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Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder

Mein 35. Geburtstag 1

(Andreas Scheffler) Die Gäste wünschten mir eine gute Gesundheit. Ich bekam allerlei Kräuterlikör, der ja bekanntlich dem Magen wohltut, jede Menge Bücher, deren Protagonisten im wesentlichen Säufer und Versager sind, man schenkte mir einen Jogging-Anzug, ein Kissen für die Fensterbank und eine Zusammenstellung verschiedener Vitamintabletten. So, so, mit 35 geht das also los.

Knochenbrecher

(Manfred Ach) Mein Onkel ist Knochenbecher. Als er noch klein war, übte er sich an Tieren. Spatzen waren ihm am liebsten. Aufmerksam lauschte er dem leisen Knacken des Brustbeins. Er hat den Krieg mitgemacht und ist jetzt in den besten Jahren. Morgens, zwischen Haustür und Garage, tritt er gerne in zugefrorne Wasserpfützen.

Kommunisten lenken ein

(Bov Bjerg) 12. September. Die Axel-Springer AG beschließt nen neuen Unternehmensgrundsatz. Er geht so: »Die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.« Auch alle Springer-Zeitungen müssen sich in Zukunft daran halten.

Na endlich. Nun ist also Schluß mit der anti-amerikanischen Hetze aus der Kochstraße. Mit Abscheu erinnern wir uns an BZ-Schlagzeilen wie »Ho-Ho-Ho-Chi-Minh« oder »Alle Macht den Räten, brecht dem Bush die Gräten!«

Deutschland atmet auf. Und Amerika natürlich auch.

Büroalltag

(Jürgen Witte) Lustig klappern die Tasten, hurtig fliegen die Finger, dazwischen schnell ein letzter Biß vom Kuchen, ein Schluck aus dem Bürokaffeebecher, jetzt noch die freundlichen Grüße, den üblichen Sermon, dabei mit der linken Hand die Bäckereipappunterlage gegriffen, weg damit in den Papierkorb, und hoppla, rieseln Krümel auf die Hose. Ups! Der kleine Finger geht ganz automatisch zur Funktions-Taste »undo Krümel«. Na, nun mach schon! überraschenderweise passiert aber nichts dergleichen. Computer? Auch da sind sie einfach zu blöd zu.

Standhaft

(Axel Klingenberg) Neulich in der Straßenbahn, ca 18 Uhr (gefühlte Uhrzeit: zwischen vier und fünf Uhr morgens): Ich komme von der Arbeit, bin müde, kaputt und genervt. Natürlich ist kein Sitzplatz frei. Plötzlich steht eine alte Frau (ca. 80 Jahre) auf, die so aussieht, als hätte sie zwischen Fabrikarbeit (zehn bis zwölf Stunden täglich) und Kinderaufzucht (ca. sieben oder acht Stück) noch freiwillige karitative Arbeit im Krankenhaus geleistet, und fragt mich: »Möchten Sie sich setzen?« Irgendwie demütigend sowas.

Schlüpfriger Dialog:

(Falko Hennig)

»Findest Du den Schlüpfer nicht etwas gewagt?«

»Wieso, den sieht doch keiner.«

»Eben!«

Bonifatius

(Manfred Ach) Herr Bonifatius lebte in einem Bauernstübchen. Einmal kam der Bürgermeister und fragte ihn nach seiner Meinung. Bonifatius sagte: »Es knistert im Gebälk.«

Wegen dieser äusserung kam er ins KZ. Sein Bauernstübchen wurde in Schutt und Asche gelegt. Heute sagt Herr Bonifatius, wenn er etwas knistern hört: »Das Holz arbeitet.«

Mein 35. Geburtstag 2

(Andreas Scheffler) Kurz nach zwölf: Hinrich hat inzwischen eine halbe Flasche Whisky ausgetrunken und freut sich. Jetzt fängt er an zu berlinern, was aus dem Munde eines Münsterländers ziemlich dämlich klingt. Irgendwie schafft er es, innerhalb eines völlig sinnfremden Kontextes die Worte »Telespargel«, »Hungerharke«, »Spreeathen« und »Schwangere Auster« unterzubringen. Erschreckend!

Kulturelle Nachrüstung gefordert

(Jürgen Witte) In den USA setzten sich wenige Wochen nach dem 11. September die Regierung und Vertreter der Hollywood-Film-Industrie zusammen, um über die Rolle des Kinos im Kampf gegen den Terrorismus zu diskutieren. Man könnte auch sagen, Hollywood bekommt vom Weißen Haus seine Direktiven im Propagandakrieg. Macht Filme mit viel Action, viel Patriotismus und Tränen und Happy-End. Als ob man den Leuten in Hollywood sowas extra sagen müßte. Waren sie da nicht schon seit Jahren fleißig dabei?

Eine Kulturkommentatorin im täglichen 3sat-Kulturmagazin merkte dazu kritisch an, daß es in Deutschland sowas, nach den Erfahrungen mit Goebbels und der UFA-Propagandmaschinerie wohl nicht geben werde. Fast bedauernd setzte sie dann hinzu, daß ein solcher Schulterschluß von Politik und Kino ohnehin nutzlos sei, weil wir in Deutschland derzeit über nicht einen einzigen Filmemacher verfügen, der in der Lage wäre, die Herzen von Millionen von Menschen mit dem Medium Film anzusprechen.

Schatzinsel

(Manfred Ach) Yoho und ne Buddel voll Rum, das ist es, was ich mir gemerkt hab. Die Seekarte, die Losungen, alles vergessen. Bin eben kein guter Schatzsucher. Ich bin ja schließlich kein Kind mehr, das noch an sowas glaubt. Und kein Vagabund und Abenteurer, der in See sticht nach einem Schatz. Nein, ich bin Insulaner, hock auf der Kiste und warte, bis sie kommen.

Erst kacken

(Robert Weber) Erst muß ich kacken und dann muß ich gehn. Ich würd’ ja lieber bleiben. Bleiben, bis sie wiederkommt. Aber dann denkt sie, ich wär’ extra solange geblieben. Also muß ich gehn.

Ich muß gehn. Aber erstmal kacken. Erst kacken und dann gehn. Ist das Liebe?

Schöner Wohnen?

(Jürgen Witte) Neulich waren wir bei Nachbars eingeladen, die wohnen viel stilvoller als wir. Alles in weiss-beige, auch auf dem Boden. Kaum Krempel, viel weniger Möbel, diese Leute scheinen tatsächlich nur genau soviel Zeugs zu besitzen, wie in ihre paar Regale auch wirklich reinpaßt. Da wird Birgit immer etwas neidisch, so wenige Möbel hätte sie auch mal gerne in unserer Bude.

Warum brauchen wir ein Dosenpfand?

(Bov Bjerg) Weil dann in der Samstagnacht keiner von diesen Amateurtrinkern und Sonntagssäufern, die die Kneipen und die Gehwege verstopfen, auf die »brillante« Idee kommt, seine allenfalls angenippte Bierbüchse auf die Bordsteinkante zu stellen und einfach weiterzugehen, jede Verantwortung leugnend für die Nachkommenden, von denen er doch diesen Gehweg nur geborgt hat; und ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, daß Blechdosen auf Bordsteinkanten bei folgenden Passanten, jung gebliebenen Männern zumal, unweigerlich den adoleszenten Kickreflex auslösen. Das designierte Spieltriebopfer merkt es im Moment, in dem, nach kurzem Anlauf, der Innenrist das Blech knapp über dem Asphalt berührt: »Hinter diesem Blech ist keine Luft. Hinter diesem Blech ist - Bier.« Sodann, die Dose am Fuß, verspürt der übermütige die schon nicht mehr überraschende Schwere des Gegenstandes, und noch während er, die bevorstehende Sauerei im Geiste vorwegnehmend, nach einer Deckung sucht, tut der teuflische Mix aus Fliehkraft und Kohlensäure sein zerstörerisches Werk.

Auch wenn die sogenannten »Freunde«, die einen begleiten, den Abend nun als »doch noch gerettet« bezeichnen: fünf Mark Pfand auf einen Liter Dosenbier! Mindestens.

146er

(Harald Kluge) Der ICE rollt in den Bahnhof Zoo ein. Ich stehe an der Tür und warte bis der Zug zu einem vollständigen Halt gekommen ist. Hinter mir stehen Vater, Mutter, Kind, die auch gerade ihren Urlaub von Anfang an beenden.

Kind (quengelig): »Wer holt uns ahab?«

Vater (barsch): »Keener!«

Mutter (nicht minder barsch): »Der Hundattsecksnvöazja!«

Ich bin wieder in Berlin. Es mag triftige Gründe geben, andernorts das Glück zu suchen. Oder auch nicht.

Fremdgehen

(Dan Richter) Ein Hauptstreitpunkt mit neo-libertär gesinnten Gespielinnen ist stets die Frage des Fremdgehens. Sie argumentieren, das halte die Beziehung frisch, um zu vertuschen, daß sie das Abenteuer suchen, weil sie ihre sexuelle Emanzipation noch nicht vollendet haben. Auffällig: Selbst die impulsivsten unter diesen Frauen fangen bei diesem Thema an, rational zu diskutieren. Wenn man dann selbst fremdgeht und von Gewissensbissen geplagt wird, erwartet man von der Freundin, daß sie vor Wut die Wände hochgeht. Das tut sie aber nicht. Darf man es von ihr verlangen?

Graphologen stellen fest

(Bov Bjerg) 26. September. Die BZ titelt: »Der Präsident. Der Terrorist. Was ihre Handschrift verrät. Britische Graphologen fanden es heraus.«

Tja, was haben sie herausgefunden? Daß einer von beiden wahrscheinlich Araber ist? Nicht ganz aber so ähnlich: »Bin Laden ist frustriert, unglücklich, leidet unter Minderwertigkeitskomplexen.«

Und der Präsident? »Bush ist ein zielbewußter, praktisch denkender und entschlossener Mensch, der sich unter Kontrolle hat.«

Na, da hammwer ja nochmal Glück gehabt.

Mein 35. Geburtstag 3

(Andreas Scheffler) Endlich sind alle fort. Erstaunlich oft habe ich an der Tür die Worte »Tchüssikowski« und »Tschö mit ö« gehört. Ich selbst habe mich gehütet, »Mach’s gut« zu sagen. Zu groß wäre die Gefahr gewesen, daraufhin ein »Aber nicht zu oft!« zu ernten. Was ich für Leute kenne - unglaublich!

Nachrichten vom Yeti

(Manfred Ach) Yeti läßt ausrichten, daß die über ihn verbreiteten Gerüchte Schnee vom vergangenen Jahr sind. Unrichtig ist, daß Yeti ein ungebildeter Stoffel ist, der von Kräutern und Gletschwasser lebt und aus dem Maul stinkt. Richtig ist vielmehr, daß Yeti nach Mottenkugeln duftet, täglich drei Liter Obstler zu sich nimmt und auf der Venus die Realschule besucht hat.

Kenn’se den schon?

(Jürgen Witte) »Auch in Humorfragen galten bei den Taliban völlig andere, für uns nicht immer ganz nachvollziehbare Normen. Witze waren nicht audrückliche verboten, verlangt ham’se nur, daß die mindestens so’n Bart haben«, und er zeigt mit der flachen Hand in Bauchnabelhöhe das korrekte Maß. »Ach so, den kannten se schon? Na ja, hab ich mir gedacht, daß se den schon kennen. Aber wenn man ihn zum ersten Mal hört?«

Nachtrag zu meinem 35. Geburtstag

(Andreas Scheffler) »Siehst du irgendwo einen Aschenbecher?« - »Nee, nimm doch einfach den großen.« - Das muß dringend verboten werden.

Copyright: Salbader.-Redaktion
Mitwirkende: Andreas Scheffler, Manfred Ach, Bov Bjerg, Jürgen Witte, Axel Klingenberg, Falko Hennig, Robert Weber, Harald Kluge, Dan Richter

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 30
Titelbild
Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Innere Sicherheit I Jürgen Witte: Vom Lächeln Andreas Scheffler: Wachs nicht so geschwind! Daniela Böhle: Ich bin Aktienbesitzerin Uli Hannemann: So schnell kann's gehen Spider: Schach Sarah Schmidt: Nazis stoppen Andreas Gläser: Ausziehen! Theo Fuchs: Kalter Döner Ahne: Flug LH 2231 nach Dortmund Konrad Endler: Kryptozoologen Tom Beinlich: Ich bin die Frau Bauer Horst Evers: Innere Sicherheit II Jochen Schmidt: Cindy und der Arsch Gottes Bettina Andrae: Gelichter Bov Bjerg: Bericht von der Durchquerung... Tube: Georges Workman Volker Strübing: Wenn ich ein Moorhuhn wäre Jürgen Witte: Ruinen Hans Duschke: Drei Chinesen vor dem Fahrstuhl Dan Richter: Angeln Christian Enggassner: Wege zum Ruhm Birgit Utz: Der König vom Camping Spider: Im Mastdarm der Ewigkeit Hinark Husen: Wedding wird Hauptstadt Ingo Klopfer: Kappenwerfen in Kurdistan Uli Hannemann: Süß und Herb Andreas Gläser: Im Tal der Demokratie
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