgelenkt worden, Telefon oder so... und hab danach dann versehentlich schon mit dem Wohnen angefangen. Ja, und wie's denn so ist, wenn man erstmal mit dem eigentlichen Wohnen angefangen hat, packt man die letzten Kartons nie mehr aus. Was in diesen Kartons drin ist, weiß ich nicht. Beschriftet sind sie mit Kram 24 bis Kram 33. Wird wohl nicht so wichtig sein.

Aber ich bin fest entschlossen, bei meinem nächsten Umzug in jeden Karton unten ein kleines Geschenk oder 10 Mark reinzulegen. Ich denke nur so ist wirklich gewährleistet, daß dann in der neuen Wohnung auch mal alle Kartons ausgepackt werden. Beim Thema Abwasch hat das ja schließlich auch prima geklappt.

Um die ständig anfallenden riesigen Berge dreckigen Geschirrs in der Spüle zu vermeiden, habe ich eine Liste mit den ganzen Zahlen, die ich ständig brauche, mir aber einfach nicht merken kann, EC-Geheimzahl, Telefonbanking, Kontonummer, Passwörter, Taxiruf, Hochzeitstag meiner Eltern und so weiter und so fort; absolut wasserdicht verpackt und in die Spüle geklebt, damit ich immer, wenn ich eine dieser Zahlen brauche, auch gleich abwasche. Mit großem Erfolg. Zwar steht die Spüle auch heute noch ständig genauso voll wie früher, aber mittlerweile kann ich alle diese Zahlen auswendig.

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 29
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Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Bov Bjerg: Dorfampel Horst Evers: Mehr vom Tag Andreas Scheffler: Warum ich dauernd in Kneipen hocke Hans Duschke: Musst du auch fröhlich sein? Andreas Gläser: Frieden Jürgen Witte: Mit Fischen kann ich nicht so recht Spider: Aus dem Tagebuch eines Zwangsprenzlbergers Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit Ahne: Stempel Uli Hannemann: Männergesellschaft Sarah Schmidt: Karneval Falko Hennig: Dokumente der Strasse Spider: Vater Staat Hinark Husen: Streiflichter einer Ausbildung Dr. Seltsam: Familienbande Tube: Ficken! Andreas Scheffler: Besuch Christian Enggassner: Enten mit Geld Volker Strübing: Wenn die Menschen Horst Evers: Im Strudel der Sucht Gilbert Dietrich: Weisser Schnee, goldenes Horn... Falko Hennig: W 50 Hans Duschke: Ist da F.D.P. in mir? Jürgen Witte: Das Umland entdecken Theo Fuchs: Der Kinderarzt Tube: Aquarelle - Die Welt ist so falsch
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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