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Jürgen Witte: Das Umland entdecken

Wichtig ist gutes Kartenmaterial, am Besten zwei Karten von verschiedenen Verlagen. Kleiner Maßstab ist wichtig. Es soll drauf sein. Wanderkarten wären noch besser, aber da müßte man dann dauernd aussteigen und zu Fuß weitergehen. Das wollen wir nicht. Weil unsere Karten Autokarten sind, stehen nur Straßen drauf, die man mit dem Auto auch befahren kann. Also meistens. Unser Aral-DDR-Ausflugs-Kartensatz ist von 1992. War billig, 9 Mark 98 bei Karstadt. Ist aber schon ein bisschen alt. Da steht dann z. B. eine Fähre drauf, und wenn man dann da hin will, einen Eingeborenen am Straßenrand fragt, dann sagt der, daß die Fähre schon seit Jahren nicht mehr fährt. Das ist lustig. Deshalb machen wir doch Ausflüge ins Umland. Wegen dem Abenteuer.

Unsere normale Karte kennt drei Sorten Straßen. Die roten Straßen, die sind blöd. Das sind Bundesstraßen, da ist viel Verkehr und dauernd LKWs und Baustellen mit Ampeln und so. Solche Straßen sind für Leute, die ankommen wollen, und sich ärgern wollen. Wir aber wollen unterwegs sein, on the road, on the brandenburg-dirt-road to nowhere! Und wir wollen dabei ein bißchen ein Abenteuer haben. Nicht so schnell fahren, was mitbekommen, den Eingeborenen beim Arbeitslossein am Straßenrand zusehen. Schilder der Treuhand-Liegenschafts-Gesellschaft TGL vor verfallenden LPG-Gebäuden und FDGB-Ferienobjekten studieren. Also rote Straßen muß man meiden. Da sieht man nur vollerschlossene, unbebaute Gewerbegebiete und häßliche neuerrichtete Reihenhaussiedlungen, da regt man sich nur auf.

Dann gibt es da noch gelbe Straßen, die sind manchmal ganz gut. Also gelbe Straßen, wo dann noch ein grüner Balken dran ist, von wegen, weil Aral findet, das wäre da schöne Landschaft, solche Straßen können schon ganz toll sein. Da landet man dann plötzlich und unverhofft auf der Brandenburgischen Alleenstraße, und das ist schon gut. Ich mag sowas, Themenstraßen, da bin ich ein Fan von. Ich habe ja jahrelang an der oberschwäbischen Barockstraße gewohnt. Kloster Birnau: Rundum nix als Gegend und dann plötzlich am Straßenrand ein kleines Goldputtendisneyland: Große Kirche, kleiner Kiosk, riesen Parkplatz. Einfach so an der Straße und rundrum weite Felder wie in Amerika.

Da wo meine Mutter herkommt, in der Pfalz, da ist die Weinstraße, die berühmteste und, glaub ich, älteste aller deutschen Themenstraßen. Mal abgesehen von der Schwarzwald-Hochstaße, aber die hat kein richtiges Thema, außer daß die der Arbeitsdienst gebaut hat, wegen dem Hitler, und daß sich heute jedes Wochenende Motorradfahrer die Birne da einrennen. Da hab ich auch mal gewohnt.

Zeichnung von Fil

Also: Themenstraße, immer gut. Kann man so Sachen denken, wie: "Das ist jetzt aber mal 'ne richtig schöne Allee." Kaum hat man sich aber mit dieser brandenburgischen Alleenstraße angefreundet, schon hat man wieder so einen einheimischen übermotorisierten Deppen hinter sich, der dauernd überholen will. So einer von der Sorte, der auch eines Tages als verwelkter Blumenstrauß am Fuße eines Alleebaums seine letzte Ruhestätte findet - und dann macht das schon keinen Spaß mehr. Dann fährt man ab. Ganz schnell. Bei nächster Gelegenheit weg und kommt dabei zumeist auf meine Lieblingsstraßen.

Die schönsten Straßen auf unserer Karte von Aral sind die weißen Straßen. Da liegen Dörfer dran, die aus gerade mal fünf Häusern bestehen. Und die haben sogar ein Namensschildchen, und selbstredend sind sie alle auf der Aral-Karte drauf. Nicht in blauer Schrift, weil es da keine Aral-Tankstelle am Ort gibt, aber sie stehen drauf. Diese weißen Straßen, das sind oft gar keine richtigen Straßen, manche von denen bestehen aus NVA-Übungsgelände-typischen Beton-Riegeln, die man einfach so in die Landschaft geschmissen hat. Also Betonplatten für eine Wagenbreite, eine Straßenhälfte, und die zweite Straßenhälfte, die ist Kopfsteinpflaster oder Schotter, oder manchmal auch garnix.

Diese weißen Straßen sind klasse! Manche von denen hören auch einfach so irgendwo auf. Und das ist dann wieder Abenteuer. Wenn du so einen Weg vor dir hast, und der Belag hört auf irgendein Belag zu sein, und es wird ein Waldweg, ein Waldweg, den du nirgends in Westdeutschland befahren dürftest, aber hier, da darfst du das. Dann nix wie durch. Deshalb brauchts gutes Kartenmaterial.

Da ist man so gut wie immer allein, und wenn einer entgegenkommt, dann fährt man eben durch den Dreck. Und dann guckt der Einheimische, sieht das Berliner Kennzeichen und denkt, jetzt kommt da schon wieder so ein großkotziger Hauptstädter und will mir was wegnehmen. Diesen Blick kriegt man immer, wenn man die weißen Straßen langfährt. Dieses argwöhnische "was will der hier!" Oder wenn du in so einem vier-Häuser-Kaff an der einzigen Kreuzung stehst, und lange überlegst, rechts, links oder geradeaus, denn deine Karten widersprechen sich. Eigentlich dürfte hier gar keine Kreuzung sein. Und dann sitzen da drei glatzköpfige Dorfjugendliche mit Bierdosen an einer Bushaltestelle, und die sehen dich an, als würden sie dir am Liebsten gleich an die Gurgel. Das ist Abenteuer. Da bleibt man besser im Auto sitzen. Das ist wie im Safari-Park. Deshalb braucht man zum Entdecken des Umlands unbedingt ein Auto, mit dem Fahrrad wäre das viel zu gefährlich.

Zeichnung von Fil

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero
Nummer 29
Titelbild
Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Bov Bjerg: Dorfampel Horst Evers: Mehr vom Tag Andreas Scheffler: Warum ich dauernd in Kneipen hocke Hans Duschke: Musst du auch fröhlich sein? Andreas Gläser: Frieden Jürgen Witte: Mit Fischen kann ich nicht so recht Spider: Aus dem Tagebuch eines Zwangsprenzlbergers Manfred Wieninger: Die Kraft und die Herrlichkeit Ahne: Stempel Uli Hannemann: Männergesellschaft Sarah Schmidt: Karneval Falko Hennig: Dokumente der Strasse Spider: Vater Staat Hinark Husen: Streiflichter einer Ausbildung Dr. Seltsam: Familienbande Tube: Ficken! Andreas Scheffler: Besuch Christian Enggassner: Enten mit Geld Volker Strübing: Wenn die Menschen Horst Evers: Im Strudel der Sucht Gilbert Dietrich: Weisser Schnee, goldenes Horn... Falko Hennig: W 50 Hans Duschke: Ist da F.D.P. in mir? Jürgen Witte: Das Umland entdecken Theo Fuchs: Der Kinderarzt Tube: Aquarelle - Die Welt ist so falsch
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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