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Horst Evers: Innere Sicherheit I

Passiert ist es irgendwann Anfang der 90er Jahre in London und bis heute nimmt dieses Erlebnis in meiner persönlichen Top 10 von Momenten größter Angst, genauso wie in meiner Rangliste peinlichster Situationen einen absoluten Spitzenplatz ein. Es geschah nach einem Theaterbesuch. Nach Ende der Vorstellung mußte ich noch schnell auf Toilette. Ich ging, wohin ich gehen mußte und ließ, wie es so meine Art ist, meinen Rucksack solange vor der Sitzreihe stehen. Das war ein Fehler. Gerade hatte ich alle notwendigen vorbereitenden Verrichtungen getroffen und auf der Brille platzgenommen, als es plötzlich von außen an die Kabinentür hämmerte: »Open the door!«

Mir fiel in meiner Not nix Besseres ein, als zurückzubrüllen: »Is occupied!«

»Security, open the door immidiately!!!«

Zeichnung von Britta Tomaschko

Ich öffnete die Tür und sah drei bewaffnete Männer, zwei davon mit der Waffe im Anschlag. In diesem Moment lernte ich, daß die Redensart sich vor Angst in die Hosen machen, nicht nur eine Redensart ist. Gott sei Dank saß ich ja schon auf Toilette. Tatsächlich leerten sich beim Anblick der beiden auf mich gerichteten Waffen Darmtrakt und Harnblase so schnell, unkompliziert und grundlegend aus, daß bei aller Angst auch ein gewisses Glücksgefühl nicht ausblieb. Eine interessante Erfahrung. Auch für die Securitykräfte muß der Anblick des sich hilflos, endlos entleerenden Touristen etwas zutiefst Anrührendes gehabt haben, woraufhin sie mich sofort als harmlos einstuften und ihre Waffen sinken ließen. Dennoch ermahnten sie mich später streng, daß ich nie wieder an öffentlichen Orten Taschen oder ähnliches stehenlassen sollte. Natürlich fand ich seinerzeit die allgegenwärtige Panik der Engländer vor Anschlägen der IRA reichlich übertrieben, gab den Wachleuten aber vorsichtshalber in allem recht.

Trotzdem muß ich zugeben, daß ich seither in Zeiten wirklich schlimmer Verdauungsbeschwerden recht gerne in Berlin mit einem leeren Aktenkoffer zum Flughafen fahre, ihn irgendwo auffällig stehenlasse, auf Toilette gehe und geduldig warte, bis mir ein Trupp bewaffneter Wachleute Erlösung bringt.

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 30
Titelbild
Vorwort
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Horst Evers: Innere Sicherheit I Jürgen Witte: Vom Lächeln Andreas Scheffler: Wachs nicht so geschwind! Daniela Böhle: Ich bin Aktienbesitzerin Uli Hannemann: So schnell kann's gehen Spider: Schach Sarah Schmidt: Nazis stoppen Andreas Gläser: Ausziehen! Theo Fuchs: Kalter Döner Ahne: Flug LH 2231 nach Dortmund Konrad Endler: Kryptozoologen Tom Beinlich: Ich bin die Frau Bauer Horst Evers: Innere Sicherheit II Jochen Schmidt: Cindy und der Arsch Gottes Bettina Andrae: Gelichter Bov Bjerg: Bericht von der Durchquerung... Tube: Georges Workman Volker Strübing: Wenn ich ein Moorhuhn wäre Jürgen Witte: Ruinen Hans Duschke: Drei Chinesen vor dem Fahrstuhl Dan Richter: Angeln Christian Enggassner: Wege zum Ruhm Birgit Utz: Der König vom Camping Spider: Im Mastdarm der Ewigkeit Hinark Husen: Wedding wird Hauptstadt Ingo Klopfer: Kappenwerfen in Kurdistan Uli Hannemann: Süß und Herb Andreas Gläser: Im Tal der Demokratie
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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