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Gilbert Dietrich: Weißer Schnee, goldenes Horn, roter Stern

Ich lächelte hilflos, Tränen in den Augen: Für drei Wochen ins Kinderferienlager, schlimmer noch: ins Skiferienlager. Aber ich wußte, wenn ich erstmal dort bin, mich an die 12 Grad im Haus, an das frühe Aufstehen, den Sport im Schnee, das karge Essen und den kalten aber an Spülmittel reichen Pfefferminztee gewöhnt habe, wird es anfangen, ganz langsam anfangen, mir zu gefallen.

Wie im letzten Februar: Damals hatte ich mich ein paar Jungs in aller Freundschaft angeschlossen, nachdem sie mich wiederholt mit Schnee einseiften, in den sie zuvor gepißt hatten. An einem der Discoabende hatte ich mir ein Mädchen ausgesucht, das so aussah, als könne sie es sich nicht leisten, meine Aufforderung zum Langsamtanzen abzulehnen. Wir Jungs hatten uns nachts im Zimmer schweinische Witze und gruselige Geschichten erzählt. Und morgens wurde ich mit dem Geschmack des aus der Matratze austretenden Roßhaars auf der Zunge vom blechernden Lärm des Lagerleiters goldfarbenen Jägerhorns geweckt. Ich dachte kurz über den Sinn des Lebens nach und traute mich nicht aus dem Bett. Minutenlang sah ich dem Kondensieren meines Atems zu. Über Nacht kühlten die Zimmer auf 9 Grad ab.

Jeden Tag nach dem Wurstfrühstück steckte ich meine Füße in die noch feuchten Hartlederskischuhe. Es waren immer ausgeliehene und deshalb viel zu große Schuhe. Nach einigen Tagen hatte sich eine zweite Haut an den Füßen entwickelt. Die lag auf der anderen, nur von Gewebsflüssigkeit getrennt und dann passten die Schuhe wie angegossen, sozusagen. Ich spürte die Kälte an den Füßen nicht mehr. Regelmäßig machten wir uns zum Fünfzig-Kilometer-Langlauf auf oder wir riskierten nachmittags splitternde Knochen am Hang.

Der Höhepunkt war aber, wie jedes Jahr, der Tag, an dem wir alle in zwei Gruppen eingeteilt wurden, die Guten und die Schlechten. Wer zur guten Gruppe gehörte, bastelte sich einen roten Stern, den er dann mit einer Sicherheitsnadel an der Stirnseite seiner Mütze heftete. Dann versammelten wir uns alle zum Fahnenappell, auch jene ohne Stern. Man klärte uns über Sinn und Ablauf der folgenden Schnitzeljagd auf. Wie schon im letzten Februar würden wir auch dieses Mal den Großen Vaterländischen Krieg der Ruhmreichen Sowjetarmee nachspielen.

Es kam darauf an, daß die Kinder mit rotem Stern die Kinder ohne Stern irgendwo im Wald finden, und, da wir keine Gewehre hatten, galt es sie wenigstens festsetzen. Es machte mir nichts aus, wenn ich nicht zu der guten Gruppe gehören durfte. Erstens bereitete es mir schon immer Schwierigkeiten (und immer noch), einen gleichmäßig fünfzackigen Stern auszuschneiden und zweitens mußte man sich nicht so anstrengen, wenn man nicht zu den Guten gehört, denn man soll ja sowieso gefunden werden. Wie sonst sollte der Sozialismus siegen?

Als ich im letzten Skiferienlager doch den Guten zugeteilt wurde, und mir eine annehmbare Gleichmäßigkeit meines roten Sternes nicht glücken wollte, kam ich auf eine gute Idee. Ich malte ein Dreieck mit der Spitze nach oben und durch seine Linien ein ebensolches mit der Spitze nach unten. Dieser Stern hatte nun zwar sechs Ecken, er war aber durchaus gleichmäßig. Ich malte ihn rot aus, wobei die Farbe die schwarzen Dreieckslinien nicht wirklich überdeckte und heftete mir den Stern recht zufrieden an die Stirn. Auf dem Gang zum Fahnenappell begegnete ich dem Lagerleiter, der mich fassungslos anstarrte, sein goldenes Horn sinken ließ und mir meinen Stern vom Kopf riß. Ich verstand gar nichts und mußte bei den Bösen mitmachen. Abends wickelte ich mich in das urinfleckige Bettzeug und transzendierte meinen Zustand mit autogenem Training. Manchmal gelang es mir zu verdrängen, daß noch anderthalb Wochen vor mir lagen.

Wo würde ich in diesem Februar stehen? Lieber Gott, laß mich nicht bei den Guten sein! Ich lächelte hilflos meine Eltern an. Sie waren froh, mir so eine sinnvolle Ferienbeschäftigung verschaffen zu können. Gegen die Tränen konnte ich nichts machen. "Wenn du erst mal da bist, wird's dir schon gefallen", sagte meine Mutter und küßte mich.

Copyright: Gilbert Dietrich

zuletzt verändert: 18.06.2006 15:36
erstellt von jero
Nummer 29
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Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Bov Bjerg: Dorfampel Horst Evers: Mehr vom Tag Andreas Scheffler: Warum ich dauernd in Kneipen hocke Hans Duschke: Musst du auch fröhlich sein? Andreas Gläser: Frieden Jürgen Witte: Mit Fischen kann ich nicht so recht Spider: Aus dem Tagebuch eines Zwangsprenzlbergers Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit Ahne: Stempel Uli Hannemann: Männergesellschaft Sarah Schmidt: Karneval Falko Hennig: Dokumente der Strasse Spider: Vater Staat Hinark Husen: Streiflichter einer Ausbildung Dr. Seltsam: Familienbande Tube: Ficken! Andreas Scheffler: Besuch Christian Enggassner: Enten mit Geld Volker Strübing: Wenn die Menschen Horst Evers: Im Strudel der Sucht Gilbert Dietrich: Weisser Schnee, goldenes Horn... Falko Hennig: W 50 Hans Duschke: Ist da F.D.P. in mir? Jürgen Witte: Das Umland entdecken Theo Fuchs: Der Kinderarzt Tube: Aquarelle - Die Welt ist so falsch
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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