Theo Fuchs: Der Kinderarzt
Im Nürnberger Stadtteil Gostenhof, den der Volksmund auch als "Gostambul" bezeichnet, praktiziert der Kinderarzt Ephraim B. Er ist beliebt bei den Müttern und er ist lieb zu den Kindern. Auch meine Frau ging früher häufig und gerne zu ihm, selbst wenn unsere Kleine gar nichts hatte, jeder Vorwand war ihr recht. Das Kind spielte mit den anderen, fing sich dabei im besten Fall einen Virus ein, so daß bald ein weiterer Besuch notwendig wurde, und der Mutter die Gelegenheit bot, mit Dr. B. über Migräne und das Wetter zu plaudern. Auch ich hatte ihn mir einmal angesehen. Ich schützte Besorgnis vor, weil unser Töchterlein im Schlaf immer so ein arrogantes Gesicht mache - die Nase hoch, die Oberlippe vorgestreckt - und ob das bedenklich sei? Er beruhigte mich sofort und erklärte, das käme nur von der Perspektive, und er befahl mir, mich auf den Boden zu legen und ein x-beliebiges Kind von unten anzusehen, und ich würde bemerken, daß sie alle arrogant und hochnäsig aussehen, und die Oberlippe weit vorgestreckt. Dann fragte er, ob ich mit ihm rausgehe, eine rauchen, und wir stiegen durchs Fenster in den Hof, und seine Sprechstundenhilfe kam auch mit.
Ganz allgemein ist Dr. B. bekannt dafür, daß er nie irgend etwas bedenklich findet, sondern immer erst einmal beruhigt, jeder Hektik gelassen entgegentritt, Panik beendet. Sein liebster Ausspruch ist: "Na du armes Würmchen? Das paßt schon, das wächst sich raus." Die Mütter lieben ihn dafür und vielleicht auch deswegen, weil er selber wie ein kleiner Bub aussieht mit ein bißchen viel kahler Haut auf dem Kopf, aber ansonsten süß, verspielt, verschmitzt - einer, den man drücken möchte und an die mütterliche Brust pressen.
Früher war auch meine Frau ein Fan von ihm, und ich war immer auf dem Laufenden, welche Mutter gerade ganz besonders in ihn verliebt war, denn diese Frage beherrschte alle Gespräche im Wartezimmer. Einmal war's die füllige Walküre mit den fünf debilen Jungs, dann die verbiesterte Vegetarierin, die ständig den Eisenspiegel ihrer halb verhungerten Tochter messen ließ; ein andermal die deutsch-russische Malerin mit ihrem achtjährigen, schwulen Sohn, die Dr. B. nackt portraitieren wollte.
Jeden Mittag spaziert Dr. B. in Richtung Innenstadt, um in einem schicken Cafe, das von Bankern, Geschäftsleuten und Scheidungsanwälten frequentiert wird, ein Salätchen zu sich zu nehmen. Er trifft auf diesem Weg viele seiner Mütter, und allen lächelt er zu und grüßt sie. Im Sommer trägt er gerne kurze Hosen, die seine braunen, etwas krummen und stark behaarten Beine den Blicken darbieten.
Doch Dr. B. beging einen Fehler, der ihn zumindest die Gunst meiner Frau gekostet hat. Zufällig saßen wir nämlich auch einmal um die Mittagsstunde in diesem schicken Cafe (aus Gründen, die wirklich keinen was angehen!), und da kam folgerichtig bald auch Dr. B. herein, schritt fröhlich lächelnd zur Theke und wurde dort von einer blonden Bedienung herzlichst begrüßt. Sie war und ist wohl heute noch mehr als einen Kopf größer als er, sie hat langes, blondes Haar, endlos lange Beine, Barbiepuppenkurven und sie küßte ihn so, daß kein Mißverständnis über beider Beziehung zueinander mehr bestehen konnte. Wie ein geschwärzter Zwerg stand er vor ihr und stellte sich auf die Zehenspitzen. Meine kleine Frau trat mir auf den Fuß und deutete unverhohlen und mit dem nackten Finger auf das ungleiche Paar und fragte mich bestürzt: "Schau, der Dr. B.! Was macht der denn da?"
Ich wußte, daß jede Antwort auf diese elementare Frage nur falsch sein konnte, also schwieg ich, dachte mir aber, daß Dr. B.'s Geschmack gar nicht so schlecht sei, auch wenn das Paar als solches etwas albern aussah. Meinen Segen hatten sie. Wir wechselten natürlich sofort den Kinderarzt. Es schien mir ratsam, diese Angelegenheit nicht mit unnötigen Einwänden weiter zu verkomplizieren. Manchmal aber denke ich: Vielleicht würde die Welt endlich wieder einmal einen kleinen Schritt nach vorne tun, wenn die Kinderärzte den Priestern den Zölibat abnähmen? Oder vielleicht auch nicht.